Marco Heuer

transitions zieht nach drei Jahren Bilanz: Nationale Empfehlungen für den Übergang veröffentlicht

Seit 2012 führen Deutschland, Finnland, Frankreich und Luxemburg einen intensiven Dialog zu Fragen des Übergangs junger Menschen in Ausbildung und Arbeit. Was das multilaterale Kooperationsprojekt „transitions“ gebracht hat und wie es mit den nationalen Ergebnissen weitergehen könnte, darüber sprach ijab.de mit Bärbel Lörcher-Straßburg und Tim Pieper, zwei Mitgliedern der begleitenden nationalen Expertengruppe.

ijab.de: Wer sich die Erkenntnisse und Empfehlungen des Projekts „transitions“ anschaut, wird feststellen, dass eine stärkere Kooperation von Jugendhilfe/Jugendsozialarbeit und der Wirtschaft geboten scheint. Die Beteiligten sehen ein erhebliches Ausbaupotenzial. Wie beurteilen Sie diese Vorschläge?

Tim Pieper: Ich kann diese Empfehlung der Expert(inn)engruppe nur begrüßen. Denn unser gemeinsames Anliegen ist es, jungen Menschen mit Schwierigkeiten beim Übergang Schule-Beruf den Weg in die Arbeitswelt zu erleichtern. Den Mitgliedern unseres Verbandes junger Unternehmer und Führungskräfte fehlen nach unserer diesjährigen Umfrage aktuell rund 15.000 Auszubildende. Gleichzeitig verlassen aber viel zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss, finden keine Ausbildungsstelle oder brechen diese ab. Wir müssen daher vor allem auch diejenigen mit schlechten Startchancen dabei unterstützen, ihren Weg von der Schule in die Ausbildung und den Beruf erfolgreich zu gestalten. Dies kann nur gelingen, wenn Wirtschaft, Schulen und Jugendhilfe/Jugendsozialarbeit eng zusammenarbeiten und sich über die jeweiligen Bedarfe austauschen. Nur so können Lösungen entwickelt und individuelle Angebote geschaffen werden.

Tim Pieper, Wirtschaftsjunioren Deutschland, Projektleiter „Jugend stärken: 1000 Chancen“ (http://www.1000-chancen.de/start.html); Mitglied der begleitenden Expertengruppe von transitions

ijab.de: In dem Papier wird das Verhältnis von Jugendhilfe zu Wirtschaft als einander eher „fremd“ bezeichnet. Aus Sicht der Wirtschaft: Welche Anstrengungen müssten Ihrer Meinung nach beide Seiten von sich aus unternehmen, um in einen produktiven Dialog zu treten?

Tim Pieper: Mit dem Projekt „Jugend stärken: 1000 Chancen“ versuchen wir Wirtschaftsjunioren gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dieses Verhältnis durch enge Kooperationen auf lokaler Ebene zu entwickeln und zu stärken. Während es vordergründig natürlich um die gezielte, individuelle Unterstützung junger Menschen aus benachteiligten Lebenslagen geht, besteht das Fundament im Hintergrund aus einer guten Zusammenarbeit der Projektpartner aus Wirtschaft und Jugendsozialarbeit. Um dies zu schaffen, müssen sich beide Seiten aufeinander einlassen und gegenseitige Vorbehalte abbauen. Im Rahmen des „1000 Chancen“-Projekts fördern wir diesen Prozess und sprechen auf Augenhöhe über Bedarfe, Angebote, Denk- und Arbeitsweisen. Wenn dies anschließend vor Ort in konkrete Projekte mündet, machen wir diesen Erfolg sichtbar und wollen so Berührungsängste abbauen und zur Nachahmung aufrufen.

ijab.de: Bezogen auf die Jugendarbeitslosigkeit steht Deutschland im europäischen Vergleich noch relativ gut da. Müssen die Anstrengungen im Übergangsbereich nicht dennoch verstärkt werden?

