Christian Herrmann

Wir wären nicht da, wo wir heute sind

Die Werkstattgespräche der Initiative „Kommune goes International“ sind ein Forum um lokale Akteure beim Aufbau Internationaler Jugendarbeit zu vernetzen und ihnen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Für die Kommunen der Südhälfte Deutschlands fanden die Gespräche am 19. und 20. November in Wiesbaden statt. Dieser kollegiale Austausch ist auch ein Gradmesser für den Fortschritt der gesamten Initiative.

BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Der Unterschied zu den Werkstattgesprächen im vergangenen Jahr könnte nicht größer sein. Damals blickte man in ratlose Gesichter. An gutem Willen mangelte es seinerzeit nicht, aber kaum eine der beteiligten Kommunen hatte jemals einen internationalen Austausch durchgeführt. Woher sollte man das Geld nehmen, woher qualifiziertes Personal, wie die Politik überzeugen und woher die Zielgruppe der benachteiligten Jugendlichen nehmen? 2013 ist alles anders. Wiesbadens Bürgermeister Goßmann – zugleich Sozialdezernent – eröffnet die Werkstattgespräche und betont die Bedeutung der Initiative für die Ausrichtung der kommunalen Jugendpolitik. 30% Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte habe man inzwischen in den Schulen der Stadt, fast 25% der Kinder und Jugendlichen leben von Transferleistungen. Ihm seien daher Projekte wichtig, die sich dieser Jugendlichen annähmen, besonders dann wenn sie dies in Kooperation mit Partnern aus Wirtschaft und Schule täten.

Stolz präsentierte Projekte

Genau diese Projekte gibt es in Wiesbaden inzwischen – und natürlich nicht nur dort. Die Kolleg(inn)en vom Kinderzentrum im Wiesbadener Stadtteil Biebrich präsentieren Eindrücke von ihren Austauschprojekten mir Glarus in der Schweiz und dem polnischen Wroclaw. Städtische Sozialarbeiter schildern ihre Erfahrungen mit einem Austausch mit der griechischen Stadt Florina. Einen sehenswerten Film gibt es über den Jugendaustausch mit Gaziantep im Osten der Türkei zu sehen. Alle Projektverantwortlichen präsentieren die Ergebnisse mit Stolz, Engagement und Zuversicht. Das ist es, was sich verändert hat.

An vielen Orten in der Republik drehen Menschen an den Schräubchen kommunaler Jugendpolitik und bringen etwas in Bewegung – kommunale Initiativen sprechen junge Menschen an, öffnen deren Blick für die Welt, verändern ihr Selbstbewusstsein, bereichern ihre Fähigkeiten. Sie mögen sich vor Ort vielleicht als Einzelkämpfer fühlen, betrachtet man JiVE mit all seinen Teilinitiativen, sind sie es aber keineswegs. Niels Meggers, Projektverantwortlicher für JiVE und „Kommune goes International“ ist es daher wichtig, diesen Zusammenhang darzustellen und die Vielfalt der jugendpolitischen Initiativen transparent zu machen. In einem Abriss schildert er die Ziele und den Stand der Teilinitiativen.

Kollegialer Austausch

Dass die ersten lokalen Projekte erfolgreich gestartet sind, bedeutet natürlich nicht, dass alle Fragen beantwortet sind. Finanzierungsfragen und die gefühlte Inflexibilität mancher Programme, die Ansprache der Zielgruppe, Schwierigkeiten mit Rückbesuchen, rechtliche Probleme – der Gesprächsbedarf der Teilnehmenden ist groß. Der kollegiale Austausch nimmt daher in den Werkstattgesprächen breiten Raum ein. „Wer möchte über welches Thema sprechen und wer hat welche Erfahrung und Hilfe anzubieten?“ fragt Niels Meggers in die Runde. „Eigentlich habe ich nichts anzubieten“ melden etliche Teilnehmende zurück. Da ist sie plötzlich wieder, die Unsicherheit, ob man denn den Herausforderungen internationaler Projekte ausreichend gewachsen ist.

Am Ende der zweitägigen Veranstaltung werden viele Kolleg(inn)en die kollegiale Beratung und den fachlichen Austausch als wichtigstes Element bilanzieren. Nicht alle haben Erfahrungen zu jeder offenen Frage anzubieten, die Summe des gesammelten Wissens aber ist groß. Das gibt Sicherheit, erst recht dann, wenn die Kolleg(inn)en nach den Werkstattgesprächen wissen, bei wem sie den nötigen Rat einholen können.

Fachliche Inputs

Die Werkstattgespräche von „Kommune goes International“ bestehen jedoch nicht ausschließlich aus Kollegialer Beratung. Es geht auch um Inputs, die das bereits vorhandene Wissen erweitern und einen Beitrag zur Qualitätsentwicklung leisten. Ansgar Drücker vom  Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit leistet einen solchen Beitrag. Er kennt JiVE seit langem und war bereits 2008 beim Vorgängerprojekt „Interkulturell on Tour“ beteiligt. Drücker geht auf mit seiner Präsentation auf die oft gestellte Frage nach zielgruppengerechter Ansprache ein. Ihm ist es wichtig, dass soziologisches Wissen über Jugend Eingang in die Konzeption von Projekten findet. Den Schwerpunkt seiner Ausführungen setzt er daher bei der Sinusstudie „Wie ticken Jugendliche 2012“. Unterschiedliche Milieus bedingen unterschiedliche Ansprachen. Wer nicht nur Jugendliche mit höherem Bildungsniveau erreichen will, muss die anderen Milieus kennen und identifizieren. Andernfalls bliebe der Wunsch, Internationale Jugendarbeit für alle Jugendlichen zu öffnen politische Rhetorik, sagt Drücker.

„Nach der Begegnung ist vor der Begegnung“ findet Judith Dubinski von der Fachhochschule Köln in Anlehnung an eine bekannte Fußballweisheit. Dubinski beschäftigt sich seit Jahren mit der Evaluation von internationalen Begegnungen und hat in diesem Zusammenhang über Fragebögen und mit zahlreichen Kooperationspartnern einen einmaligen Datenbestand zusammengetragen. Der erlaubt nicht nur Rückschlüsse über eine einzelne Begegnung sondern in der Summe auch über die Wirkung internationaler Begegnungen insgesamt. Damit stellt das von Dubinski und ihren Partnern entwickelte Evaluationswerkzeug nicht nur einen fassbaren Nutzen für die Arbeit vor Ort dar, die Ergebnisse sind auch wichtig für die Weiterentwicklung von Jugendpolitik. Instrumente gehören jedoch regelmäßig auf den Prüfstand, das weiß Dubinski und es klingt auch in der Diskussion an. Gegenwärtig wird unter Beteiligung von IJAB geprüft, wie die Evaluation zeitgemäß online durchgeführt werden kann. Aber auch die Sprache des Fragebogens wird regelmäßig überprüft. Gerade die Ansprache neuer Zielgruppen wirft die Frage nach Anpassung auf.

Kann man zwei Tage intensiver Gespräche bilanzieren? Was sagen sie im Sinne einer Fortschrittsanzeige des Gesamtprojektes? Vielleicht stammt die schönste Zusammenfassung von Hildegunde Rech vom Amt für soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden: „Ohne „Kommune goes International“ wären wir nicht da, wo wir heute sind“. Betrachtet man nicht nur die Werkstattgespräche sondern den bisherigen Gesamtverlauf der Initiative, ist dies eine ansehnliche Bilanz.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


Kommune goes International: Werkstattgespräche Süd, Wiesbaden 2013

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