Christian Herrmann

Kommune goes International: Die Netzwerke vor Ort stärken

Bei der Verankerung Internationaler Jugendarbeit in den Kommunen kommt der Vernetzung der Partner vor Ort zentrale Bedeutung zu. Dabei treffen unterschiedliche Organisationskulturen und Ziele aufeinander. Wie man damit konstruktiv umgeht, Netzwerke erweitert und ihre Qualität verbessert, das waren Themen der jährlichen Netzwerktagung von „Kommune goes International“ in Köln.

KGI-Netzwerktreffen, Köln 2016
BildImage: Meike Böschemeyer | VIGILUX Pressefoto

Etwa 30 Akteurinnen und Akteure aus den im Netzwerk „Kommune goes International“ (KGI) zusammengeschlossenen Kommunen kamen am 10. Mai 2016 in Köln zum jährlichen Netzwerktreffen zusammen. „Es ist das erste Mal, dass neue und alte Kommunen in diesem Umfang bei einem Netzwerktreffen zusammenkommen“, freute sich IJAB-Referentin Jana Ehret in ihrer Begrüßung. KGI ist aber nicht nur das große bundesweite Netzwerk, es ist auch die Summe der vielen lokalen Netzwerke, die sich zum Ziel gesetzt haben, Internationale Jugendarbeit in ihren Städten, Kreisen und Landkreisen fest zu verankern. Wie läuft die Zusammenarbeit öffentlicher und freier Träger vor Ort? Wie können Partner außerhalb der Kinder- und Jugendhilfe – Schulen, Handwerkskammern oder Jobcenter – in die Netzwerke eingebunden werden? Was muss man wissen und beachten, wenn man gute Netzwerkarbeit leisten will? Beim jährlichen Treffen in Köln wurde die eigene Netzwerkarbeit der Teilnehmenden selbst reflektiert.

Jugendpolitische Rahmung

Der 15. Jugendbericht der Bundesregierung, der noch in diesem Jahr von der Sachverständigenkommission vorgelegt werden soll, wird sich mit „Persönlichkeitsentwicklung und Bildungsanspruch im Jugendalter“ befassen. An der Schnittstelle von Persönlichkeitsentwicklung und Bildung sieht Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), die Internationale Jugendarbeit. Für Klein-Reinhardt ist der Kinder- und Jugendbericht jedoch nur ein jugendpolitischer Bezugspunkt für „Kommune goes International“ und die Stärkung der Internationalen Jugendarbeit als außerschulischer Bildungsort. In seiner jugendpolitischen Einordnung benannte er die Jugendstrategie 2015-2018 „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“, in der jugendpolitische Aktivitäten der Bundesregierung gebündelt werden, die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland sowie die Reform des Kinder- und Jugendplans des Bundes.

„Junge Menschen müssen wissen, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen“, so Klein-Reinhardt. Dafür müssten Information und Beratung ausgebaut und neue Partner, wie Medien, Schulen oder Jobcenter, gewonnen werden. Es sei Ziel des BMFSFJ, „allen jungen Menschen internationale Lernerfahrungen zu ermöglichen“. Dafür seien valide Zahlen nötig, um zu verstehen, wie viele junge Menschen durch die Angebote Internationaler Jugendarbeit erreicht oder eben auch nicht erreicht werden und welche Faktoren dafür ausschlaggeben sind. Ein Forschungsprojekt dazu unter dem Titel „Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“ werde bereits vom BMFSFJ gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung gefördert.

Klein-Reinhardt erinnerte angesichts der großen Herausforderungen, vor die sich die Kommunen durch den Zuzug von jungen Geflüchteten gestellt sehen, auch daran, dass jugendliche Migrantinnen und Migranten immer Zielgruppe der jugendpolitischen Initiative JiVE und ihrer Teilinitiativen, zu denen auch KGI gehört, gewesen sei. Man habe sich dabei in Übereinstimmung mit dem Beschluss der Jugendministerkonferenz von Bund und Ländern von 2001 befunden, in dem die Internationale Jugendarbeit als „ein wichtiger Beitrag für die Integrationsbemühungen in der Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturen“ beschrieben wird.

Netzwerkarbeit reflektieren

Einen ersten Input zu Netzwerkarbeit gab Sabine Wißdorf vom IN/S/O Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung. Wißdorf berät auch das IJAB-Projekt „Internationale Jugendarbeit im Plan“, das durch den Innovationsfonds im Kinder- und Jugendplan des Bundes gefördert wird. Sie stellte Überlegungen zur Bedeutung vernetzter Kommunikation und ihren Rahmenbedingungen, zur Wirkungserwartung und zu Gelingensbedingungen an. Laut Wißdorf besteht eine der Herausforderungen darin, dass traditionelle Milieus und institutionelle Bindungen rückläufig seien. Mit anderen Worten: Wer glaubt, mit Jugendzentren und Jugendverbänden bereits alle Player im Boot zu haben, um junge Menschen zu erreichen, der irrt. Wer Netzwerkarbeit breit denke, müsse sich zudem bewusst sein, dass Partner über unterschiedliche Zugänge gefördert würden und damit verbunden unterschiedliche Ziele verfolgten – „natürlich tickt ein Jobcenter anders als die Jugendförderung der Stadtverwaltung“, stellte sie fest. Wer ein Netzwerk erfolgreich betreiben wolle, müsse die gewohnte Institutionslogik über Bord werfen: „Wenn ich etwas in ein Netzwerk hereingebe, muss ich auch etwas von mir darin wiederfinden – aber das gilt eben für alle Beteiligten. Netzwerke, in denen ich den Leuten erkläre, was sie zu machen haben, scheitern“.

