Cathrin Piesche

Kommune goes International - Der Einsatz hat sich gelohnt!

Nach drei Jahren intensiver Zusammenarbeit kamen am 10. April in Köln 60 Teilnehmende der jugendpolitischen Initiative Kommune goes International (KGI) zusammen, um im Rahmen einer Nachhaltigkeitskonferenz ein Fazit zu ziehen und gemeinsam Ideen für die Zukunft der internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene zu entwickeln.

Nicola Sommer, Referatsleiterin für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. BildImage: Fotostudio Heupel

Eins wird gleich zu Beginn der KGI-Nachhaltigkeitskonferenz deutlich: Hier ist etwas gewachsen in den letzten drei Jahren. Die Atmosphäre ist locker, die sechzig Teilnehmenden aus ganz Deutschland begrüßen sich freudig mit Vornamen und erkundigen sich nach dem Stand der Dinge in den jeweiligen Kommunen. Klar – man kennt sich: In den letzten drei Jahren haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 21 teilnehmenden Kommunen schließlich nicht nur in ihren Heimatgemeinden daran gearbeitet, Internationale Jugendarbeit voranzubringen und allen Jugendlichen ihrer Kommune zugänglich zu machen, sondern sich auch regelmäßig im Rahmen von Netzwerktreffen, Werkstattgesprächen und JiVE-Fachkolloquien mit dem Beratungsteam von IJAB als auch ihren Kolleginnen und Kollegen der anderen Kommunen zusammengefunden, um sich gegenseitig von Erfolgen zu berichten, im Netzwerk Ideen zu entwickeln, von den Erfahrungen anderer zu profitieren und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden. Jetzt hat sich dieses in drei Jahren gewachsene Netzwerk in Köln versammelt, um gemeinsam auf die Zielgerade einzubiegen. Gilt es doch nun – kurz vor Ende der dreijährigen Laufzeit im Sommer dieses Jahres – die Nachhaltigkeit von KGI sicherzustellen und realistische Pläne für eine Zukunft der Internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene zu entwickeln.

„Es hat sich viel getan in den letzten drei Jahren“

Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, eröffnet die Veranstaltung und unterstreicht gleich zu Anfang, dass es KGI gelungen sei, in den Kommunen den Grundstein für mehr Chancengerechtigkeit, Teilhabe und Internationalität zu legen: „Der Mut und die Motivation der Kommunen beim Thema Internationale Jugendarbeit neue Wege zu gehen, sind dabei nicht hoch genug zu bewerten.“ Dies spiegele sich beispielsweise in der Entwicklung zweier neuer, zukunftsweisender Initiativen innerhalb von KGI: Zum einen seien dies die Überlegungen internationale Jugendarbeit in der lokalen Kinder- und Jugendhilfeplanung zu verankern und zum anderen die Initiative, auch die Jugendberufshilfe international auszurichten. Doch der Erfolg von KGI sei kein Grund sich nun auszuruhen, mahnt Marie-Luise Dreber: Um die Nachhaltigkeit von KGI zu sichern, müsse Internationale Jugendarbeit ein festes Angebot der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe sein. Nicola Sommer, Referatsleiterin für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, betont in ihrem Grußwort, dass KGI eindrucksvoll gezeigt hätte, wie zentral Kommunen - mit ihren Möglichkeiten der niedrigschwelligen Ansprache junger Menschen - seien, um Jugendliche zu erreichen. Das Ministerium arbeite deshalb bereits daran, dass erfolgreiche Konzept von KGI weiterzuentwickeln. Auch Regina Offer vom Deutschen Städtetag unterstreicht die positiven Entwicklungen von KGI und weist darauf hin, dass für Erhalt und Aufbau attraktiver Angebote internationaler Jugendarbeit auch für bildungsferne Zielgruppen – wie während KGI geschehen - eine langfristig angelegte gesicherte Finanzierung, die auch Einsatz von Fachkräften einschließt, essentiell sei. Es gelte nachhaltige Angebote mit lokalen Partnern zu schaffen: gemeinsam von freien Trägern der Jugendarbeit, der Jugendämter und der lokalen Wirtschaft.

Gelingensbedingungen und Erfolgsfaktoren von Kommune goes International

Im Verlauf des Vormittags stehen nun zunächst Rückblick auf und Auswertung von drei Jahren KGI auf dem Programm. Hierzu präsentiert die wissenschaftliche Begleitung kurz ihre Ergebnisse, der KGI-Film feiert Premiere und in Interviewgesprächen im Plenum berichten die Teilnehmenden ganz konkret von ihren Erfahrungen in den Kommunen. Genug Raum also um Erkenntnisse, Erfolge, aber auch Rückschläge und Stolpersteine in großer Runde zu präsentieren und diskutieren.

