Rabeya Müller

Interreligiöse Kompetenz als Chance

Seit 2015 die Flüchtlingszahlen zugenommen haben, sehen sich ehrenamtliche, aber auch hauptamtliche Fachkräfte der Jugendarbeit in Deutschland zunehmend mit dem Bedarf nach einem kultursensiblen Umgang besonders im interreligiösen Bereich konfrontiert. Rabeya Müller gibt Empfehlungen, wie ein respektvolles und friedliches Zusammenleben in Deutschland gelingen kann.

BildImage: EJBW

Viele Fachkräfte in Deutschland haben lange Erfahrungen z.B. mit türkischstämmigen Jugendlichen, aber obwohl die Mehrheit der Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, sich als Muslim/-in bezeichnen, kann dies nicht unbedingt mit den bisherigen Erkenntnissen gleichgesetzt werden. Die Traditionen in den Ursprungsländern sind sehr unterschiedlich und Menschen, die einen oft traumatischen Fluchtweg hinter sich haben, haben häufig andere Sorgen als ausschließlich traditionelle Orientierungen. Eher geht es ihnen um religi-öse Bedürfnisse, die sich im Alltag auswirken, als hermeneutische Feinheiten einer Koranauslegung.

Neben dem üblichen und aktuellen Faktenwissen hinsichtlich der Herkunftsländer und dem eventuellen Stand des jeweiligen Asylverfahrens ist für eine ehren- oder hauptamtliche Fachkraft der Erwerb interkultureller Kompetenz unabdingbar. Die Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung auf die jeweilige Kulturdimension ermöglicht es, das vorhandene Wissen über den Islam und islamische Traditionen zu transferieren.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf jugendliche Geflüchtete, sind aber ohne große Umstellung durchaus auch auf Erwachsene übertragbar. Zunächst muss berücksichtigt werden, dass die meisten Geflüchteten am Ende einer Zwangsmigration stehen, d.h. sie haben nicht unbedingt freiwillig ihre bisherige Heimat verlassen. Eine freiwillige Migration hingegen stellt eine bewusste Entscheidung dar und wird meist langfristig geplant, so dass die betroffene Person sich darauf einstellen kann. Der Übergang zur erzwungenen Migration ist fließend, denn diese beginnt damit, dass die jeweilige Person im Ursprungsland nicht mehr leben kann. In beiden Fällen müssen die gewohnte Umgebung, Familie und Freunde sowie oft größtenteils der persönliche Besitz zurückgelassen werden. Die damit verbundenen Traumata werden in vielen methodischen Ansätzen der Psychotherapie beschrieben.

Was aber oft vernachlässigt wird, ist die religiöse Komponente. Gerade wenn die Gefühle der Entwurzelung und Verlassenheit überhand nehmen, rückt der Bezug zur eigenen Religion wieder in den Fokus. Sie soll auch ein Hilfsmittel sein, belastende Erlebnisse auf dem zurückgelegten Fluchtweg zu verarbeiten. Zunächst wäre es also hilfreich, wenn für die Jugendlichen nicht nur hinsichtlich ihrer psychologischen Spannungen ein geschützter Raum geschaffen würde, sondern auch einer, in dem sie eventuellen Bedürfnissen nach religiösen Ritualen nachkommen können. Da z.B. unbegleitete Jugendliche nicht nur extremen Belastungen ausgesetzt waren, sondern auch ihre Bezugsperson(en) verloren haben, stellt die religiöse Ebene eine Chance dar. Wenn sie hier erleben, dass ihre Religion respektiert wird, können sie sich in Ruhe damit auseinandersetzen, dass es z.B. sowohl eine plurale muslimische als auch eine multireligiöse Gesellschaft in Deutschland gibt. Das kann bei einer völligen Neuorientierung in einem fremden Land hilfreich sein. Es kann ihnen helfen eine neue Machtinstanz zu schaffen – sich selbst. Das kollektive Bewusstsein einer religiösen Gruppierung anzugehören kann in dem breit aufgestellten religiösen Bereich der Umgebung dazu ermutigen, individuelle Vorstellungen zu entwickeln. Dies ist umso notwendiger als die vorhandene Freizügigkeit in der hiesigen Aufnahmegesellschaft leicht dazu verführen kann alle Regeln und Tabus über Bord zu werfen, was auch manchmal dazu dient, die traumatischen Erlebnisse der Flucht für kurze Zeit vergessen zu lassen.

