Anneke Schlummer

Kommune goes International Fachgespräch: Internationale Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung

Am 26. November 2013 lud IJAB zu einem Fachgespräch zwischen Jugendhilfeplaner(inne)n und Praktiker(inne)n und drei Sozialwissenschaftlern nach Essen ein. Das Thema: Wie kann internationale Jugendarbeit in den Kommunen auch mittels der Jugendhilfeplanung unterstützt werden.

BildImage: Marcus Gloger | IJAB

Die Frage ist  klar. „Wie kann der Bedarf an internationaler Jugendarbeit in einer Kommune quantifiziert werden? Gibt es hierfür Kennzahlen?“, fragt Hermann-Joseph Pomp vom Jugendamt Essen. Die Kommunen Hamm, Essen und Bremen, alle nehmen an Kommune goes International (KGI) teil, befassen sich seit längerem gemeinsam mit der Frage, wie sie die Internationale Jugendarbeit in ihren Kommunen auch mittels der Jugendhilfeplanung unterstützen können.

Angeregt von diesen KGI-Kommunen lud IJAB zu dem Fachgespräch zwischen Jugendhilfeplaner(inne)n und Praktiker(inne)n und drei Sozialwissenschaftlern ein. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend  unterstützte  das Anliegen.  So betonte Albert Klein-Reinhardt, Referent im Ministerium, gleich zu Beginn des Gesprächs das Interesse des Hauses am Thema und an weiterführenden Ideen und Projekten zur Stärkung der Internationalen Jugendarbeit auf kommunaler Ebene. Der Bund wolle Impulse geben, zeigen, dass das Format der Internationalen Jugendarbeit wichtig ist und setze auf seine Anregungskompetenz.

Kommunale Modelle werden jetzt gebraucht

Intensiv wurde diskutiert, wie es gelingen kann, die Internationale Jugendarbeit in der Kommune zu stärken. Insbesondere ging es dabei um das Instrument der Jugendhilfeplanung, aber nicht nur. Denn schnell stellte sich heraus, dass zunächst ein politischer Wille und eine politische kommunale Strategie der Internationalisierung und Europäisierung der Kinder- und Jugendhilfe vorhanden sein müssen, die mit Hilfe der Jugendhilfeplanung zusätzliche Stärkung erfahren können. Auch die Erschaffung von Leitlinien oder Lokalen Entwicklungsplänen für internationale Jugendarbeit sind hilfreich. Projekte, die Modelle aufzeigen, wie dies Kommunen gelingen kann, werden jetzt gebraucht, so die einhellige Meinung der Anwesenden.

Begriffsbestimmung: Internationale Jugendarbeit

Professor Andreas Thimmel von der Fachhochschule Köln führte in die Internationale Jugendarbeit ein. Er hielt ein großes Plädoyer für die Internationale Jugendarbeit (IJA) im klassischen Sinne nach § 11 KJHG, die charakterisiert ist durch Freiwilligkeit, Partizipation, freie Zeit zum eigenen Gestalten, Gegenseitigkeit und gleiche Augenhöhe. Sie hat positive Wirkungen nicht nur auf die Jugendlichen, die an ihr teilnehmen, sondern sie wirkt auch außenpolitisch und ist insofern auch Teil der auswärtigen Kulturpolitik. Nicht zu vergessen ist auch die jugendpolitische Bedeutung der Internationalen Jugendarbeit, z.B. durch die Beiträge, die Fachkräfteprogramme leisten.

Neben dieser engen Definition, können noch einzelne Elemente oder Maßnahmen der IJA bzw. der Mobilität unterschieden werden, die auch in anderen angrenzenden Feldern der Kinder- und Jugendhilfe Anwendung finden, z.B. Jugendsozialarbeit, Berufliche Bildung, Mobilitätsmaßnahmen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung. Warum ist diese Begriffsunterscheidung so wichtig? Da geht es zum Einen um unterschiedliche Fördertöpfe, zum anderen geht es darum, dass jede Kommune für sich selbst klärt, wie sie ihre Internationalisierung verstehen will und wo sie eventuell Schwerpunkte setzen möchte. Doch Professor Thimmel machte auch deutlich, wo die Herausforderungen liegen: Die Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit werden von verschiedenen Ebenen Bund, Ländern und EU finanziell gefördert. Dies macht es nicht nur schwierig einen Überblick über die Aktivitäten in der Kommune zu erhalten, sondern erschwert auch eine kommunale Steuerung.