Anne Brinkmann (ISS Frankfurt e.V.) skizziert die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung, die hier kurz stichwortartig wiedergegeben werden sollen. So wurden in der Auswertung acht Gelingensbedingungen auf Ebene der Kommune lokalisiert. Diese umfassen Motoren vor Ort (1), den Erfahrungs- und Wissensaustausch sowie den Aufbau und die Pflege von Netzwerken (2), konkrete, operationalisierbare lokale Entwicklungspläne mit mittel-/langfristigen Zielen (3), die Sicherstellung der politischen Lobby (4) sowie die Sicherstellung personeller und finanzieller Kapazitäten (5), die Einrichtung einer kommunalen Anlaufstelle (6), die Qualifizierung der Multiplikator(inne)n (7) und zuletzt die zielgruppengerechte Ansprache der Jugendlichen (8). Viele Teilnehmende im Publikum verdeutlichen mit Kopfnicken ihre Zustimmung zu den Ergebnissen. Es brandet spontaner Applaus auf, als Anne Brinkmann aus einer Befragung der Kommunen zitiert: „Ohne diese Impulse von Außen wären wir lange nicht da, wo wir heute sind. Das ist eindeutig.“ Eine klare Bestätigung für den Erfolg des Konzepts von KGI, den Kommunen mit fachlicher Beratung und Koordinierung seitens IJAB auf Ihrem Weg zur mehr Internationalität zur Seite zu stehen.

KGI – der Film

Kurz darauf feiert „KGI – der Film“ im Plenum Premiere. Zentrale Akteure aus verschiedenen Kommunen stellen das Projekt vor, Jugendliche vom Jugendhaus aus Osterholz-Scharmbeck berichten begeistert von ihren Erfahrungen eines Austauschs mit Marokko. In acht Minuten schafft es der Film, die Idee KGI auf den Punkt zu bringen. Der perfekte „Werbeträger“ um neue Partner zu finden, und weitere Kommunen zum Mitmachen zu motivieren – so das Feedback der Zuschauer. Der Film, erläutert Bettina Wissing von IJAB, werde den Kommunen in Kürze zur Verfügung gestellt – auch in einer internettauglichen Kurzversion.

„Internationale Jugendarbeit macht süchtig“ – die Interviewgespräche

Den Reigen der folgenden Interviewgespräche eröffnet das Thema „Innovative Programme / Neue Zielgruppen. Lena Lorenz vom ServiceBureau Jugendinformation Bremen berichtet hier vom Erfolg des Projekts „Coach International“, einem Filmprojekt zum internationalen Jugendaustausch. Jugendliche selbst werden hierbei als Multiplikatoren eingesetzt, in dem sie via selbstproduzierter Filme Auslandserlebnisse an andere Jugendliche geben. Sie erläutert, dass sie das Projekt - obwohl auch gerade für benachteiligte Jugendliche konzipiert - explizit für alle Jugendlichen ausgeschrieben haben. Denn sonst – so Lorenz – drohe eine Stigmatisierung der anvisierten Zielgruppe. Stattdessen wurden - mit Erfolg - gezielt Träger angesprochen, die mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten. Unerlässlich, betont Lorenz, sei für ein solches Projekt die Jugendarbeiter vor Ort – denn nur sie hätten den richtigen Draht zu „ihren“ Jugendlichen. Ihr Fazit des Projekts: „Internationale Jugendarbeit macht süchtig!“

Petra Schmid vom Jugendamt Essen stellt ihre Erfahrungen mit Interviewgesprächen vor, die sie in Essen mit arabischen Müttern und in Moscheegemeinden zum Thema internationale Jugendarbeit geführt haben. Ihre Frage: Was hindert eure Kinder oder euch selbst daran an Angeboten der internationalen Jugendarbeit teilzunehmen? Die Antworten waren in beiden Fällen ähnlich: Fehlende Information und negative Erfahrungen auf Klassenfahrten (Alkoholmissbrauch, Umgang mit Sexualität). Die Befürchtung der Befragten war vor allem, dass Traditionen und religiöse Werte keine Berücksichtigung fänden. Darüber hinaus hatten die Jugendlichen keinerlei Erfahrung mit offener Jugendarbeit und sie schlossen kategorisch aus, in Gastfamilien untergebracht zu werden. Um diese Zielgruppen zu erreichen, fasst Schmid die Ergebnisse für das Plenum zusammen, brauche es gezielte Information und Aufklärung, eine Beteiligung der Zielgruppe an der Planung und die Begleitung der Maßnahmen durch Vertrauenspersonen aus dem kulturellem Umfeld. In Essen hätten sie daraus gelernt, dass es wichtig ist, die internationale Jugendarbeit wieder näher an die kulturelle Jugendarbeit heranzuführen und dass gute Kontakte zu Migrantenorganisationen das A und O sind.