Bärbel Lörcher-Straßburg: Zahlenmäßig hat Deutschland im Verhältnis zu anderen EU-Staaten sicherlich eine geringe Jugendarbeitslosigkeit. Dennoch ist es für Jugendliche nicht einfach, einen Einstieg in die Berufs- und Arbeitswelt zu finden, das gilt insbesondere für Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadtteilen oder Familien oder für Jugendliche ohne Schulabschluss oder Schulverweigerer. Das von „transitions“ beschriebene Konzept der „verlässlichen Kooperation“ sowohl von Jugendhilfe und Schule als auch von Jugendhilfe und Wirtschaft ist meiner Meinung nach sehr erfolgversprechend. Wichtig sind auch die Hinweise auf Klarheit im Hinblick auf Ziele und Kooperationen und die langfristige Zusammenarbeit. Im Übergangssystem sind verlässliche und verbindliche Strukturen unerlässlich, um den Übergang Jugendlicher tatsächlich zu unterstützen. In der Folge müssen sich aber auch die Regelsysteme so verändern, dass Jugendliche, die es schwerer haben, einen Platz zu finden, auch tatsächlich im System bleiben (können). Nichts ist schlimmer, als Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass sie nicht reinkommen oder dass sie mit 16, 17 oder 18 Jahren schon das Gefühl haben, ein oder zwei Mal gescheitert zu sein.

ijab.de: Im Ergebnispapier wird hervorgehoben, dass ein Diskussionsprozess über die Frage der Gestaltung des Übergangs von Schule in Ausbildung und Beruf angestoßen werden soll. Wie kann dieser Diskussionsprozess so fortgeführt werden, dass er eine breitere Wirkung erzielt?

Tim Pieper: Bei der Frage nach einer guten Gestaltung des Übergangsbereichs ist es von Bedeutung, dass alle relevanten Akteure in die Diskussion einbezogen werden. Dies sind neben der Wirtschaft und der Jugendhilfe natürlich vor allem Schulen, die Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter, aber auch Vertreter/-innen der Jugendlichen, der Zielgruppe also. Der Blick auf Good-Practice-Beispiele aus anderen Ländern hat – im Rahmen von „transitions“ – die Diskussionsteilnehmer/-innen nicht nur auf neue Ideen und Aspekte aufmerksam gemacht, sondern sie darüber hinaus auch dazu animiert, über den Tellerrand zu blicken. Die Bildung solcher Foren ist daher auch auf der lokalen Ebene wichtig. Dort sollen dann Handlungsempfehlungen umgesetzt werden, um vor Ort Wirkungen zu erzielen.

Bärbel Lörcher-Straßburg - Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration; Referentin im Referat 305 - Grundsatz- und Rechtsangelegenheiten der Kinder- und Jugendhilfe; Mitglied der begleitenden Expertengruppe von transitions in Vertretung der Bund-Länder-AG zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie

ijab.de: Welchen Mehrwert sehen Sie in den Erkenntnissen des multilateralen Kooperationsprojekts „transitions“ für die Umsetzung der Europäischen Jugendstrategie?

Bärbel Lörcher-Straßburg: Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe hat gerade ihr Arbeitsprogramm für die zweite Phase der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland (2014 bis 2018) beschlossen. Das Thema „Soziale Integration und gelingende Übergänge in die Arbeitswelt“ ist auch für die zweite Phase eines der drei Schwerpunktthemen. Für Bund und Länder ist es nach wie vor ein zentrales jugendpolitisches Ziel, Jugendliche, die bislang wenig oder kaum grenzüberschreitende Lernangebote wahrnehmen, stärker zu unterstützen. Grenzüberschreitende Maßnahmen wie Jugendbegegnungen, Workcamps, Praktika, die in eine Förderkette eingebunden sind, tragen konkret dazu bei, junge Menschen individuell zu fördern und den Übergang in die Ausbildungs- oder Arbeitswelt zu erleichtern.  

ijab.de: Wo gibt es hier konkrete Anknüpfungspunkte?