Jugendhilfeplanung heute

Professor em. Titus Simon der Universität Magdeburg-Stendal ist Experte für Jugendhilfeplanung und erläuterte die aktuelle Situation:  Jugendhilfeplanung ist eine Pflichtaufgabe, die das SGB VIII vorschreibt. Doch nachdem sich 1996 noch abzeichnete, dass sich die kommunale Jugendhilfeplanung flächendeckend durchgesetzt hat, sieht es sei t der Jahrtausendwende anders aus. In vielen Kommunen fällt die Jugendhilfeplanung Sparzwängen zum Opfer, und so werden Stellen für Jugendhilfeplanung z.T. nicht besetzt oder mit vielen anderen Aufgaben betraut.

Die vier Schritte der Jugendhilfeplanung

Trotz dieser nicht sehr ermutigenden Situation, ist die Jugendhilfeplanung ein gutes Instrument, das Qualitätsverfahren und mittelfristige Planung sichert. Professor Simon stellte die vier Schritte vor, in denen sich Jugendhilfeplanung vollzieht: Zunächst müsste die „Planung der Planung“ stattfinden, dann die Schritte der Jugendhilfeplanung vollzogen werden: a) Zielformulierung, b) Bestandsermittlung, c) Bedarfsermittlung und d) Planung der zur Befriedigung des Bedarfs notwendigen Vorhaben. Anschließend sollte der Entwurf des Plans die zuständigen Entscheidungsgremien durchlaufen und zum Abschluss geht es um die weitere Prozessplanung bzw. Fortschreibung des Planes.

Als Planungsakteure auf kommunaler Ebene kommen lokale Maßnahmeträger, Jugendhilfeausschüsse und / oder -unterausschüsse in Frage. Zentral sind für Professor Simon die partizipativen Ansätze. Diese zu entwickeln und Kinder und Jugendliche bei der Planung und Durchführung von Internationaler Jugendarbeit aktiv einzubeziehen z.B. durch Ortsjugendkonferenzen oder Jugendforen ist ihm ein besonderes Anliegen.

Der große Vorteil der Verankerung der IJA in die Jugendhilfeplanung, so sind sich alle einig, ist die Stärkung der Argumente um Finanzmittel im Jugendhilfeausschuss. Verbindliche mittelfristige Planung und strategisches Handeln sind weitere Vorteile.

„Stochern im Datennebel?“

Ein wichtiger Schritt im Rahmen der Jugendhilfeplanung ist die Bestandsaufnahme, d.h. die Sichtung und Analyse der vorhandenen Angebote der Internationalen Jugendarbeit in einer Kommune. Doch die Datenlage ist in vielen Kommunen schlecht. Dr. Jens Pothmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik Forschungsverbund DJI/TU Dortmund) verweist darauf, dass die lokale Kinder- und Jugendberichterstattung ausbaufähig ist. In vielen Kommunen mangele es an Beobachtungsstellen und Methoden zur Bestandsaufnahme der  Internationalen Jugendarbeit.  Lokale Kinder- und Jugendberichterstattung sollte inhaltlich an den Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen ansetzen. Um die Nachhaltigkeit zu sichern sollte sie möglichst in Eigenregie der Kommune durchgeführt und mit Eigenmitteln finanziert werden.

