Christian Herrmann

„Die Projekte sind der Schatz der Konferenz“

Die Herausforderungen der digitalen Welt werden in Europa nicht unbedingt anders gesehen, aber es wird unterschiedlich mit ihnen umgegangen. Eine trilaterale Konferenz zwischen Deutschland, Finnland und Estland erlaubte Einblicke in unterschiedliche Kulturen im Umgang mit neuen Medien und Ausblicke über den nationalen Tellerrand hinaus.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz beim Abschlussfoto BildImage: Niels Meggers / IJAB

Die trilaterale Fachkonferenz „Herausforderungen der digitalen Welt – Innovationen in Medienkompetenz und Jugendarbeit“

Die Konferenz „Herausforderungen der digitalen Welt – Innovationen in Medienkompetenz und Jugendarbeit“, die am 13. und 15. Dezember 2009 in Tallinn/Estland stattfand, ist Teil eines länger angelegten Fachprogramms zwischen Deutschland, Finnland und Estland, das sich rund um Herausforderungen und Chancen jugendlicher Mediennutzung bewegt. Die deutsche Beteiligung wird von IJAB – Fachstelle für internationale Jugendarbeit organisiert.

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Unterschiedlicher könnten die drei Partnerländer dieser Fachkräftekonferenz kaum sein: Deutschland, Finnland und Estland haben sehr unterschiedliche Kulturen des Jugendmedienschutzes und der Medienbildung. Inspirierend ist der Blick für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Herausforderungen der digitalen Welt – Innovationen in Medienkompetenz und Jugendarbeit“ in Estlands Hauptstadt Tallinn daher allemal. Beim Gastgeber Estland ist staatliche Intervention in Sachen Jugendmedienschutz weitgehend unbekannt. Zu sehr litten die Esten unter der Pressezensur und staatlichen Gängelung von Medien während der sowjetischen Herrschaft. Den estnischen Beiträgen zur Tagung merkt man dies an: Es wird mehr zugehört und weniger geredet. Diese Haltung ist kein Mangel, sondern eher Ausdruck des Dialogs zwischen neuen und alten EU-Mitgliedsländern.

Es sind vor allem junge Leute, die von estnischer Seite an der Konferenz teilnehmen und sich Gedanken über die Zukunft machen. Wie beantwortet man die Fragen einer kritischen Öffentlichkeit, die wissen will, ob zweifelhafte Inhalte im Internet, die Sicherheit persönlicher Daten und stundenlanger Medienkonsum nicht auch nach anderen Antworten verlangen, als ausschließlich den Verweis auf die Freiheit der Rede. Das jugendliche Alter der estnischen Organisatorinnen und Teilnehmer steuert auch einen neuen Aspekt bei: Während gewöhnlich ältere Referenten ihre Erkenntnisse über jugendliche Mediennutzung vortragen, kehrt sich bei den Esten der Blickwinkel um: Tiina Tambaum, eine Studentin der Universität Tallinn, referiert über die Internetnutzung von Rentnerinnen und Rentnern in Estland. Was zunächst bei den Zuhörerinnen und Zuhörern Stirnrunzeln verursacht, ist ernst zu nehmen: Unterschiedliche Mediennutzung ist auch ein Gegenstand der Kluft zwischen den Generationen. Wer sie überbrücken will, muss Kenntnisse voneinander haben.

Ganz anders wirkt die Darstellung des komplizierten deutschen Geflechts von Selbstregulierung, staatlicher Intervention und Medienbildung, das von Nicole Müller, einer Kollegin vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz vorgetragen wird. Nicht, dass Nicole Müller etwas falsch gemacht hätte, sie schildert die komplexen Zusammenhänge völlig zutreffend. Aber allein die Menge der beteiligten Institutionen und ihre partikularen Zuständigkeiten hinterlassen den Eindruck, dass wir in Deutschland – verglichen mit den beiden anderen Partnerländern der Konferenz – in einer hoch bürokratisierten Gesellschaft leben. Und spätestens als der Begriff der staatlichen Repression fällt, weht auch ein Geruch von Zensur durch den Raum. Brauchen Deutsche die Käseglocke staatlicher Bevormundung? Geben sie besonders gerne die eigene Verantwortung als Eltern oder Pädagogen an andere ab? Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch das Ungleichgewicht zwischen der Selbstkontrolle der Wirtschaft und staatlicher Intervention auf der einen Seite und der verglichen damit geringen Menge von Initiativen zur Unterstützung der Kompetenzen jugendlicher Nutzerinnen und Nutzer auf der anderen Seite. Hätte es nicht Projektpräsentationen gegeben, die deutlich machen, dass es sehr wohl gute Beispiele zur Stärkung der Medienkompetenz gibt, die deutsche Delegation hätte nur wenig zum im Titel der Veranstaltung angesprochenen Thema „Innovation“ beitragen können.

