Manuela Paulick

Netzpolitik mitbestimmen – 60 Jugendliche stellen ihre Forderungen an das BMJV

Zum zweiten Mal trafen sich vom 14. bis 16. Oktober 2016 junge Internetinteressierte in Berlin und diskutierten gemeinsam mit Expertinnen und Experten über die Themen Datenschutz, Verbraucherschutz, Sicherheit im Netz und digitale Bildung.

BildImage: Anne Hornemann für IJAB

Die hohe Anmeldezahl bestätigte das große Interesse und den Bedarf der Mitsprache an diesen wichtigen Themen bereits im Vorfeld, verriet Melanie Welters, die gemeinsam mit den IJAB-Kolleginnen Kira Schmahl und Jana Ehret die diesjährigen WebDays 2016, ein Folgeprojekt der erfolgreichen „watch your web Days 2015“, organisierte.

Wie bereits letztes Jahr, folgten auch diesmal über 60 hochmotivierte junge Menschen von Bayern bis Schleswig-Holstein der Einladung zu der dreitägigen Veranstaltung ins Pegasus-Hostel nach Berlin-Friedrichshain. Bei der Begrüßung am Freitagnachmittag erkannten die Moderatoren Sorina und Leonard einige Gesichter aus dem Vorjahr wieder. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) war durch den Leiter des Referats für Verbraucherschutz in der Informationsgesellschaft, Jürgen Karwelat vertreten: „Datenschutz ist ein Teil des Verbraucherschutzes“, betonte er. Aus seiner Sicht würden „Sicherheit, Qualität und auch die Umwelt oft unter dem Druck der schnellen Einführung neuer Produkte leiden.“ Ständige Veränderungen werfen immer neue Fragen und Probleme auf.“ Der Austausch von Daten und Wissen sei aber auch eine ungeheure Chance. „Gut, dass ihr hier seid, um euch kluge Gedanken zu machen!“

Im Anschluss zeigten Benni und Steffen vom Chaos Computer Club anhand eines Live-Hackings wie einfach Datendiebstahl und -manipulation sind, und wie sich das Internet im Laufe des letzten Jahrzehnts verändert und monopolisiert hat. Doch auch Kritik kam nicht zu kurz. Sie verwiesen auf einen Tweet aus 2014, in welchem Schirmherr und Minister Heiko Maas sich entschieden gegen die Vorratsdatenspeicherung aussprach. 2015 führte er selbst dieses Gesetz ein. „Twitter vergisst nicht!“ ermahnten Benni und Steffen, „Seid kritisch! Politiker sind nur Vertreter. Wir als Gesellschaft müssen aktiv werden!“

Wachrütteln und Aufklären  

Dies wollten auch die Referent(inn)en in den vier Projektgruppen, den sogenannten DiscussionHubs, zu den Themen „Verbraucherschutz im Netz“, „Netzpolitik und Big Data“, „Digitale Bildung und Medienkompetenz“ und „Datenschutz und Sicherheit in sozialen Netzwerken“. Mit Expertise und Methodenkompetenz unterstützten Vertreterinnen und Vertreter der Medienpädagogik, der Sozialwissenschaften und der Verbraucherzentralen sowie vom Chaos Computer Club die Teilnehmenden, die überwiegend aus dem formalen Bildungsbereichen kamen, ihre Ideen und Problemstellungen inhaltlich aufzubereiten und die Präsentation für die Vertreter des Ministeriums vorzubereiten. In vier Phasen wurde eifrig diskutiert, auf Missstände aufmerksam gemacht, Wissen ausgetauscht und anschließend Forderungen und Thesen herausgearbeitet.

Referent Hauke Mormann von der Verbraucherzentrale NRW war auch schon das zweite Mal dabei: „Es ist spannend, was Jugendliche bewegt, es ist eine wunderbare Möglichkeit, Infos zu geben, die Ideen aufzugreifen und die Realität zu erklären. Daraus werden dann neue Ideen geboren.“ Er ist begeistert von der Dynamik der Teilnehmer(inn)en in seinem DiscussionHub: „Die einen bringen greifbare Probleme mit, andere bringen sich ein und dann entwickeln gemeinsam neue Ideen.“ Doch der freie Austausch über Meinungen, Wissen und Ideen sowie die Vernetzung Gleichgesinnter findet nicht nur in den Themengruppen statt.

Wissenstransfer bis tief in die Nacht

Die zentrale Lage in der Hauptstadt war für alle dabei eher nebensächlich – bis Mitternacht saßen die Jugendlichen bei einer Cryptoparty in den Seminarräumen zusammen – statt Musik gab es regen Austausch von Fachwissen und Diskussionen zu Technik und Sicherheit im Netz. „Themen wie Datensicherheit und Verschlüsselung interessieren mich mehr als das Berliner Nachtleben“; meinte Katharina (19), gelernte Bankkauffrau aus Baden-Württemberg, die über YouTube von den WebDays erfuhr und zum ersten Mal dabei war. Dominik (16) aus Frankfurt am Main war gespannt und nutzte die Cryptoparty, um noch mehr über Datensicherheit im Internet zu erfahren: „Man benutzt es jeden Tag, weiß aber gar nicht, was dahintersteckt.“

