Marco Heuer

Fachprogramm zum Übergang Schule – Beruf in Luxemburg: Ohne Unternehmen geht es nicht

Wie können Unternehmen und Betriebe gezielt in die Übergangsphase benachteiligter junger Menschen eingebunden werden? Welche innovativen Kooperationen gibt es für diese jungen Menschen? Und welche Projektansätze in anderen Ländern führen zum Erfolg?

BildImage: Monkey Business - Fotolia.com

Mit diesen Fragen haben sich die Teilnehmenden des multilateralen Kooperationsprojekts „transitions. Gelingende Übergänge in Ausbildung und Arbeit“ bei ihrem Fachprogramm in Luxemburg beschäftigt. Neben Expertinnen und Experten aus dem Gastgeberland hatten Fachkräfte der Jugendhilfe aus Deutschland, Frankreich und Finnland an dem Austausch teilgenommen.

Für Hans-Dieter Metzger, Leiter der Koordinierungsstelle SCHLAU, dem Übergangsmanagement-System der Stadt Nürnberg, hat sich der Fachaustausch in Luxemburg mehr als gelohnt. Vor allem der im Beneluxland regelmäßig angebotene „Girls´ und Boys´ Day“, bei dem Unternehmen und Betriebe ihre Jobangebote in einer Internet-Datenbank aufbereiten und Jugendliche sich gezielt einbuchen können, hat ihn überzeugt. „Nehmen wir als Beispiel einen Kleinbetrieb, der für einen bestimmten Tag vielleicht nur zwei Praktikumsplätze anbieten kann. Möglicherweise scheut er davor zurück, überhaupt initiativ zu werden, weil er mit zu hohem Zuspruch rechnet. Das vermeidet das Luxemburger Modell, weil Angebot und Nachfrage genau aufeinander abgestimmt werden.“ Sema Toykan, Projektmanagerin im Kommunalen Bildungsbüro von Schwäbisch Gmünd sieht einen weiteren Vorteil. „In der Datenbank werden Informationen über Ausbildungsangebote so gesammelt, dass sie beim konkreten Übergangsmanagement, also bei der Vermittlung von Ausbildungsstellen im Anschluss an den Schulbesuch, unmittelbar weiterhelfen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Best-Practice-Projekte

Vier Tage lang haben sich die Fachdelegationen in der Luxemburger Unternehmens- und Projektlandschaft umgesehen. Besucht wurde unter anderem das „Projet Jeunes“, eine Initiative für arbeitssuchende junge Menschen, die vom Luxemburger Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Sozial- und Solidarwirtschaft sowie dem Ministerium für Bildung, Kinder und Jugend auf den Weg gebracht wurde. Das Projekt richtet sich gezielt an geringqualifizierte Jugendliche ohne Berufserfahrung, die bei der luxemburgischen Arbeitsagentur eingeschrieben sind. Es handelt sich um ein komplettes Qualifizierungsprogramm, das für Jugendliche in einer ersten Phase zunächst ein zweimonatiges Training in einem spezialisierten Institut, dem „Centre d´Orientation Socio-Professionnelle“ (COSP), vorsieht. Die jungen Arbeitssuchenden werden dabei begleitet, ihre beruflichen Interessen und Fähigkeiten zu entdecken, aber auch ihre sozialen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Psychologische und gesundheitliche Aspekte – darunter sogar Ernährung und Körperhygiene – gehören beim „Projet Jeunes“ ebenfalls dazu. Nach Abschluss der Orientierungsphase absolvieren die Teilnehmenden ein einmonatiges Praktikum in einem Unternehmen. Anschließend haben die Jugendlichen die Möglichkeit im Rahmen des Programms „Contrat d’Appui Emploi“ (CAE) im selben Betrieb eine Ausbildung zu machen. Durch den CAE werden dem Arbeitgeber für die Dauer von bis zu 18 Monaten 75 % der Lohnkosten erstattet.    

Auch Projekte des „Maison de l´orientation“ mit Jugendhilfeangeboten unter einem Dach (darunter die Ausrichtung des Girls´ und Boys´ Day) sowie die „Jonk Entrepreneuren“ (www.jonk-entrepreneuren.lu), die jungen Unternehmer, die es seit 2005 in Luxemburg gibt, wurden besucht. Das als öffentlich-private Partnerschaft konzipierte Projekt (70 % privat / 30 % öffentlich) bietet insgesamt zehn Aktionslinien für Jugendliche jeden Bildungsstandards im Alter von 14 bis 19 Jahren an, darunter Programme wie „Fit for life“, „Mini-Entreprises“, das „Innovation Camp“, der „Job Shadow Day“ oder die „Engineering Trainee Days“.

