Christian Herrmann

Wir wollen Wege zur Überwindung von Mobilitätshürden aufzeigen

Die jugendpolitische Initiative JiVE verankert Internationale Jugendarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe und hat die jugendlichen Zielgruppen in den Blick genommen, die bislang keine oder wenig Möglichkeiten zur Mobilität haben. Wir haben mit Lutz Stroppe, Abteilungsleiter für Kinder und Jugend im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das die Initiative fördert, über Ziele und Chancen von JiVE gesprochen.

Lutz Stroppe
Lutz Stroppe, Abteilungsleiter Kinder und Jugend im BMFSFJ BildImage: Henning Rohm

ijab.de: Herr Stroppe, die jugendpolitische Initiative JiVE hat Teilhabe und Mobilität zum Ziel und möchte damit auch diejenigen Jugendlichen erreichen, die bislang noch nicht von Internationaler Jugendarbeit  profitieren konnten. Damit das möglich wird, sollen Jugendliche mit Migrationshintergrund und benachteiligte Jugendliche besondere Unterstützung erfahren. Was ist Ihre Vision? Was soll am Ende bei Jugendlichen ankommen und sich bei ihnen verändern? Was soll nach JiVE anders sein als vor JiVE?

Lutz Stroppe: Die Wissenschaft spricht heute von einer internationalisierten Lebenswelt, die gekennzeichnet ist von „sprachlicher und kultureller Heterogenität“ (11. Kinder- und Jugendbericht 2002), einer „Ausweitung der Erfahrungs- und Aneignungsmöglichkeiten“ (12. Kinder- und Jugendbericht 2006) und einer „zunehmenden Unlesbarkeit, da bisherige Erfahrungen und das vertraute Begriffsinventar nicht ausreichen“ (13. Kinder- und Jugendbericht 2009). Wer aber einmal in einem fremden Land fernab von Familie und Freundeskreis im Internationalen Jugendaustausch, bei Jugendfreizeiten, Freiwilligendiensten, Au pair etc. Erfahrungen sammeln durfte, erwirbt gerade in dieser Hinsicht zusätzliche Kompetenzen und kommt meist selbstbewusst und in seiner Persönlichkeit gestärkt zurück. Dadurch ist er oder sie dann auch den Anforderungen des Schul- und Berufslebens in Deutschland besser gewachsen. Die noch deutlichere Profilierung der Internationalen Jugendarbeit als non-formales Bildungsangebot ist ein wichtiges Verdienst der Initiative JiVE. Zudem werden mit der Initiative JiVE jugendliche Zielgruppen in den Blick genommen, die bislang keine oder wenig Chancen zur Mobilität haben. Auch für sie müssen die Mobilitätsangebote entsprechende Anerkennung erfahren, damit auch die zeitlichen Freiräume und förderlichen Rahmenbedingungen entstehen können. Gerade der Verankerung bzw. Reaktivierung von internationaler Jugendarbeit auf der kommunalen Ebene ist dabei besondere Bedeutung beizumessen. Ich bin zuversichtlich, dass es der Initiative gelingt, vor allem im Zusammenhang mit der beruflichen, sozialen Integration benachteiligter junger Menschen, grenzüberschreitende Aktivitäten als neues Lern- und Erfahrungsfeld im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zu etablieren.

ijab.de: JiVE wird auf Bundes-, Länder- und lokaler Ebene umgesetzt. Ein Ziel ist es, die Internationale Jugendarbeit wieder stärker als festen Bestandteil von Jugendarbeit zu verankern und damit die internationale Jugendmobilität zu fördern. Welche Veränderungen, beispielsweise bei Förderung, Qualifizierung und Vernetzung, sind aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Lutz Stroppe: Für mich sind die wesentlichen Zielsetzungen der jugendpolitischen Initiative JiVE einmal die Erhöhung der Beteiligung von benachteiligten Jugendlichen und jungen Menschen mit Migrationshintergrund an der Internationalen Jugendarbeit sowie darüber hinaus die Schaffung von nachhaltigen strukturellen Verbindungen zwischen Internationaler Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, Jugendmigrationsarbeit, Migrantenselbstorganisationen sowie kommunalen Akteuren in der Kinder- und Jugendhilfe. Daran wird mit Förderung meines Ministeriums in den Teilinitiativen von JiVE gearbeitet. „Kommune goes International“ geht diesen Zielsetzungen in Zusammenarbeit mit den kommunalen Spitzenverbänden ebenso nach, wie der Deutsche Bundesjugendring mit der Initiative „International:Interkulturell“ bei der neben Mitgliedsverbänden auch  Migrantenselbstorganisationen und Vereine junger Migrantinnen und Migranten beteiligt sind.  Für die nichtverbandlich organisierten Träger hat transfer e.V. mit der Initiative „Interkulturell goes on“ diesen Prozess angestoßen und der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit greift die Thematik mit seinen Verbänden in eigenen Entwicklungswerkstätten auf. Ziel all dieser Initiativen ist es, geeignete Formate zu entwickeln und zu erproben, um Integration, Teilhabe und Mobilität von Jugendlichen zu fördern. Die Antwort, welche Veränderungen sinnvoll sind, kann also nicht heute gegeben werden, sondern wird am Ende des 3-jährigen Entwicklungsprozesses der Initiative JiVE stehen. 