Gemeinsam Regeln erarbeiten

Das ist Anlass genug, um den Jugendlichen klare Vorstellungen vom Regelwerk zu vermitteln, das in Deutschland herrscht. Als besonders positiv hat es sich erwiesen ganz individuell mit ihnen ein Grundsatzpapier zu erarbeiten in dem die allgemeinen Normen für ein gutes Zusammenleben verständlich formuliert werden und die Jugendlichen gebeten werden dies mit einem Grundsatz aus der eigenen Religion – z.B. aus Koran oder Sunna1  – zu untermauern. Anschließend können alle Beteiligten dieses Grundsatzpapier unterschreiben. Es bewirkt nicht nur ein Verständnis dafür, dass die hier geltende Ordnung nicht im Widerspruch zum grundlegenden Verständnis der eigenen Religion steht, sondern erweist sich auch als hilfreich bei eventuellen Verstößen gegen die aufgestellten Regeln.

Idee      Es werden Regeln und Gesetze in vereinfachter Form aufgeschrieben und dargelegt. Die Jugendlichen suchen entsprechende Anordnungen aus ihrer eigenen religiösen Tradition. Als Zeichen der Zustimmung unterzeichnen alle Teilnehmenden das Papier.
 
Ziel Es soll die Kompatibilität zwischen koranischen Vorgaben und allgemein gültigen Regeln verdeutlicht werden. Die Teilnehmenden erkennen dadurch, dass sie bei Einhalten nicht gegen ihre eigene Religion verstoßen. 
 
AblaufDer/die Teamer/-in stellt Regeln und Gesetze zu einem bestimmten Themenkomplex bzw. zum Umgang miteinander vor. Mittels mitgebrachter Literatur oder auch des Internets recherchieren die muslimischen Jugendlichen, was ihre eigene Religion zu diesen Theman sagt. Diese Ergebnisse werden neben die Regel- bzw. Gesetzesauszüge gehaftet oder geschrieben. Parallelen und Unterschiede werden diskutiert. Abschließend wird ein Grundsatzpapier für das Zusammenleben in der Einrichtung/Schule etc. zusammengestellt, das alle unterschreiben können.
 
Fragen
  • Was ist hier gleich oder ähnlich?
  • Wo liegen klare Unterschiede?
  • Wie gehen wir mit diesen Unterschieden um?
  • Welche Rückschlüsse ziehen wir aus den Gemeinsamkeiten?
  • Was ist uns bei diesen Gemeinsamkeiten besonders wichtig?
  • Welche Regeln lassen sich für uns alle zusammen daraus ableiten?
  • Warum unterschreiben wir das?
  • Was tun wir mit denen, die die Regeln nicht einhalten?

Ein praktisches Beispiel hierfür wäre das Verbot von Drogen in Jugendeinrichtungen und der Koranvers: „Ihr, die ihr glaubt! Berauschendes, Glücksspiel, Opfersteine und Lospfeile sind ein Greuel, das Werk Satans. So meidet sie, damit ihr erfolgreich seid“. [5:90]

Jugendliche, die auf diese Weise einen Zugang zu den hiesigen Gepflogenheiten vermittelt bekommen, besonders wenn dies auf partnerschaftlicher Ebene geschieht, sind auch gewappnet gegen die unheilvolle Vereinnahmungsversuche extremistischer religiöser Gruppierungen. Diese bemühen sich nämlich vor allem zu vermitteln, dass die Jugendlichen hier ohne die rechte religiöse Führung verloren gehen, die in ihren Augen nur sie bieten.

Verständnis für Geschlechtergerechtigkeit entwickeln

Wenn diese Hürde der gegenseitigen Anerkennung genommen ist, kann die Möglichkeit der interreligiösen Begegnung intensiviert werden. Hierbei rückt oft das Verständnis hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses in den Mittelpunkt. Die meisten sind traditionell erzogen worden, was bedeutet, sie sind herangewachsen in einer Form der Einhaltung von Richtlinien und Verboten im Rahmen kollektiver Kulturen und die Kindererziehung ist meist ein selbstverständliches Hineinwachsen in alters- und rollenmäßige Verhaltensnormen, was oft einen autoritären Erziehungsstil voraussetzt.

Der Wertekontext in Deutschland ist weniger autoritär, aber durchaus bestimmend. Es geht also auch hier darum, nicht den Zwang der normativen Kraft in den Vordergrund zu stellen sondern eher die Einsicht zu fördern, zumal es ja durchaus auch egalitäre Strömungen im Islam gibt. Von denen haben allerdings die Geflüchteten meist noch nichts gehört. Solche Möglichkeiten lassen sich allerdings bewerkstelligen. So hat z.B. die Muslimische Gemeinde Rheinland zu einem Iftar2  eingeladen und das dazu gehörende Gebet leitete eine Imamin. Das führte bei den auch anwesenden muslimischen Geflüchteten zu einiger Verwunderung, aber auch zu interessanten Diskussionen über die Stellung von Frau und Mann. Es geht nicht darum den Migrant/-innen ein ‚Muss’ zu unterbreiten, sondern ihnen zu verdeutlichen, was hier möglich und legitim ist. Hierzu wäre es natürlich hilfreich, wenn die Betreuer/-innen eine gewisse Kenntnis koranischer Inhalte gerade in Bezug auf das Geschlechterverhältnis hätten, aber auch hier können z.B. Parallelen zwischen Grundgesetz und Koran erarbeitet werden, die als eine Grundlage des Zusammenlebens deklariert werden können.

