Christian Herrmann

Digitale Jugendbeteiligung: Es muss einfach sein

In der alternden Gesellschaft sind Jugendliche zugleich eine umworbene und vernachlässigte Gruppe. Mal werden sie als Ressource für Innovation betrachtet, mal stoßen ihre Wünsche auf taube Ohren. Wie können junge Menschen mit Politik und Verwaltungen ins Gespräch kommen, ihre Vorstellungen umsetzen und welche Rolle spielen digitale Hilfsmittel dabei? Am 11. Mai 2017 ist das Gemeinschaftsprojekt jugend.beteiligen.jetzt im Rahmen einer Fachveranstaltung diesen Fragen nachgegangen.

Personen unterschiedlichen Alters stehen an einem Tisch und diskutieren
BildImage: Christoph Piecha   Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0

Dass man Jugendliche in einer alternden Gesellschaft immer wieder neu für die Gestaltung des Gemeinwesens gewinnen muss, ist eine der Schlüsselerkenntnisse von Politik in den letzten Jahren. Das hat Auswirkungen auf die Demografie-Strategie der Bundesregierung gehabt und findet auch Niederschlag in der Jugendstrategie 2015-2018 „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“. Auf der Tagung „Jugend gestaltet die digitale Gesellschaft“ des Gemeinschaftsprojektes jugend.beteiligen.jetzt drückte es Ministerialdirektorin Bettina Bundszus, Leiterin der Abteilung Kinder und Jugend im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, so aus: „Wir müssen eine Politik für Jugendliche, von und mit Jugendlichen gestalten.“

Demokratie auch mit elektronischen Mitteln denken

Dass dafür mehr gesellschaftliche Akteure als je zuvor bereit sind, das zeigte die Örtlichkeit, an der die Tagung stattfand: die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom. Aber es gibt auch weitere politische Rahmenbedingungen, die Jugendbeteiligung in einem neuen Licht erscheinen lassen. „Diejenigen, die neue Grenzen auf dem europäischen Kontinent, autoritäre Regierungsformen und ethnisch homogene Nationalstaaten wünschen, werden lauter und sie finden auch bei jungen Menschen Gehör“, stellte IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber in ihrer Begrüßung fest. Grund genug, Demokratie neu zu denken – auch mit elektronischen Mitteln. Auf der Berliner Fachtagung wurde es versucht.

Junge Menschen haben eigene Vorstellungen, wie E-Partizipation gelingen kann. Das wurde im Gespräch zwischen jungen digitalen Gestalter/-innen, Bettina Bundszus und Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, deutlich. „Es muss einfach sein“, war eine Aussage, die mehrfach zu hören war. Junge Menschen engagieren sich gerne für kurzfristige Aktionen. Technik, die es ihnen ermöglicht, zeitlich und räumlich unabhängig zu sein, kommt ihnen entgegen. Aber es gibt Hürden, die noch vor dem digitalen Raum liegen: Jungjournalistin Amanda Beser kritisierte formalisierte Sprache in Beteiligungsprozessen und mangelnde barrierefreie Zugänge. Unterschiedliche Bedingungen vor Ort spielen ebenfalls eine Rolle: Während einige Jugendliche berichteten, dass sie mit ihren Anliegen offene Türen einrennen, erlebten andere Gleichgültigkeit und Ablehnung durch lokale Verwaltungen.

Systeme sind in die Jahre gekommen

Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund wünscht sich mehr Vertrauen von Kommunen in junge Menschen. „Jugendliche tuen Dinge anders, aber auf dieses „anders“ müssen wir uns einstellen und ihnen vertrauen“, stellte er fest. Jugendliche könnten wichtige Change Agents in Kommunen sein. Als in mehreren Gemeinden Jugendliche Flüchtlings-Apps programmierten, hätten sie nicht nur nützliche Werkzeuge geschaffen, sie hätten auch gezeigt, dass „unsere Systeme in die Jahre gekommen sind. Die Balance zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft möchte Habbel deutlich Richtung Zivilgesellschaft verschieben.

