Christian Herrmann

Internationale Erfahrungen im Übergang Schule – Beruf: Neue Wege gehen

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist eine wichtige Phase im Leben junger Menschen – und bei manchen verläuft er holprig. Dass internationale Erfahrungen dabei Positives beitragen können, davon sind die Fachkräfte überzeugt, die am 4. Dezember in Nürnberg zur Fachtagung „Grenzen überschreiten“ zusammengekommen waren. Aber der Erfolg hat auch Voraussetzungen.

Jelena Yassu und Stefanie Quint von InVia Köln berichten von ihren Erfahrungen
Jelena Yassu und Stefanie Quint von InVia Köln berichten von ihren Erfahrungen BildImage: Christian Herrmann

„Das Thema Übergänge hat im Netzwerk Kommune goes International (KGI) immer wieder eine Rolle gespielt“, sagte IJAB-Geschäftsbereichsleiterin Christina Gerlach, als sie gemeinsam mit Ulrike Wisser von JUGEND für Europa die Gäste der Tagung begrüßte, „und außerdem ist Nürnberg KGI-Kommune und der Standort der Bundesagentur für Arbeit“. Gute Gründe also für den Tagungsort Nürnberg. In der Tat lohnt der Blick auf jede einzelne Kommune, denn Jugendarbeit ist immer lokal verankert und Kommunen bieten gute Möglichkeit der Vernetzung der dafür relevanten Akteure. Im Bereich der „Übergänge“ können das zum Beispiel Jugendamt, Jobcenter, Handwerkskammern und freie Träger sein. Dafür bedarf es neuer Wege. Die übergreifende Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Rechtskreisen aus SGB II, III und VIII war eines der großen Themen der Veranstaltung.

Eine solch übergreifende Zusammenarbeit sei auch der Ansatz bei der Gestaltung einer gemeinsamen  Jugendstrategie der Bundesregierung, erklärte Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesjugendministerium, in seiner jugendpolitischen Einordnung der Tagung. Ziel sei, unterschiedliche Ressorts für jugendpolitische Belange zu sensibilisieren. Es wurde dazu eine Interministerielle Arbeitsgruppe unter Federführung des BMFSFJ eingerichtet. Hier wird die gemeinsame Jugendstrategie entwickelt, abgestimmt und in der Umsetzung begleitet. „Wir wollen damit nicht zuletzt dem herkömmlichen Verwaltungsdenken in getrennten Zuständigkeiten ein Denken in gemeinsamer Verantwortung hinzuzufügen“, erläuterte Klein-Reinhardt. Ein internationaler Austausch, das sei wissenschaftlich belegt, sei in besonderer Weise geeignet, junge Menschen auf neue Herausforderungen vorzubereiten und sei auch eine der grundlegenden Möglichkeiten, mit denen junge Menschen ihre künftige Beschäftigungsfähigkeit erhöhen. Jugendpolitische Zielsetzung sei, dass junge Menschen unabhängig von Herkunft und Bildung die Chance erhalten sollen, an einem internationalen Jugendaustausch teilzunehmen. So stehe es im Koalitionsvertrag. Schließlich sei Jugend nicht nur eine individuelle Lebenslage, sondern trage auch maßgeblich zur Entwicklung unserer Gesellschaft bei. Auch deshalb zahlten sich Investitionen in Bildung und Ausbildung, in die Förderung junger Menschen aus.

Widerstände überwinden

Dass es bei der Ermöglichung internationaler Erfahrungen auch Widerstände zu überwinden gilt, wissen alle, die sich in ihren unterschiedlichen Institutionen und Arbeitsfeldern daran versucht haben. „Wir mussten bei vielen Kolleginnen und Kollegen Skepsis überwinden, als wir für unsere Auszubildenden einen Austausch mit Frankreich vorgeschlagen haben“, berichtete Gerold Maelzer vom Jugendausbildungszentrum Berlin im Fachgespräch. Am Ende aber seien alle begeistert gewesen. Das gelte auch für die beteiligten Jugendlichen, weiß Norbert Pröll vom bfz Nürnberg. Allerdings bedürfe es intensiver Vor- und Nachbereitung, damit Jugendliche sich den Schritt in ein fremdes Land und eine fremde Umgebung zutrauen und am Ende in der Lage seien, ihre Erfahrungen einsetzen zu können. „Dazu muss man sie aus ihrem Alltag rausholen und aus ihrer Peer-Group“, sagte er. Serkan Ilhan vom Jobcenter Hamm pflichtete ihm bei. Nicht nur Jugendliche müssten sich auf Neues einlassen, auch Institutionen. „Wir wollten weg von den Standardmethoden, als wir uns auf ein internationales Theaterprojekt eingelassen haben“, beschrieb er seine Motivation. Mit Unterstützung der Politik können aus solchen cross-sektoralen Kooperationen auch neue Institutionen entstehen. Daniela Saadhoff-Waalkens neue „Fachstelle Europa“ beim LeeWerk WISA in Leer berät dort seit jüngstem rechtskreisübergreifend zu Auslandsaufenthalten und treibt die örtliche Netzwerkbildung voran.

