Dr. Dirk Hänisch

„Es gibt sehr viel von anderen Ländern zu lernen …“: Neuer Zwischenstand der transitions-Ergebnisse

Das multilaterale Kooperationsprojekt transitions hat einen neuen Zwischenstand der Projektergebnisse vorgelegt. In die neuen Ergebnisse sind die Eindrücke und Erfahrungen aus der letzten Fachbegegnung mit Frankreich sowie die Diskussionsergebnisse beim Expertentreffen im November in Köln eingeflossen. ijab.de sprach über die Impulse und Erfahrungen des Projektes mit Michael Fähndrich, BAG Evangelische Jugendsozialarbeit und Mitglied der projektbegleitenden nationalen Expertengruppe.

Fortbildung im Dialog
Fortbildung im Dialog BildImage: IJAB / G. Breloer   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Michael Fähndrich ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit und Mitglied in der nationalen Expertengruppe von transitions. Gelingende Übergänge in Ausbildung und Arbeit.

ijab.de: Das Projekt transitions hat erste Ergebnisse aus dem internationalen Erfahrungsaustausch zur Verbesserung des Übergangs in Ausbildung und Arbeit vorgelegt. Sie haben am nationalen Begleitprozess teilgenommen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Impulse?

Fähndrich: Wie oft in bi- oder multilateralen Maßnahmen hat ein intensiver Austausch von Konzeptionen stattgefunden. Diese Konzeptionen und Handlungsansätze sind zwar manches Mal spezifisch zugeschnitten auf die regionalen oder örtlichen Rahmenbedingungen, oft sind sie aber auch übertragbar auf andere Kontexte. Das bedeutet, dass hinsichtlich der Unterstützungskonzepte am Übergang junger Menschen wichtige neue und spannende Lernerfahrungen gemacht wurden, so zum Beispiel was in anderen Ländern auf welche Weise funktioniert.

ijab.de: Die Zwischenergebnisse gehen u.a. auf die möglichen Kooperationen mit Unternehmen und Betrieben ein. Das legt den Gedanken nahe, dass dort Verbesserungsbedarf besteht. Warum sind solche Kooperationen so wichtig? Wie können sie angestoßen werden?

Fähndrich: Die Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation für junge Menschen mit besonderem Förderbedarf ist immer prekär, egal wie die Wirtschaftslage in den jeweiligen Staaten ist. Denn von sogenannten benachteiligten Jugendlichen wird in der Regel erwartet, dass sie ihren „Entwicklungs- oder Wissensrückstand“ ausgleichen bevor sie auf dem Markt vermittelbar sind, sowohl in Arbeit als auch in Ausbildung. Unternehmen sind aufgrund von Wettbewerbsgründen heute weniger als früher in der Lage, solche Disparitäten auszugleichen. Also bedarf es der Kooperation von Bildungsträgern der Sozialwirtschaft und Unternehmen, um dieses „Matching“ zwischen Personen (hier: benachteiligten Jugendlichen) und Arbeitswelt (hier: marktwirtschaftliche Unternehmen) erfolgreich zu gestalten. Und anschließend bedarf es oft der Begleitung der Jugendlichen im Betrieb, damit die Einarbeitung und der Verbleib gesichert werden kann bzw. weniger reibungsvoll verläuft.

ijab.de: Die Zwischenergebnisse stammen aus einem komplexen Prozess von internationalem Austausch und Konsultation von nationalen Expert(inn)en. Wo sehen sie das bereichernde Element der Internationalität? Gibt es etwas, das wir von anderen Ländern lernen können, oder eröffnet uns der internationale Austausch eher einen anderen Blick auf uns selbst?

Fähndrich: Selbstverständlich sind beide Lernerfahrungen unverzichtbar! Es gibt sehr viel von anderen Ländern zu lernen, nicht nur bzgl. der Maßnahmen und Konzeptionen, sondern auch bzgl. der Haltung gegenüber diesen jungen Menschen. Die Begegnung, die Herangehensweise, die Übertragung von Verantwortung und die „Hilfestellung“ sind auch atmosphärisch und persönlich unterschiedlich. Dies ist auch nicht Papieren oder Büchern zu entnehmen, sondern man muss tatsächlich in einen persönlichen Dialog einsteigen, oder sogar Menschen bei der Arbeit, in ihrem Umfeld und mit ihrer Zielgruppe erleben, um einen wirklichen Eindruck von der Arbeit zu erhalten. Aus diesem Grund ist der persönliche Austausch und Besuch in verschiedenen Ländern der Schlüssel zum Lernerfolg!

ijab.de: Internationaler Austausch auf Fachkräfteebene ist anspruchsvoll. Wenn gewonnene Erkenntnisse im Arbeitsalltag umgesetzt werden sollen, ist dazu auch die Unterstützung durch den Arbeitgeber notwendig. Wie weit ist die Jugendsozialarbeit auf diesem Weg vorangekommen? Hat sich das Verständnis durchgesetzt, dass Fachaustausch kein „Luxus“ ist, sondern ein wichtiger Bestandteil von  Organisationsentwicklung?

Fähndrich: Nein, auf breiter Ebene hat sich diese Erkenntnis leider noch nicht durchgesetzt. Immer noch wird ein solcher Austausch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wohlwollend gewährt, der Nutzen für die Einrichtung und die Arbeit ist oft noch nicht präsent. Gleichwohl hat eine Veränderung stattgefunden und in dem Maße, in dem auch Führungskräfteaustausche stattfinden, greifen hier Einsicht und Verständnis für die unschätzbaren Chancen solcher Austausche um sich.
Durch Rahmenbedingungen wie etwa ständig zunehmende Arbeitsverdichtung in den Einrichtungen der Jugendsozialarbeit, ist allerdings ein planvolles und strukturiertes Umsetzen von Lernerfahrungen der Fachkräfte nicht gut möglich, da für Weitergabe von Erfahrungen und Multiplikationsprozesse oft keine Zeit und kein Raum bleibt. Dadurch sind die Lernerfahrungen von Fachkräften oft „singulär“ und bleiben auf die Umsetzungsmöglichkeiten dieser betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer eigenen Arbeit beschränkt.

ijab.de: transitions leistet einen Beitrag zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland, die Ergebnisse des Projekts sollen auch Eingang in die europäische Jugendpolitik finden. Was könnte dadurch im besten Fall für die Jugendsozialarbeit in Deutschland herausspringen?

Fähndrich: Im besten Fall wird auch in anderen Ländern deutlich, wie sich in Deutschland Jugendsozialarbeit an den Übergängen engagiert und wie sich hier viele freie Träger in subsidiärer Hinsicht um eine staatlich verantwortete Aufgabe verdient machen. Dies ist doch bei aller Kritik, die man manchmal an der zum Teil mangelhaften Ausstattung und an den nicht sachgerechten Vergabeverfahren haben kann, ein höchst demokratischer Vorgang, der durchaus in vielen Staaten Nachahmung finden dürfte. Selbstverständlich findet auch eine transnationale Vernetzung statt, die das Verständnis für und die Umsetzung der europäischen Jugendstrategie befördern und weiter Kooperationen ermöglicht.

Link zu den aktualisierten und überarbeiteten Zwischenergebnissen: >>> hier klicken (pdf)!

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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