Heinz Thomas vom Jugendamt Hamm berichtet beim Thema „Strukturelle und politische Verankerung“, dass es in Hamm dank KGI nun eine Eurodesk-Beratungsstelle und einen Mobilitätslosten pro Jugendzentrum gäbe. Es würde schwer, die geschaffenen Strukturen wieder aufzulösen – vielmehr würden die neuen Strukturen nun in den neuen Jugendhilfeplan miteinbezogen. Weiterer Arbeit benötige es aber noch bei der Einbeziehung freier Träger.

Befragt nach ihrem persönlichen Höhepunkt aus drei Jahren KGI nennt Petra Bliedtner, Jugendarbeiterin aus Kelkheim, im Interviewgespräch zum Thema „Netzwerke/neue Partner“, zum einen die Jugendbegegnung (Kosovo, Montenegro) selbst und dass es gelungen sei, den Kontakt zu den Partnerstädten wieder zu aktivieren. Im Falle von Kelkheim seien lokale Gewerbe aufmerksam geworden und hätten ihre Unterstützung zugesagt. Als schwierigsten Knackpunkt benennt sie – unter akustischer Zustimmung des Plenums – die komplizierten Antragsverfahren. Michael Kammer aus Saarbrücken verkündet, dass in im Rahmen von KGI gelungen sei, die erste Eurodesk-Beratungsstelle im Saarland zu gründen, darüber hinaus gebe es nun einen etablierten Runden Tisch Internationale Jugendarbeit, der sich 2 bis 3 mal pro Jahr träfe. Ein besonderer Knackpunkt in Saarbrücken sei allerdings die Finanzierung, gerade personeller Ressourcen.

Beim Interviewgespräch zum Thema „Initiativen der Bundesländer“ werden Initiativen aus Hessen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen vorgestellt. Katharina Müller aus Leipzig berichtet von der kürzlich gestarteten Initiative „Neuer Schwung für die internationale Jugendarbeit im Freistaat Sachsen“. Gab es vor den KGI-Aktivitäten kein gebündeltes Wissen zum Thema Internationale Jugendarbeit in Sachsen, arbeite nun einer Arbeitsgruppe unter Einbeziehung der wichtigen Entscheidungsträger an einem Strategiepapier zur Internationalen Jugendarbeit in Sachsen, welches im Mai dieses Jahres präsentiert werden soll.

Zukunft der internationalen Jugendarbeit in der Kommune

Die Statements des Vormittags machen klar – hier sind alle grenzenlos überzeugt von Kommune goes International. Trotz aller Stolpersteine und Knackpunkte sind in den vergangenen drei Jahren wichtige Prozesse angestoßen und strukturelle Veränderungen zur Implementierung internationaler Jugendarbeit auf kommunaler Ebene initiiert worden. Vor allem aber: Der Funke ist übergesprungen!

Gemeinsame Ideen für eine Zukunft der internationalen Jugendarbeit in den Kommunen entwickeln die Beteiligten in verschiedenen Kleingruppen zur Nachhaltigkeit und Weiterentwicklung von KGI. Zu den genannten Zukunftsthemen gehören beispielsweise die Jugendhilfeplanung, die Zusammenarbeit von Internationaler Jugendarbeit und Schule, ein gelungener Transfer der Erfahrungen (Netzwerk/Partnerschaften mit neuen Kommunen), neue Finanzierungskonzepte sowie die Erschließung neuer Zielgruppen (Jugendberufshilfe etc.). Weitere Unterstützung wünschen sich die Kommunen bei der Verbreiterung des KGI-Netzwerkes (koordiniert durch IJAB) und bei einer Verstärkung der Sichtbarkeit ihrer Projekte und Erfahrungen.

Man merkt, dass es in vielen Köpfen noch arbeitet und Ideen weitergesponnen werden, als mit dem Abschlussstatement von Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im BMFSFJ, die KGI-Nachhaltigkeitskonferenz zu Ende geht. Im Namen des Ministeriums dankt er nochmals allen an KGI Beteiligten für ihr großes Engagement. Er lobt die Reaktivierung der internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene, die durch KGI gelungen sei. Die jugendpolitische Initiative habe fachlich sehr positive Ergebnisse geliefert, die die Förderung der internationalen Jugendarbeit nachweislich weiterbringe.

Die vollständigen Ergebnisse der Nachhaltigkeitskonferenz, insbesondere der Workshopphase, werden in einer Tagungsdokumentation zusammengefasst. Des Weiteren soll an dieser Stelle auf das KGI-Handbuch verwiesen werden, dass in Kürze erscheinen wird - eine Publikation, die neuen interessierten Kommunen Mut machen soll, sich auch auf das Abenteuer Internationale Jugendarbeit einzulassen.

Weitere Diskussion zu den Perspektiven der jugendpolitischen Initiative JiVE. Jugendarbeit International – Vielfalt erleben beim Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT) vom 3. – 5. Juni 2014 in Berlin und beim JiVE-Fachkolloqium.



KGI Nachhaltigkeitskonferenz

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