Aber auch auf anderen Ebenen kann die Datenlage zur Internationalen Jugendarbeit noch verbessert werden. Die Amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik beobachtet den § 11 der Kinder- und Jugendhilfe, so Herr Dr. Pothmann. Aus ihren letzten Erhebungen lassen sich gewisse Trends ablesen: Zu beobachten ist ein Rückgang der KJP-geförderten Internationalen Jugendarbeit. So sind zwar die Ausgaben gestiegen, aber die Anzahl der Maßnahmen sinkt. Auch die Anzahl der Personalstellen für Internationale Jugendarbeit ist rückläufig. Diese Daten lassen viel Raum für Interpretationen: Es ist anzunehmen, dass sich die Qualität der Maßnahmen entwickelt hat und die Kosten pro Maßnahme angestiegen sind. Aber auch technische Fragen wie der Übergang von der Kameralistik zur Doppelten Buchführung könnten Einfluss genommen haben. Insgesamt waren die Ergebnisse jedoch nicht differenziert und die Daten nicht sehr zuverlässig. Da die Kinder- und Jugendhilfestatistik in ihrer jetzigen Form nicht mehr dem Stand der Forschung entspricht, wird derzeit ein neues Erhebungsinstrument entwickelt, das 2015 angewendet werden soll. Die Internationale Jugendarbeit sollte darin einen höheren Stellenwert erhalten und besseren Aufschluss über die Daten geben.

Entwicklung von Kennzahlen

Die Internationale Jugendarbeit ist mit wenigen Ausnahmen in qualifizierter Jugendhilfeplanung noch nicht berücksichtigt. Qualitative Beschreibungen sind vorhanden, aber Kennzahlen gibt es, so Professor Simon, noch nicht. Er hält jedoch fest, dass diese Kennzahlen erstens von jeder Kommune individuell festzulegen sind, und zweitens ihnen immer ein politischer Prozess vorausgeht. Die Zielformulierung und Profilschärfung vor Ort ist der erste Schritt. Erst wenn feststeht, dass sich eine Kommune stärker auf Internationale Jugendarbeit fokussieren möchte, dann kann man sich an Kennzahlen annähern. Die erste Planung und Beschreibung ist dabei noch unscharf und Kennzahlen ermitteln sich erst mit der Zeit. Die Planung sollte sozialräumlich und fallbezogen angelegt sein und über mehrere Planungsphasen erfolgen, was ein gewisses Durchhaltevermögen erfordert. Um Kennzahlen zu ermitteln, könnte man mit „Experimentierklauseln“ arbeiten, und z.B. herausarbeiten, welche gesellschaftlichen Gruppen mobil sind und welche nicht. Diesen Proporz würde man dann auch der Internationalen Jugendarbeit zugrunde legen.

Wie kommen diese Impulse in neue Kommunen?

Aber eine Frage stellt sich weiter: Wie kommen diese neuen Impulse, die Internationale Jugendarbeit zu stärken, in diejenigen Kommunen, die bisher andere Schwerpunkte für sich gelegt haben? Neu ist dabei, die Internationale Jugendarbeit konsequent von der Kommune aus zu denken. Solche Ansätze müssten systematischer geordnet und z.B. in einem Fachtag für Kommunen ausgetauscht werden. Hier wäre es wichtig, Expertise zu den Wirkungen internationaler Jugendarbeit auf kommunaler Ebene zu sammeln und eine Bestandsaufnahme der Internationalen Jugendarbeit im weitgefassten Sinne, quer über die Bereiche hinweg, zu ermöglichen. Denn, und auch das ist neu, Jugendliche sollten das Recht haben, in ihrer Kommune an einer Mobilitätsmaßnahme teilzunehmen.

„Das Fachgespräch Internationale Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung war eine kompakte und intensive Tagung, die einige wichtige offene Fragestellungen und Bedarfe von Kommunen und Internationaler Jugendarbeit aufgezeigt hat“, resümierte die JiVE-Projektleiterin Xandra Wildung von IJAB die Veranstaltung und betonte: „Bei Kommune goes International gibt es im Feld der Jugendhilfeplanung noch viel zu tun. Erste Projektideen zur Bestandsaufnahme und Bedarfsermittlung der internationalen Jugendarbeit im Rahmen der kommunalen Jugendhilfeplanung sind jetzt umrissen und werden von IJAB in Zusammenarbeit mit den KGI-Kommunen weiter verfolgt.

Kontakt: Anneke Schlummer, Projekt INTERNATIONALE JUGENDARBEIT IM PLAN, schlummer@DontReadMeijab.de



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