Christian Herrmann

Gewachsenes Netzwerk mit Bedeutung

Jugendinformation ist in Deutschland ein heterogenes Arbeitsfeld. Das Jugendinfonetz gewährleistet nationalen und internationalen Austausch der Akteure, entwickelt gemeinsame Qualitätsstandards und möchte neue Zielgruppen erschließen. In Nürnberg fand die Jahrestagung des wachsenden Netzwerkes statt.

Heike Voggenthaler moderiert diie Fachtagung des Jugendinfonetzes BildImage: Christian Herrmann

Ob der Begriff Jugendinformation in Österreich gegenüber Öffentlichkeit und Politik auch immer wieder erklärt werden müsse wie in Deutschland, möchte ein Tagungsteilnehmer von Alexandra Cangelosi wissen, die gerade über die Strukturen und Schwerpunkte dieses Arbeitsfeldes im südlichen Nachbarland referiert hat. Tatsächlich ist Jugendinformation in Deutschland nicht als Pflichtleistung gesetzlich definiert. Es steht Kommunen frei, ein Jugendinformationszentrum zu betreiben, in dem sie Erstberatung für alle Jugendliche betreffende Fragen anbieten. Ähnliches gilt für die Aktivität von Jugendverbänden oder die durch Bund und Länder geförderten Online-Informations- und Beratungsangebote. Diese Auflistung macht deutlich: Jugendinformation ist in Deutschland ein sehr heterogenes Arbeitsfeld. Umso wichtiger ist den Akteuren des Arbeitsfeldes der fachliche Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Standards. Diesen Prozess koordiniert das Jugendinfonetz, das vom 15. bis 17. November zur jährlichen Fachtagung nach Nürnberg eingeladen hatte.

Ein Topthema ist Jugendinformation für die Europäische Kommission. Es zieht sich durch alle relevanten Dokumente vom Weißbuch Jugend bis zur aktuellen EU-Jugendstrategie. Jugendinformation als Möglichkeit sich über alle relevanten Fragen zielgruppengerecht informieren und beraten zu lassen, wird als wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe verstanden. Das stellt nicht nur hohe Anforderungen an die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, sondern auch an die Akteure von Jugendinformation selbst. Titel und Tagesordnung der Veranstaltung spiegeln diese hohen Ansprüche. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie Jugendinformation ein Hebel zur Integration sein kann. Voraussetzungen dafür sind die Erweiterung um Zielgruppen, die bisher durch Jugendinformation nicht erreicht werden, und Angebote, die spezielle Jugendszenen und deren Bedürfnisse in den Blick nehmen. Einen Einblick in den professionellen Umgang mit Jugendszenen gibt der Beitrag des Soziologen Bernhard Heinzlmaier, dessen Agentur Ifactory große Wirtschaftsunternehmen beim Marketing ihrer Produkte berät. Dessen Vortrag ist nicht nur kurzweilig, sondern auch inspirierend, denn er wirft bei den Zuhörerinnen und Zuhörern die Frage auf, inwieweit Jugendinformation ein Produkt ist, das mit Waren vergleichbar ist oder eben auch nicht. Gegebenenfalls nehmen Jugendliche ja gerade deshalb Angebote der Jugendinformation in Anspruch, weil sie mit ihren Bedürfnissen bei ihrer Peergroup an Grenzen stoßen. Tiefere Einblicke in Integrationsstrategien gibt Claudia Walther von der Bertelsmann Stiftung und Anna Hetzinger vom Deutschen Caritasverband rundet das Bild mit der Online-Beratung „Mein PlanB“ für Jugendliche zwischen Schule und Beruf als Best-Practise-Beispiel ab. In den Diskussionsbeiträgen wird immer wieder deutlich: Die Akteure der Jugendinformation sind nicht selbstgenügsam. Sie möchten sich neuen Herausforderungen stellen. Aber sie thematisieren auch immer wieder die dafür nötigen Ressourcen.

In engem Zusammenhang mit inhaltlichen Fragestellungen wie Integration, steht die Qualitätsentwicklung und die Entwicklung gemeinsamer Standards. Heike Voggenthaler, Koordinatorin des Jugendinfonetzes, stellt auf der Tagung erstmals ein Online-Tool in einer Beta-Version vor, das es den Netzwerkpartnern erlaubt, anhand eines differenzierten Kataloges die eigenen Qualitätsansprüche mit der Praxis abzugleichen und laufend zu überprüfen. Geben die Nutzerinnen und Nutzer ihre Daten zur Auswertung frei, könnten damit erstmals bundesweit Daten zur Qualitätsentwicklung in der Jugendinformation in Deutschland gewonnen werden – und dies nicht nur einmalig, sondern fortlaufend.

Nicht nur das Arbeitsfeld Jugendinformation ist heterogen, auch die mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfügen über einen sehr unterschiedlichen Erfahrungsschatz und unterschiedliche Netzwerkerfahrung. Das liegt auch daran, dass sich das Jugendinfonetz beständig um einen Kern „alter Hasen“ herum erweitert hat. Das macht Dinge im Verlauf der Tagung immer wieder erklärungsbedürftig. Es muss aber im Umkehrschluss auch als Stärke des Netzwerkes gesehen werden, dass es sich im Verlauf seiner Geschichte als erweiterungsfähig erwiesen hat. Zu diesem qualitativen Wachstum zählen auch die engen Kontakte zu Jugendinformationsnetzwerken in europäischen Nachbarländern und zu europaweiten Netzwerken. Diese Kontakte bleiben nicht folgenlos. Über die Einführung eines vom europäischen Netzwerk eryica entwickeltes Fortbildungsmodul wird diskutiert. Die Gäste aus Österreich, Luxemburg und Belgien bestätigen die internationale Vernetzung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland nehmen gerade diesen europäischen Erfahrungsaustausch als großen Zugewinn wahr. Keiner der einzelnen Netzwerkpartner könnte einen solchen Austausch individuell anstoßen, durchführen und dessen Ergebnisse für sich nutzbar machen. Auch dies ist ein Grund, warum sich die Netzwerkpartner eine Fortführung des Jugendinfonetzes über den bisher definierten Förderungszeitrum hinaus wünschen. In die Zukunft möchte man jedenfalls unbedingt denken. Im Anschluss an die Tagung fand ein Arbeitstreffen zur Vorbereitung der Präsentation des Netzwerkes auf dem 14. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag im Juni kommenden Jahres statt.

Mehr Informationen: www.jugendinfonetz.de



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