Minister Heiko Maas konnte leider aufgrund seines annullierten Fluges nicht anwesend sein. So wurden die in den DiscussionHubs erarbeiteten Thesen am Folgetag in Form eines Elevator-Pitches unter Anwesenheit von Vertretern des Ministeriums einander vorgestellt. Die junge Netzgeneration forderte u.a. ein Schulfach Medienbildung, technische und fachkundige Unterstützung sowie Förderung für Schulen bundesweit und Zugang zur digitalen Welt ohne Barrieren. Wichtig war den Jugendlichen vor allem der Verbraucher- und Datenschutz. Klare Forderungen, wie die Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung, die Verstärkung der Verschlüsselung oder einheitliche Regelungen zum Datenschutz auf EU-Ebene kamen zur Sprache. Die Brisanz des Themas zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion, wobei es um Überwachung, Datensicherung und Aufklärung der Bevölkerung über Risiken und Gefahren ging.

Den Samstagnachmittag nutzten die Jugendlichen, um bei einem spannenden Outdoor-Game auf der Suche nach Mister X die Stadt auf eigenen Wegen zu erkunden. Der Abend stand im Zeichen von „MaKeyMaKey“: Hierbei kommt natürlich der Computer wieder mit ins Spiel – nur die Tastatur hatte Pause, stattdessen konnten experimentell Bananen, Marshmallows, Knete, Alufolie und andere Dinge zur Navigation genutzt werden.

Beteiligung und Kenntnisse der Jugend nicht unterschätzen

Wie viel Potential und Ideenreichtum in jungen Menschen stecken, wurde eindrucksvoll in den ActionLabs deutlich. Hier ging es um die Entwicklung eigener Ideen und Projekte rund um das Web. Dies geschah bei den Gruppen schon bis hin zur Perfektion. Webseiten wurden angelegt, Layouts entworfen und Konzeptideen vorgestellt. „Datenschutz ist sehr wichtig“, meint Niklas (16) aus dem Saarland, er griff mit seiner Gruppe das Thema spielerisch auf und simulierte Datendiebe im Netz. Eric (21), Student aus Aachen, möchte mit seinem Team mittels einer Webseite sichtbarmachen, was hinter den Apps steckt. „Zeigen, wo bin ich und was passiert in der App.“ Doch auch Themen weniger internetaffiner Personengruppen wurden aufgegriffen. So wurden Konzepte zur Aufklärung von Senioren und Grundschülern über Gefahren und Risiken durch das Web vorgestellt. Über die beste Idee stimmte das Publikum natürlich digital mittels Smartphone ab. Die Gewinner der ActionLabs wurden zum Nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung nach Saarbrücken eingeladen, der am 16. und 17. November 2016 stattfindet, um dort die Forderungen der Jugendlichen der WebDays weiterzutragen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion ging es neben den Forderungen der TeilnehmerInnen hauptsächlich um Datenschutz und Überwachung. Auf dem Podium stellten sich Saksia Esken (MdB, SPD), Dagmar Hartge (Datenschutzbeauftragte des Landes Brandenburg), Jürgen Karwelat (BMJV), Falk Garbsch (Chaos Computer Club) und Rayk Anders (Journalist & YouTuber) den Fragen der Jugendlichen. Esken bezog klare Stellung: „Dass alle Bürger überwacht werden, ist nicht normal und auch nicht notwendig. Spionage wird es jedoch weiterhin geben.“ Anders konterte der Politikerin: „Ich akzeptiere es aber nicht, überwacht zu werden!“ Auch über einheitliche EU-Regelungen hinsichtlich Datensicherheit wurde diskutiert: „Globales Internet braucht globale Vorschriften!“ so Dagmar Hartge. Doch das sei noch ein sehr langer Weg. Die Jugendlichen hoffen, dass die Forderungsagenda der WebDays 2016, welche nach der Diskussion an Jürgen Karwelat als Vertreter des BMJV überreicht wurde, einen Stück des Weges mitbestimmt.

Wiederkommen würde Katharina auf jeden Fall. Die WebDays haben ihr viel Spaß gemacht: „Endlich konnte ich mich mit Menschen austauschen, denen das gleiche am Herzen liegt.“ Sie erzählt, dass sie viel Fachwissen und neue Meinungen mit nach Hause nehmen wird. Erschöpft, doch beladen mit geballten Informationen und mit neuer Inspiration treten nicht nur Katharina, Dominik, Niklas und die weiteren 57 Teilnehmer ihren Heimweg an. Auch Referatsleiter Jürgen Karwelat vom BMJV geht mit vielen Denkanstößen nach Hause, die „über die Kompetenz des Ministeriums hinausreichen.“ Nun liegt die Verantwortung in den Händen der Politik und der Verwaltung, die Ideen und Thesen der jungen Menschen aufzugreifen, sich ihner anzunehmen und das ein oder andere umzusetzen.

>> Agenda "Jugendgerechter Daten- und Verbraucherschutz in der digitalen Welt", verfasst von 60 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren im Rahmen der Jugendkonferenz „WebDays 2016“ vom 14. bis 16. Oktober 2016 in Berlin (PDF).



WebDays 2016 in Berlin

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