Arbeit im Workshop: Daniel Seitz erklärt, was seine Arbeit mit

So berichtet Daniel Seitz vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familie aus Herzogsägmühle, einer großen Einrichtung der Diakonie in Oberbayern authentisch von seinen medienpädagogischen Initiativen in der täglichen Arbeit mit schwierigen Jugendlichen (herzogsaegmuehle.netzcheckers.net). Henning Fietze steuert bei, wie Medienpädagogik im Projerkt „Eltern-Medien-Lotsen“ auch Eltern erreicht (www.tidenet.de/akademie/elternmedienlotse/...), Ruth König vom Mädchenhaus Bremen weiß, wie man es organisiert, dass Mädchen online Mädchen beraten (www.maedchenhaus-bremen.de), und Christian Herrmann referiert die Erfahrungen der viralen Kampagne „watch your web“ zur Sensibilisierung von Jugendlichen im Umgang mit persönlichen Daten in Sozialen Netzwerken (www.watchyourweb.de).„Die Projekte, die von den drei Delegationen vorgestellt wurden, sind der eigentliche Schatz dieser Konferenz“ findet Elisabeth Seifert von der Aktion Jugendschutz Bayern. Diese Einschätzung wird Länder übergreifend geteilt.

Über besonders interessante Projekte haben die finnischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu berichten. Während Peer-to-Peer-Erziehung etwas ist, dass in Deutschland gerne gefordert, aber – bis auf wenige Ausnahmen – selten praktiziert wird, hat die Mannerheim League for Child Welfare dafür ein groß angelegtes Modell entwickelt. Jugendliche beraten Jugendliche zu allen Aspekten des gemeinschaftlichen Lebens in der Schule (www.mll.fi/in_english/peer_support_in_schools/). Mediennutzung spielt dabei eine wachsende Rolle. Suvi Tuominen trägt den Stand, des schon seit 1972 bestehenden Projektes vor. Bereits 90% der weiterführenden Schulen werden durch das Netzwerk der Peers, ihrer Trainer und deren Anleiter erreicht.

In Deutschland haftet Sozialen Netzwerken immer noch etwas Anrüchiges an. Dass etwa 80% der Jugendlichen zwischen 13 und 18 bei SchülerVZ, Wer-kennt-Wen oder Lokalisten aktiv ist, steigert das Misstrauen der Eltern-Generation eher noch, handelt es sich doch um jugendkulturelle Räume, über die man wenig weiß und viel mutmaßt. Elterlicher Kontrollverlust könnte kaum offensichtlicher werden, als bei der Mediennutzung der eigenen Kinder. In Finnland geht man mit den Online-Netzwerken souveräner um, auch wenn diese Souveränität erarbeitet werden musste.

Marko Forss ist Ermittler bei der finnischen Polizei in Helsinki und berichtet über seine Aktivität als User „fobba“ in Finnlands größtem Netzwerk für Jugendliche „IRC-Galleria“. „fobba“ ist auch in „IRC-Galleria“ Polizist. Wer Fragen zur Sicherheit seines Mopeds hat, gemobbt wird, über illegale Inhalte im Internet gestolpert ist, Zeuge oder Opfer einer Straftat geworden ist, der kann ihn ansprechen. Seit „fobba“ vor etwas mehr als einem Jahr seine Arbeit begonnen hat, hat er etwa 50.000 Mails innerhalb des Netzwerkes bekommen. Zusätzlich diskutiert er gerne in den zahlreichen Gruppen von IRC-Galleria. Zum Beispiel bei der Gruppe „Anarchisten“, in denen sich jugendliche Autonome treffen. „Das waren mit die interessantesten Diskussionen“, sagt er. „fobba“ erreicht auch Jugendliche, die sich sonst nie an die Polizei wenden würden, junge Leute aus somalischen Flüchtlingsfamilien beispielsweise.

Die Arbeit von Marco Forss ist ein weiterer Projekt-Schatz der Konferenz. In der Arbeitsgruppe „Online-Jugendarbeit“ wird darüber diskutiert. Es wird deutlich: Die alte Trennung zwischen realen und virtuellen Räumen wird nicht nur von Jugendlichen nicht mehr akzeptiert, sie taugt auch nicht mehr um Handlungsanleitungen zu entwickeln. Wer das Internet als Sozialraum akzeptiert, der muss dort auch Straßensozialarbeit leisten. In Finnland weiß man das. Jugendsozialarbeiter werden 6 Wochenarbeitsstunden dafür eingeräumt.

Wer diese Online-Arbeit leisten will, der muss allerdings das Interner gewissermaßen leben. Dem Polizisten Marco Forss ist das nicht schwer gefallen. „Wenn die Handhabung Sozialer Netzwerke kompliziert wäre, dann wären sie nicht so erfolgreich“ meint er. Irritation löst das Objekt der Konferenz trotzdem immer noch bei einigen Beteiligten aus. Einige der Teilnehmer kommentieren den Verlauf der Vorträge und Workshops in Echtzeit über den Micro-Blog-Dienst Twitter. Gesammelt über den Hashtag #tml09 – leider inzwischen über Twitter nicht mehr auffindbar – entsteht so ein vollständiges Protokoll der Konferenz, das auch von Dritten beobachtet und kommentiert wird. Was zunächst den Charakter eines Running Gack hat, überzeugt dann doch, als deutlich wird, dass die Konferenz damit auch nach außen ausstrahlt und Multiplikatoren findet. „Jetzt versteh ich auch mal, was das soll, mit diesem Twitter“ sagt eine Teilnehmerin.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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