Insbesondere die ersten drei Artikel des Grundgesetzes –  „(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ – lassen sich mit einem entsprechenden Koranvers in Verbindung bringen: „Dem, der recht handelt - ob Mann oder Frau - und dem, der gläubig ist, werden Wir ein gutes Leben gewähren; und Wir werden ganz sicher solchen (Leuten) ihren Lohn nach der besten ihrer Taten bemessen.“ [16:97]

Wesentlich ist gerade hierbei auch, Unsicherheiten zu vermeiden, auch was die eigene Geschlechtsidentität und die damit verbundenen Selbstkonzepte betrifft.

Raum für Begegnung schaffen

Wenn die Menschen sich der eigenen Religiosität und deren Kompatibilität mit der hiesigen Gesetzgebung bewusst sind, kann der interreligiöse Dialog weiter voran gebracht werden. Dabei sind gemeinsame Mahlzeiten oder Feste von großer Bedeutung. Günstig ist es immer diese an einem neutralen Ort durchzuführen. Das wird aber z.B. den meisten Kirchengemeinden nicht möglich sein. Wenn also Räume genutzt werden, in denen sich z.B. Kreuze befinden, dann sollten diese nicht abgehangen werden. Sie sind Ausdruck des christlichen Selbstverständnisses. Es wäre nur sinnvoll, wenn die Geflüchteten z.B. beten wollen, ihnen einen neutralen Raum hierfür zur Verfügung zu stellen.

Ebenso empfehlenswert ist es, Geflüchtete in spirituelle Handlungen mit einzubeziehen. So hat beispielsweise bei einem interreligiösen Gottesdienst in Köln ein Geflüchteter in einer Kirche den Azan3 gerufen. Das war für alle Seiten ein sehr bewegender Moment. Es zeigte sich allerdings, dass die Geflüchteten hierzu ermutigt werden müssen. Sie haben oft Ängste, die leider durch die jüngsten Übergriffe von rechtsextremer Seite noch bestärkt werden. Ein  weiteres Ergebnis einer solchen gemeinsamen Begegnung, welches zeigt, dass die christliche Seite keine Berührungsängste hat, sollte sein, dass sie auch die Geflüchteten muslimischen Glaubens bestärkt keine Angst um ihren Glauben zu haben.

Etwas schwieriger gestaltet sich die Begegnung und die Beziehung zwischen Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens, die oft durch den Nahostkonflikt belastet ist. Daher tut es oft gut, wenn Muslim/-innen und Juden/Jüdinnen sich persönlich begegnen. Ein Zusammentreffen auf der Glaubensebene entpolitisiert das Verhältnis und hilft Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterschiede auszuhalten. Diese Gemeinsamkeiten können z.B. auch mit einzelnen Worten und Textstellen als Hilfe zum Deutschlernen genutzt werden. Wenn u.a. bestimmte Begriffe einzelnen Religionen zugeordnet werden sollen, stellen viele fest, dass es mehr Berührungspunkte existieren als ihnen bewusst ist.

Erst wenn traumatisierte Personen emotional stabilisiert sind, kann eine therapeutische Aufarbeitung des Traumas beginnen. Zu einer solchen Stabilisierung trägt auch maßgeblich, neben u.a. einem gesicherten Aufenthaltsstatus, eine gefestigte Persönlichkeit mit religiöser Identität aufgrund eigenen Erkenntnisgewinns bei. Die Geflüchteten bieten für den interreligiösen Dialog eine neue Chance, nämlich in den festgefahrenen Bahnen des bisherigen Dialogs weiter zu kommen und neue Aspekte mit aufzunehmen. Der Diskurs mit ihnen wirkt in die muslimischen Gemeinschaften zurück, wo sich momentan durchaus auch Verhältnisse und Einflüsse verändern. Wenn es gelingt die Geflüchteten nicht extremistischen Gruppierungen zu überlassen, besonders wenn wir unsere Willkommenskultur wiederbeleben, schaffen wir vielleicht eine neue Basis des friedlichen Zusammenlebens, das nicht beim Nebeneinander bleibt, sondern zu einem Miteinander führt.
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1 Lebensweise des Propheten Muhammad
2 Abend des Fastenbrechens im Monat Ramadan
3 Gebetsruf


Weitere  Methoden der Internationalen Jugendarbeit für Projekte mit Geflüchteten können Sie in der neuen Arbeitshilfe des Netzwerks Kommune goes International nachlesen

>> Zum Bestellservice

www.ijab.de/kgi



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