ijab.de: Eine der Besonderheiten der Teilinitiative „Kommune goes International“ ist, dass die teilnehmenden Kommunen keine direkte finanzielle Unterstützung erhalten, sondern ein auf die Bedürfnisse vor Ort zugeschnittenes Beratungs- und Qualifizierungsangebot durch ein Expertenteam. Ein fester Berater, eine feste Beraterin steht den Kommunen dabei über die gesamte Laufzeit der Initiative zur Seite und berät auch bei der Antragstellung für mögliche Fördergelder. Kurz gesagt: Es wird kein Geld mitgebracht, aber Know-how. Wo sehen Sie die Chancen dieses Ansatzes?

Lutz Stroppe: Die Idee der Initiative löst sich damit weitgehend von der Ebene des Auftragshandelns und stellt gemeinsame Zielsetzungen in den Vordergrund. Das Know-how der Fachstellen IJAB und JUGEND FÜR EUROPA ermöglicht Wissenstransfer und Vernetzung. Dabei zählt nicht die monetäre Leistung, sondern der Mehrwert für das Gemeinwesen, die Kommune und die Menschen, die dort leben. Es ist bedeutsam, dass auch die Initiative JiVE insgesamt von den Trägern der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, von Verbänden, gesellschaftlichen Organisationen aber auch der Wissenschaft und den 21 Kommunen durch eigene Beiträge, im eigenen Interesse und in eigener Verantwortung unterstützt wird. Dies schafft gute Gelingensbedingungen für eine nachhaltige Verankerung der Ziele.

ijab.de: ln Kürze wird JiVE um eine sechste Teilinitiative ergänzt werden, das Modellprojekt "Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität für Jugendliche ermöglichen". ln dieses sollen neben der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie auch Akteure aus anderen Politikbereichen einbezogen werden. Sie sollen prüfen, welche Hindernisse für Mobilität bestehen und welche noch unerschlossenen Bereiche zur Förderung grenzüberschreitender Lernerfahrungen beitragen können. Was bedeutet das für die Initiative JiVE?

Lutz Stroppe: Mit dem Modellprojekt „Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität für Jugendliche ermöglichen“ wollen wir „Weiße Flecken“ für Lernerfahrungen durch Mobilität identifizieren und insbesondere mit Bundesländern gemeinsame Konzepte entwickeln und umsetzen. Wir sehen  nicht das Erfordernis für neue Förderprogramme, sondern im Fokus steht die länderspezifische Bündelung existierender Programme (Kommune, Land, Bund, EU) und ein gemeinsames Wirken für erforderliche Freiräume, allgemeine Wertschätzung der erworbenen Lernerfahrungen und günstige Rahmenbedingungen. Für die Initiative JiVE bedeutet dies noch einmal zusätzliche Akzentsetzungen, von denen sicher auch die übrigen Teilinitiativen profitieren: So soll zur Identifizierung und Überwindung von Mobilitätshürden ein besonderes Augenmerk auf Fachkräfte gelegt werden. Wir brauchen Fachkräfte, die selber über Erfahrungen mit grenzüberschreitender Mobilität und Zusammenarbeit verfügen. Denn sie, die ehrenamtlichen, haupt- und nebenberuflichen Multiplikator(inn)en, Jugendarbeiter/-innen, Fachkräfte, Verantwortliche und Expert(inn)en der Kinder- und Jugendhilfe, sind sowohl Zielgruppen als auch Vermittler und Träger einer internationalen Ausrichtung. Es ist daher ein Anliegen, kommunale, länderspezifische als auch bundesweite Initiativen und Maßnahmen für die Fachkräftequalifizierung aufeinander abzustimmen. 
Darüber hinaus nehmen wir mit dem neuen Modellprojekt auch in den Blick, dass Mobilitätsangebote und Programme auf Bundesebene von verschiedenen Ministerien gefördert werden und damit auch vielfältige Erfahrungen zu förderlichen und hemmenden Faktoren für Mobilität vorliegen. Wir wollen diese Erfahrungen bündeln und im Rahmen des Projekts auf Bundesebene in einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe Wege zur Überwindung von Mobilitätshürden aufzeigen.



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