Bärbel Lörcher-Straßburg: Die Empfehlungen, die das Projekt „transitions“ erarbeitet hat, decken sich mit dem Anliegen der Bund-Länder-AG, die kommunale Ebene in den nächsten vier Jahren stärker einzubinden und zu unterstützen. Die konkreten Praxisbeispiele, die „transitions“ in den Empfehlungen erwähnt wie „Missions Locales“ oder das niederländische Projekt „TOM“ können im Rahmen der Fortbildungsprogramme der Länder genutzt werden, um Fachkräften Anregungen für Maßnahmen zugunsten benachteiligter Zielgruppen zu geben. Ein weiterer Mehrwert könnte sicherlich die konkrete Unterstützung kommunaler Ansätze durch Tipps bei der Partneransprache und Projektsuche sein.

Das Anliegen von „transitions“, die Beteiligung junger Menschen auszubauen, passt direkt zum ersten Themenkorridor der Umsetzung der EU-Jugendstrategie, zum Thema  „Partizipation fördern und Demokratie stärken“. Die Förderung der Eigenverantwortung Jugendlicher durch stärkere Beteiligung ist ebenfalls ein zentrales Anliegen von Bund und Ländern. Die Projekterfahrungen von „transitions“ aufzugreifen und für die eigene Praxis zu nutzen ist auch in diesem Themenbereich ein „Mehrwert“ für Länder und kommunale Träger. Die Herausforderung besteht darin, die Ergebnisse von „transitions“ beispielsweise zum Projekt „Peer Assisted Learning“ den Fachkräften so zugänglich zu machen, dass sie auch tatsächlich genutzt werden können.
 
Ijab.de: Wie bewerten Sie die Arbeit in der begleitenden Expert(inn)engruppe? Was lief gut, wo besteht noch Verbesserungsbedarf?

Tim Pieper: Ich habe den Austausch in der Expert(inn)engruppe als sehr konstruktiv empfunden und die Erkenntnisse aus den internationalen Fachprogrammen gaben hierzu wertvolle Denkanstöße. Zusammen mit den verschiedenen Denkweisen der Diskussionsteilnehmer/-innen aus unterschiedlichen Handlungsbereichen entstand ein buntes Bild verschiedener Ansichten und Ansätze. Daher muss dieser komplexe Dialogprozess weitergeführt werden, um in Initiativen zu münden und vor allem auch auf lokaler Ebene zwischen den Akteuren angestoßen zu werden.

ijab.de: Wo sehen Sie „transitions“ in nächster Zukunft?

Bärbel Lörcher-Straßburg: Ich fände es gut, ein Projekt wie „transitions“ dauerhaft zu haben und für die Umsetzung der EU-Jugendstrategie nutzen zu können. Unsere Erfahrungen in Niedersachsen zeigen, dass es für Fachkräfte nach wie vor ein hoher Aufwand ist, sich europaweit auszutauschen und strukturiert von anderen zu lernen. „transitions“ könnte dazu beitragen, das grenzüberschreitende Lernen von Fachkräften bei Themen wie Übergänge, Partizipation, oder Schulverweigerung zu unterstützen und Jugendaustausche und Projekte anzuregen. Das fände ich prima, und es wäre sicherlich ein guter Weg, die EU-Jugendstrategie für Fachkräfte und Jugendliche erfahrbarer und nutzbarer zu machen.

ijab.de: Wie sollte es nach dem Projekt „transitions“ nun weitergehen?

Tim Pieper: Wichtig ist mir, dass die Erkenntnisse und Empfehlungen in die Praxis übertragen werden. Viele dieser Ideen liefern Lösungsansätze, wie jungen Menschen die Übergangsphase erleichtert werden kann. Ich hoffe, dass diese nun je nach Bedarfslage vor Ort Anwendung finden und so über neu entstehende Good-Practice-Projekte verbreitet werden. Die Wirtschaftsjunioren stoßen auch in Zukunft die Beziehungsarbeit mit an, um zusammen mit der Jugendsozialarbeit langfriste Unterstützungsangebote zu schaffen. Es würde mich freuen, wenn zu einem späteren Zeitpunkt ein Erfahrungsaustausch zur Umsetzung und Einbindung der Ergebnisse in die Arbeit der Beteiligten stattfinden würde.

Link zu den "Internationalen Impulsen für gelingende Übergänge": bitte hier klicken !

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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