Dass die Digitalisierung der Gesellschaft und die digitale Gestaltung von Kommunen mit Hindernissen verbunden sind, wurde im Talk deutlich. Als „ein dickes Brett“ beschrieb Franziska Pietzsch vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den digitalen Wandeldie Umsetzung von (digitaler) Jugendbeteiligung. Was damit gemeint ist, wurde im Beitrag von Nadine Paffhausen von der Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ deutlich. Die Koordinierungsstelle begleitet 16 Referenzkommunen auf dem Weg hin zu einer jugendgerechten Kommune. Dabei gibt es Erfolge zu verzeichnen, berichtete Paffhausen, aber auch Widerstände, wenn es um die Nutzung neuer Medien geht: „Facebook dürfen wir nicht, deswegen beschäftigen wir uns nicht damit“. Zugleich plädierten mehrere Teilnehmer/-innen für einen besonnenen Umgang mit digitalen Medien und Beteiligungstools. „Es muss nicht besser sein, nur weil es digital ist“, befand Lena-Sophie Müller von der Initiative D21. Ihr pflichtete Stephan Groschwitz vom Deutschen Bundesjugendring bei: „Es bringt uns keinen Schritt weiter, wenn alles digital ist“. Vielmehr müssten Jugendliche die Chance haben, Jugend als besondere Lebensphase selbstbestimmt gestalten zu können. Groschwitz verstand dies auch als Appell an Erwachsene, Jugendliche nicht nur als Potential für die Gesellschaft zu betrachten.

E-Partizipation braucht qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen

Fachforen boten die Gelegenheit einzelne Themenkomplexe zu vertiefen. Regina Renner vom Bayerischen Jugendring setzte sich mit Konzepten und Methoden von digitaler Beteiligung auseinander. Vieles davon unterscheidet sich nicht von anderen Beteiligungsformen. Renner hat eine Kosten-Nutzen Abwägung in Beteiligungsprozessen ausgemacht. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich nur, wenn der zu erwartende Nutzen eines Verfahrens größer ist als der zu investierende Aufwand an Zeit und anderen Ressourcen. Partizipation muss also etwas bewirken und zugleich muss es klare und transparente Strukturen geben.

Die Palette digitaler Werkzeuge, mit denen Online-Beteiligung und politische Bildung in virtuellen Räumen erprobt werden, hat sich diversifiziert. Tobias Thiel von der Jungen Akademie Wittenberg hat mit Minecraft, einer Spielsoftware, mit der sich virtuelle Gebäude und Landschaften erstellen lassen, experimentiert und Bildungs- und Beteiligungsprojekte für Stadtplanung und Erinnerungsarbeit entwickelt. Solche Projekte stellen hohe Anforderungen an Pädagoginnen und Pädagogen. Verena Ketter von der Universität Esslingen und Friederike Siller von der TH Köln gingen der Frage nach, welche Qualifizierungsangebote nötig sind. Ketter hat gemeinsam mit Studierenden im Rahmen einer Lehrveranstaltung ein Praxis- und ein Online-Seminar entwickelt, das sich hauptsächlich an Zielgruppen außerhalb der Hochschule richtet. Einzelne Elemente wurden dabei als Medienproduktion ausgearbeitet und als MOOC, als multimediale Lerneinheit zur Verfügung gestellt. Ketter ist es wichtig, dass Pädagoginnen und Pädagogen nicht nur einen theoretischen Zugang zu E-Partizipation entwickeln, sondern praktische Erfahrungen mit den dafür nötigen Tools sammeln.

Digitalisierung ist unumkehrbarer Prozess

Offen zugängliche Daten können eine wichtige Rolle bei Beteiligungsprozessen spielen. Sie liefern nicht nur Informationen für Wirtschaftsunternehmen, sondern können auch Auskunft für Bildungspolitik oder Sozialraumplanung geben und damit Grundlagen für politische Forderungen liefern. Die Bundesregierung hat sich in einem Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Open Data Charta der G8 dazu verpflichtet, maschinenlesbare Daten umfänglich zugänglich zu machen. „Wahrscheinlich haben viele Verwaltungen noch nicht verstanden, was das bedeutet“, mutmaßte Arne Semsrott von der Open Knowledge Foundation im Fachforum Open Government und Jugendbeteiligung. Der entscheidende Durchbruch sei aber mit dem Aktionsplan gemacht und Semsrott erwartet eine zunehmende Dynamik zivilgesellschaftlichen Online-Engagements.

Ähnlich zuversichtlich ist Jürgen Ertelt, bei IJAB Koordinator für jugend.beteiligen.jetzt. Zwar würden viele Fragen, beispielsweise das Verhältnis von analogem zu virtuellem Raum, seit zwei Jahrzehnten ähnlich diskutiert, die Diskussion habe aber inzwischen in großem Umfang Politik und Verwaltungen erreicht. „Der Prozess ist unumkehrbar“, stellte Ertelt zufrieden fest.

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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