Eine weitere Herausforderung sieht Wißdorf darin, wie Akteure in ihren Kommunen aufgestellt seien. Es sei ein Unterschied, ob lediglich die operative Ebene einer Kommune aus eigener Initiative heraus an einem Netzwerk beteiligt sei oder ob sie durch einen Beschluss von Leitung und Politik ein verbindliches Mandat erhalten habe. „Es reicht nicht, wenn der Vorgesetzte sagt, solange die die Fahrtkosten zahlen, kannst du hinfahren“. Wer sich auf Beschlüsse berufen könne, habe immer einen argumentativen Vorteil, schlussfolgert Wißdorf.

Impulse für kommunale Netzwerke

Auf die Suche nach Anknüpfungspunkten für die lokalen KGI-Netzwerke machte man sich in zwei parallelen Arbeitsgruppen. Warum es sich lohnt, örtliche Sportvereine einzubinden erklärte Ferdinand Rissom von der Deutschen Sportjugend. 90.000 Sportvereine gibt es in Deutschland, es gibt sie selbst im kleinsten Ort und Millionen Kinder- und Jugendliche aus allen Milieus sind dort unabhängig von ihrer Herkunft gemeinsam aktiv.  „Wir sind keine Sportorganisation“ erklärte Wissom, „wir nutzen den Sport als Medium für Jugendarbeit und Internationale Jugendarbeit ist ein selbstverständlicher Teil davon“.

InterCityYouth ist ein europäisches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Jugendarbeit mit dem Ziel an einem gemeinsamen europäischen Verständnis von Jugendarbeit zu arbeiten. Tarja Marks vom Stadtjugendamt München stellte die Initiative vor. Kann das KGI-Netzwerk die Perspektive der Internationalen Jugendarbeit dort einbringen? Könnten sich für die deutschen Akteure dadurch auch neue Kontakte ins europäische Ausland ergeben? Diese Fragen wurden angerissen, bedürfen aber noch der Vertiefung.

Kooperation und Qualitätsentwicklung

Das wissenschaftlich gestützte Vernetzungskonzept der Kreisverwaltung Mayen Koblenz präsentierte Michael Kock in einem Workshop. Kock koordiniert die unterschiedlichen Hilfen für Geflüchtete vor Ort – Netzwerke sind dabei ein elementarer Teil und Gelingensfaktor seiner Arbeit. Er leistet Überzeugungsarbeit bei der interkulturellen Öffnung von Behörden, stößt aber auch eigene Projekte an. Die von Sabine Wißdorf angesprochene strategische Ebene von Netzwerken und die Bedeutung eines Mandats durch Politik und Verwaltungsleitung kennt er, er weiß aber auch, dass es in der täglichen Arbeit „menschelt“ – mit allen Vor- und Nachteilen. In der Netzwerkarbeit ist im daher wichtig, die Struktur von Organisationen zu erkennen und zu achten und Partner als „autonom handelnde Organisationen“ richtig einzubinden und nicht zu bevormunden.

Eine wichtige Zielgruppe sind für Kock junge Erwachsene unter den Geflüchteten, diejenigen zwischen 19 und 24 Jahren, die die Schule beendet, im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt aber noch nicht fußgefasst haben. „Für die fühlt sich niemand zuständig und wir erreichen sie auch nicht über die Jugendzentren, denn dort gehen sie nicht hin“ klagte er. Für die Internationale Jugendarbeit sieht er hier Möglichkeiten. Ob das so ist, löste eine lebhafte Diskussion aus. Wollen Geflüchtete wirklich ins Ausland? „Es geht nicht um die Formate Internationaler Jugendarbeit“ findet Inge Kilian aus Bremen, „es geht um die Methoden, da haben wir viel anzubieten“.

Qualitätsdialoge sind ein Instrument der Qualitätsentwicklung, das in vielen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe angewendet wird. Dabei werden Klientinnen  und  Klienten sozialer  Dienstleistungen aktiv  in den Dialog einbezogen und werden selbst Beraterinnen und Berater. Sabine Wißdorf vom IN/S/O Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung stellte die Methode vor und übertrug sie auf die Bedingungen Internationaler Jugendarbeit vor Ort. Sie riet dazu, fachliche Standards sicherzustellen, die Ergebnisse aber auch nach außen zu tragen, politische Debatten zu initiieren, Unterstützung für die Internationale Jugendarbeit immer wieder sichtbar zu machen. „Tragen Sie Zahlen, Daten und Fakten zusammen und treffen Sie Aussagen über die Wirksamkeit! Sein Sie unterwegs wie ein Eichhörnchen!“ empfahl sie. Mit dieser Strategie haben KGI-Akteure bereits positive Erfahrungen gesammelt, politische Zusicherungen erhalten und Beschlüsse von Verwaltungen herbeigeführt. Sie wissen aber auch, dass dies noch nicht alles ist und weitere Arbeit nötig ist. „Es nützt nichts, wenn wir tausend Beschlüsse haben und nichts geschieht, wenn die Visa-Probleme zum Beispiel nicht beseitigt werden“ empörte sich Andrea Krieger vom Hamburger Amt für Familie. Unterkriegen lassen will sie sich nicht. Eine Zielsetzung wie die von KGI – Internationale Jugendarbeit politisch stärken und strukturell verankern – beschreibt eben einen fortlaufenden Prozess und keinen Zustand. Die Kommunen haben sich also zweifelsohne auf einen arbeitsintensiven Weg begeben, aber einen – da sind sich alle einig –, der sich für die Jugendlichen lohnt.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


KGI-Netzwerktreffen, Köln 2016

Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter