Christian Herrmann

Kommune goes International: Das Netzwerk trägt

Alte und neue Partner im Netzwerk Kommune goes International kamen am 22. und 23. September in Fulda zu Werkstattgesprächen zusammen. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, die Internationale Jugendarbeit in ihren Kommunen zu verankern und den Zugang für alle Jugendlichen zu erleichtern. Die bisherigen Erfahrungen der Netzwerkpartner boten viele Anstöße, diesen Prozess zu vertiefen und zu verstetigen.

Zwei Männer sitzen an einem Tisch
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

21 Kommunen hatten sich in der vergangenen Umsetzungsphase von Kommune goes International gemeinsam auf den Weg gemacht, um Jugendlichen in ihren Städten und Gemeinden internationale Erfahrungen zu ermöglichen. Das ist vielerorts gelungen und ermutigt Jugendämter und freie Träger an anderen Orten, ähnliches zu versuchen. Diese alten und neuen Akteure kommen im Netzwerk Kommune goes International zusammen. Allen neue Anstöße zu geben und die Erfahrung der „alten Hasen“ für die Neueinsteiger nutzbar zu machen, das ist das Ziel der Werkstattgespräche des Netzwerks.

Zu den Zielen von Kommune goes International und der mit ihr verbundenen jugendpolitischen Initiative JiVE gehört es, auch den Jugendlichen Angebote zu machen, die bisher durch die Internationale Jugendarbeit nicht erreicht wurden. Wer an einem internationalen Austausch teilnimmt, ist typischerweise weiblich, lebt in der Stadt, besucht das Gymnasium und schreibt sich per Selbstdefinition keiner Minderheit zu. „Welche Gründe gibt es dafür, dass einige nicht teilnehmen?“, fragt Judith Dubiski vom Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene an der TH Köln und versucht Licht ins Dunkel zu bringen. Es ist eine Vielzahl von Gründen, die Dubiski in ihren Untersuchungen identifizieren konnte. Sprachbarrieren und Teilnehmerbeiträge gehören dazu, aber auch Dinge, die weniger offensichtlich sind. „Jugendliche meinen, bestimmten Erwartungen genügen zu müssen und machen dann nicht mit“, hat Dubiski herausgefunden. Es gäbe Hürden, die für manche Jugendliche hoch sind und ihnen viel abverlangen. Zu den Hürden im Kopf gehören der Verlust von Alltagsroutine, gewohnten Beziehungskonstellationen und Versorgungsnetzwerken. Dubiski sieht auch Herausforderungen für die Öffentlichkeitsarbeit von Trägern: „Die meisten Bilder von Jugendlichen stammen aus denselben Bilddatenbanken.“ Diese geringe Authentizität spüren Jugendliche sofort. Es gibt jedoch eine Reihe von Anhaltspunkten, wie Hürden gesenkt werden können. Ein internationaler Austausch muss Jugendlichen einen sicheren Raum bieten, niedrigschwellig und interessenorientiert sein und eine intensive Vor- und Nachbereitung umfassen. Ganz wichtig sei es zudem, die Eltern einzubeziehen und vom Nutzen eines internationalen Austauschs zu überzeugen, so Dubiski. Aber, sie warnt auch: „Mein Kollege Andreas Thimmel sagt immer, Internationale Jugendarbeit unter prekären Bedingungen ist so anstrengend, dass am Ende keiner mehr kann!“

Elternarbeit ist wichtig

Zu den „alten Hasen“ gehört Ibrahim Yetkin vom Jugendzentrum „Treff International“ in Ludwigshafen. Das mobile Team von Kommune goes International hat ihn vor Ort beraten, eine Arbeitsgruppe hat sich gebildet und die Internationale Jugendarbeit in den Jugendhilfeausschuss getragen – seit 2013 gibt es einen Haushaltstitel für Internationales. Für das internationale Engagement von Ludwigshafen gibt es jedoch auch einen traurigen Anlass: 2008 kamen 9 türkischstämmige Bürger/-innen bei einem Wohnhausbrand ums Leben. Die Stadt Ludwigshafen ging daraufhin eine Städtepartnerstadt mit Gaziantep, der Herkunftsstadt der Opfer ein. Die Städtepartnerschaft ist ein ungleiches Gespann: 300.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gibt es in der boomenden Stadt im Osten Anatoliens – doppelt so viele, wie Ludwigshafen Einwohner hat.

Yetkin kennt das Misstrauen von Jugendlichen und Eltern gegenüber Institutionen. Dennoch ist es ihm gelungen, den Jugendaustausch zwischen Ludwigshafen und Gaziantep in Schwung zu bringen. Er hat die Eltern der jugendlichen Besucher seines Jugendzentrums bewusst miteinbezogen. „Wenn in der eigenen Sprache gesprochen wird, fühlen sie sich sicherer“, sagt Yetkin. Zwei Elternabende führt er pro Fahrt durch, dazu noch ein Treffen bei Abfahrt und Ankunft. Das ist aufwändig, aber es ist ihm gelungen, Vertrauen aufzubauen.

Auch Herrmann-Josef Pomp vom Jugendamt Essen kennt die Herausforderungen von Elternarbeit, gerade wenn es um Jugendliche aus Zuwandererfamilien geht. Eltern sind die wichtigsten Ansprechpartner für Jugendliche, wenn es um Bildung geht. So ist es im Essener Jugendbericht von 2008 nachzulesen. Eine Untersuchung der Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren hat sich damit beschäftigt, was Eltern fürchten: die Hinterfragung familiärer Werte, sexuelle Belästigung, Nichteinhaltung von Gebetszeiten und Konsum von Alkohol und Lebensmitteln, die nicht den muslimischen Geboten entsprechen. Zu diesen Befürchtungen haben auch schlechte Erfahrungen mit Klassenfahrten beigetragen.