Große Offenheit für internationale Erfahrungen zeigte Werner Burg von der Bundesagentur für Arbeit in seinem Vortrag. „Erfahrung im Ausland wird von Arbeitgebern positiv bewertet“, weiß er. Die Bundesagentur arbeite daher im EURES-Netzwerk mit, das unter anderem Ausbildung und Praktika im Ausland vermittle. Allerdings wende sich die Bundesagentur an alle Jugendlichen und nicht ausschließlich an die sozial Benachteiligten. Von übergreifender lokaler und regionaler Netzwerkarbeit hält er viel und wünscht sich, dass die Jugendberufsagenturen, in denen auch das Jugendamt mitarbeitet, gestärkt und weiterentwickelt werden. Das Thema Fachkräfteaustausch sieht er hingegen „nicht ganz oben auf der Agenda“. „Dabei ist es gerade wichtig, dass Fachkräfte internationale Erfahrungen als attraktives Feld erleben“, befand Andrea Pingel von der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit.

Konkrete Geschichten überzeugen

Die Tagung in Nürnberg hat eine Vorgeschichte. Ulrike Wisser von der Servicestelle zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland hat an verschiedenen Orten  kommunale Werkstattgespräche geführt. In ihnen kamen Entscheidungsträger aus Jugendämtern, Jobcenter und der Bundesagentur für Arbeit zusammen, um auszuloten, was Internationalität für eine Kommune in Bezug auf Ausbildung bedeuten kann und welche Formen und Strukturen der Zusammenarbeit nötig und möglich sind. „Egal in welcher Institution Sie arbeiten, am Ende ist die Zielgruppe immer die gleiche“, sagte Wisser über den Grund der Werkstattgespräche. Aus den Werkstattgesprächen ist eine Orientierungshilfe als Broschüre und PDF entstanden, die in Kürze veröffentlicht wird. Und „weil es immer konkrete Geschichten junger Menschen braucht“, wie Wisser sagt, um den Nutzen der Zusammenarbeit deutlich zu machen, berichtete Serhan Ilhan vom Jobcenter Hamm über seine Erfahrungen. Sein lokales Netzwerk hat gemeinsam mit dem Suitcase Theater ein internationales Theaterstück auf die Beine gestellt – „komplett auf Englisch“. Am Ende wunderten sich die Lehrer und Ausbilder, welche Sprachkenntnisse die Jugendlichen sich in kürzester Zeit angeeignet hatten.

Ein weiteres Praxisbeispiel stellten Jelena Yassu und Stefanie Quint von InVia Köln vor. Seit Jahren arbeiten sie mit den Jobcentern in Köln und dem rheinischen Umland zusammen. Über unterschiedliche Förderprogramme vermitteln sie dadurch junge Menschen in Auslandspraktika. Sie wissen: Information und Beratung sind der Grundstein erfolgreicher Arbeit. „Im Gegensatz zu den Gymnasiasten, wissen unsere jungen Leute überhaupt nicht, welche internationalen Möglichkeiten sie haben“, sagte Jelena Yassu. InVia hat sich daher entschlossen, Eurodesk-Beratungsstelle zu werden. Als besonders erfolgreich schätzen sie Informationsveranstaltungen in Schulen ein. Sie wissen aber auch, dass mehr nötig ist: Vielen Jugendlichen muss erst die Angst vor einer Reise genommen werden, gründliche Vor- und Nachbereitung sind wichtig und zuverlässige Partner im Ausland ebenso. InVia ist stolz auf seine Vermittlungsquote: 67% der Jugendlichen, die ein Auslandspraktikum absolvierten, konnten in den letzten Jahren in Ausbildung vermittelt werden.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft?

„Internationale Mobilität ist und bleibt ein zentrales politisches Anliegen. Sie bleiben nicht allein und haben Rückhalt in der Fachszene“, so begann Dr. Mike Seckinger vom Deutschen Jugendinstitut seine Zusammenfassung der Tagungsergebnisse. „Sie werden aber auch weiterhin Überzeugungsarbeit leisten müssen“, fuhr er fort, „denn es werden Ihnen immer wieder diejenigen begegnen, die sich fragen, ob ein internationaler Austausch eine Belohnung für diejenigen ist, die eigentlich keine Belohnung verdient haben“.

Seckinger empfahl, nachhaltige Strukturen zu schaffen, Forderungen an Entscheidungsträger deutlicher zu formuliere und für die eigene Arbeit mit Begeisterung zu werben. „In Ihren Netzwerken müssen Entscheidungs-, Handlungs- und Finanzierungskompetenz zusammenkommen“, riet er. „Stellen Sie eine größere Öffentlichkeit her“, sagte er, „natürlich ist es gut, wenn Entscheidungsträger selbst internationale Erfahrungen machen, Ihre Erfolge können Sie aber auch über Medien vermitteln“. Damit das gelingt, müsse man aber auch politischer denken, meinte Seckinger. Er habe während der Tagung viel darüber gehört, welchen Nutzen internationale Erfahrungen für Jugendliche hätten, aber nichts über den Nutzen für die Gesellschaft. Eine der entscheidenden Fragen sei heute angesichts der Erosion der EU und dem Erstarken von Rechtspopulismus: „Können wir einen Beitrag zu europäischen Identität leisten?“

Lizenz: INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0


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