Unternehmen überzeugen

Selbstverständlichkeiten im eigenen Übergangsbereich zu überdenken, Einblick in die Bildungslandschaft des Nachbarlandes zu bekommen und neue Impulse zu gewinnen, sind Ziele von „transitions“. Die einhellige Meinung der Teilnehmenden: Die Einbeziehung von Betrieben im Übergangsbereich ist in allen Partnerländern eine gleich große Herausforderung und muss intensiviert werden, ebenso das Informationsangebot für die Jugendlichen.

Der Luxemburger Gilles Schmitz arbeitet für ein Regionalbüro der „Action Locale pour Jeunes“ (ALJ), einer Abteilung des Schulministeriums, die sich mit ihren Angeboten vor allem an benachteiligte Jugendliche und Schulabbrecher richtet. Es gilt, die wirtschaftliche Unternehmenslogik stärker in den Übergangsprozess mit einzubeziehen. „Alles dreht sich am Ende um den Profit. Solange ein Betrieb nicht sieht, dass er mit der Einbeziehung von benachteiligten Jugendlichen seine Gewinnmargen auch halten oder sogar steigern kann, wird die Frage nach sozialer Verantwortung unbeantwortet bleiben. Wir müssen also alles daran setzen, Unternehmen verstärkt auf die Vorteile hinzuweisen“, so Schmitz.

Unternehmensansprache Top-Down

Hans-Dieter Metzger zeigte sich auch vom französischen Modell „Jeunes Destination Entreprise“ beeindruckt. „Unter der Schirmherrschaft des Arbeitsministers und mit Hilfe von 20 regionalen Koordinatoren werden große Firmen aufgefordert, Initiativen regional zu vereinbaren, die Jugendliche kompetenzorientiert und beruflich ansprechen. Ich finde das nachahmenswert“, erklärt Metzger. Tatsächlich handelt es sich damit um eine Top-Down-Aktion, die zunächst auf das Prestige und Engagement der großen Unternehmen setzt und in einem zweiten Schritt versucht, kleine und mittlere Betriebe einzubinden, die dann Praktika, Ausbildungskapazitäten und Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. „Die französische Regierung setzt damit auf eine stärkere unmittelbare Ansprache von Unternehmen“, so Metzger. Ein alternativer Weg, der Initiativen über Unternehmerverbände und -vertretungen ergänzen kann.

Der Jugendliche im Fokus

Einig waren sich die Teilnehmenden darin, die Interessen der benachteiligten Jugendlichen zum Maßstab des Handelns im Übergangsbereich zu machen. So habe das Übergangsmanagement ganz klar anwaltliche Aufgaben für die jungen Menschen zu berücksichtigen, auch bei der Auswahl und der Art der Einbeziehung von Unternehmen.

Im Fokus steht dabei auch die Jugendgarantie, die in Luxemburg in diesem Monat umgesetzt sein soll. Sie verlangt von der dortigen Arbeitsagentur und ihren Partnern große Anstrengungen. Ziel dieser von der Europäischen Union angestoßenen Maßnahme ist es, allen jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und qualitativ hochwertiges Angebot anzubieten – in Form einer Beschäftigungsmaßnahme, Ausbildung, Arbeitsstelle oder Fortbildung.

Anregungen für die eigene Praxis

Die Teilnehmenden der deutschen Delegation wollen sich in vier Monaten in einer Videokonferenz über die nächsten Schritte in der Zusammenarbeit im Übergangsbereich austauschen. Bis dahin wollen sie die ersten Anregungen aus Luxemburg in ihrer eigenen Arbeit umgesetzt haben. Vom stärkeren Austausch mit Handelskammern, über die Kontaktpflege mit Ansprechpartnern für EU-Praktika für Benachteiligte bis hin zur Erstellung von Angebotsprofilen für den ländlichen Raum – der Rucksack guter Vorhaben ist voll geschnürt. Jetzt sollen die Ideen in die Tat umgesetzt werden.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell CC BY-NC 3.0


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