Pomp sieht aber auch positive Ansätze, denn „Eltern wünschen sich, dass Jugendliche etwas lernen.“ Damit kann er weiterhelfen. Er setzt auf gute Information und den Entdeckergeist der Jugendlichen. In Essen hat man sich aber auch weitergehende Gedanken gemacht. So überlegt man sich zum Beispiel, eine internationale Begegnung für Mütter anzubieten.

Die Fachkräfte motivieren

Wie man Fachkräfte für die Internationale Jugendarbeit motivieren kann, darüber hat sich Gerold Maelzer mit seinem Team vom Jugendamt im Bezirk Berlin Steglitz-Zehlendorf Gedanken gemacht. Maelzer ist systematisch vorgegangen: Wir haben uns zunächst überlegt, von welchen Fachkräften wir überhaupt reden und haben uns auf Offene Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Jugendsozialarbeit, Jugendberufshilfe und Jugendverbände verständigt“, erzählt er. „Wir sind zunächst in Einrichtungen gegangen und haben Gespräche mit den Kolleg(inn)en geführt, dann haben wir eine regionale Auftaktveranstaltung durchgeführt – und hatten 60 Teilnehmer/-innen!“

Maelzer kennt die Einwände gegen internationale Projekte. Dazu gehört auch die mangelnde Zeit. Er glaubt aber, dass man vieles miteinander verbinden kann: „Wenn man sowieso eine Mädchenfahrt plant, warum macht man nicht eine Jugendbegegnung daraus?“ Ihm ist die Wertschätzung für die Arbeit der Kolleg(inn)en wichtig. „Man kann das Geld für das nächste Projekt überweisen, man kann aber auch in die Einrichtung gehen, den Scheck überreichen und ein Gruppenfoto machen.“

Neue Wege gehen

Dass ein Jobcenter internationale Projekte durchführt, ist ungewöhnlich. Im Landkreis Mayen-Koblenz ist man jedoch von den Erfolgen internationaler Projekte bei der Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen überzeugt. Gemeinsam mit IKAB e.V. hat man das Projekt MYK4international aufgesetzt, das sich an junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 wendet und sie in Praktika im Hotel- und Gaststättengewerbe in Frankreich vermittelt. Eine dreimonatige Vorbereitung ist dafür notwendig und einzelne junge Leute brechen vorzeitig ab. Bei denen, die durchhalten, ist der Erfolg jedoch durchschlagend. „Die kommen völlig anders zurück“, sagt Sandra Reith vom Jobcenter im Landkreis Mayen-Koblenz. „Am Ende erhalten sie ein dreiseitiges Zertifikat, das zum ersten Mal listet, was sie alles können und nicht das, was sie alles nicht können.“ Die Vermittlungsquote dieser jungen Erwachsenen, die ursprünglich als nicht beschäftigungsfähig galten, liegt bei 80%.



Neue Wege geht auch Abdelhafid Catruat vom Jugendhaus Pumpelberg in Osterholz-Scharmbeck. 95% der Jugendlichen, die in sein Jugendhaus kommen, stammen aus Zuwandererfamilien, davon sind 30% staatenlos – Flüchtlinge also. Catruat führt einmal im Jahr eine Fahrt nach Marokko durch, einer der Höhepunkte der Jugendarbeit im Bremer Vorort. Er achtet streng auf die Zusammensetzung der Gruppe: 50% sind weiblich, 50% männlich, alle Schultypen sind vertreten, unterschiedliche Herkunftsländer und selbstverständlich auch die Flüchtlinge. Gemeinsam erleben sie in Marokko eine Mischung aus Freizeit und Kunstprojekten. Das funktioniert, bedarf aber auch besonderer Vorbereitung, weiß Catruat: „Früher wurden die Visa-Anträge der Staatenlosen von der marokkanischen Botschaft sehr schnell bearbeitet. Seit den vielen Unruhen in der arabischen Welt, ist der Bearbeitungszeitraum sehr viel länger geworden.“ Zeit braucht auch die Vorbereitung, die Gespräche mit den Jugendlichen und den Eltern. Catruat möchte nicht nur die Jugendlichen erreichen, die ohnehin schon in sein Jugendhaus kommen. Er sucht sie an ihren Treffpunkten im Stadtteil auf, lädt sie ein, leistet Überzeugungsarbeit. Über die Jahre hat er sich ein Netzwerk aufgebaut, das auch Schulen und Polizei umfasst. „Die Schulen empfinden es inzwischen als Auszeichnung, wenn wir ihre Schüler/-innen mit nehmen und stellen sie problemlos frei“, sagt Catruat.

Wer den Teilnehmer(inne)n und Referent(inne)n der Werkstattgespräche zuhörte, für den wurden die Fortschritte, die Kommune goes International erreicht hat, erlebbar. Diejenigen, die sich auf den gemeinsamen Prozess eingelassen haben, führen heute internationale Projekte durch und stellen sie selbstbewusst vor. Die neuen Partner im Netzwerk haben die Möglichkeit von diesen Erfahrungen zu profitieren, aber sie brauchen auch besondere Unterstützung – auch dies haben die Werkstattgespräche deutlich gemacht. Deshalb wird es noch im Dezember eine Fachveranstaltung speziell für Neueinsteiger geben. Das Netzwerk von Kommune goes International steht auch weiterhin Neueinsteigern offen und freut sich auf weitere Partner, die ihre lokale Jugendarbeit durch internationale Projekte bereichern möchten.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Eindrücke von den Werkstattgesprächen Kommune goes International, Fulda 2015

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