Marco Heuer

„Übergang in Ausbildung und Arbeit ist in allen Ländern eine große Herausforderung“

Seit 2012 führen Deutschland, Finnland, Frankreich und Luxemburg einen intensiven Dialog zu Fragen des Übergangs junger Menschen in Ausbildung und Arbeit. Mit dem internationalen Fachtag wurde das multilaterale Kooperationsprojekt „transitions“ nun für einen größeren Kreis interessierter Länder geöffnet.

BildImage: IJAB/Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0

60 Fachkräfte der Jugendhilfe und Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft aus 12 Ländern diskutierten Ansätze, die im Bereich des Übergangs Schule – Beruf als erfolgsversprechend identifiziert wurden. Darunter waren auch Vertreterinnen und Vertreter aus Japan und der Türkei.

Anna Ludwinek, Forschungsleiterin bei der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in Dublin (Eurofound), zeichnete in ihrem Einführungsvortrag ein düsteres Bild von der gegenwärtigen Lage Jugendlicher in Europa. Für keine Bevölkerungsgruppe ist das Risiko, in Armut zu geraten oder sozial ausgegrenzt zu werden, derzeit so groß wie für junge Menschen. Die Ergebnisse jüngster Studien lesen sich dabei durchaus überraschend. So geben nicht mehr allein die hohen Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit aus Ländern wie Spanien, Portugal oder Griechenland Anlass zur Sorge, auch in Schweden hat sich die Lage der Jugendlichen – zumindest gefühlt – deutlich verschlechtert. „Die Zahl der Jugendlichen, die in Schweden soziale Ausgrenzung als Problem wahrnehmen, hat sich von 2007 bis 2011 mehr als verdoppelt“, so Ludwinek. Mittlerweile ist jeder fünfte Jugendliche in Europa arbeitslos, jeder achte ein Schulabbrecher und jeder zwölfte stamme aus einem sozial benachteiligten Umfeld oder würde seinen gesundheitlichen Zustand als schlecht oder sehr schlecht bezeichnen. Die Wissenschaftlerin misst dem „transitions“-Projekt eine große Bedeutung zu. „Gerade mit Blick auf das Übergangssystem in Europa brauchen wir größere Kraftanstrengungen“, forderte Ludwinek. Wer sich die Durchschnittszeiten anschaue, in denen ein Jugendlicher nach der Schule einen Job bekomme, stelle in den einzelnen Ländern große Unterschiede fest. Knapp vier Monate sind es in Großbritannien und den Niederlanden, mehr als dreizehn dagegen in Griechenland. „Unsere Studien zeigen, dass es vor allem Jugendliche in Skandinavien, im Baltikum, in Deutschland und in englischsprechenden Ländern tendenziell leichter haben, schnell eine Arbeit zu finden, im Mittelmeerraum sind die Wartezeiten dagegen lang.“ Ludwinek zeigte sich erstaunt darüber, wie wenig die Gewerkschaften in aktuellen Übergangs-Prozessen eingebunden seien. „Warum sind sie so unsichtbar in der Debatte? Ich verstehe es nicht“, erklärte die Forscherin. Für jedes Land schlug sie koordinierte Aktionspläne zwischen Regierungen, Sozialpartnern und Nicht-Regierungsorganisationen vor – auf lokaler und nationaler Ebene. Die Realität sei aber verheerend, so die Polin. Es gibt ein Übermaß an Absichtserklärungen, aber kaum neue Jobs.

Japan: Jugendlicher bis Ende 30

Beispiele guter Praxis zum Übergangssystem wurden diesmal nicht nur von Expert(inn)en aus den teilnehmenden Projektländern (Finnland und Luxemburg) vorgestellt, sondern auch aus Japan und der Türkei – zwei Länder, mit denen Deutschland zuvor einen bilateralen Austausch zum Thema durchgeführt hatte. Auf besonderes Interesse stieß dabei der ganzheitliche Ansatz, den das japanische Jugendkulturstudio (Youth Culture Studio) in der Stadt Matsue in der Präfektur Shimane verfolgt. Vor allem, wenn man das Alter bedenkt. Denn nicht nur für benachteiligte Jugendliche werden hier zahlreiche Aktivitäten angeboten, auch Männer und Frauen bis Ende 30 sollen sich zu Hause fühlen. „Wir wollen alle gegenseitig voneinander lernen,“ erklärte Etsuko Kimura. „Seit 2004 gibt es unser Haus, und es ist vielleicht auch deshalb ein Erfolg, weil Freizeit und Arbeit bei uns immer eng miteinander verbunden sind. Viele haben keine Tagesstruktur. Wir wollen ihnen helfen, wieder einen Rhythmus zu finden – verbunden mit ein paar Grundqualifikationen für den späteren Job“. Wer in das Jugendkulturstudio kommt, hat die Möglichkeit, sich in der Arbeitswelt schon ein bisschen auszuprobieren. „Flohmärkte, lokale Festivals, Arbeit auf dem Feld – das sind Aktivitäten, die durchaus dabei helfen, später mal besser Fuß zu fassen“, sagte Kimura. Entscheidend für den Erfolg im Übergangssystem sei auch die starke Vernetzung mit den Partnern vor Ort. „Wir arbeiten in Matsue mit etwa 20 verschiedenen Organisationen zusammen – von der Industrie- und Handelskammer über die Arbeitsagentur bis hin zum Ombudsmann für Kinder- und Jugendrechte. Das ist von der Präfektur so gewollt. Nur so können wir die ganzen Angebote ja überhaupt anbieten.“ Neben Freizeitangeboten und Jobvorbereitungskursen bietet das Jugendkulturstudio auch Beratungsstunden für hilfebedürftige Jugendliche, Übernachtungsmöglichkeiten und – auf Wunsch – auch Vermittlungsarbeit mit Eltern an.

Türkei: Ohne Freiwillige geht es nicht

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt in der Türkei das sogenannte Granatapfelkern-Projekt („Nar Taneleri“). Seit 2009 werden hier 18- bis 24-Jahre alte Frauen, die als Waisen aufwuchsen, bei der Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft unterstützt. Getragen wird das Projekt durch eine öffentlich-private Partnerschaft in Zusammenarbeit mit Nicht-Regierungsorganisationen. „Wir haben festgestellt, dass gerade diese Frauen Unterstützung brauchen“, sagte Aysun Sayin von der Boyner-Holding, einem der Projektpartner. „Die Frauen haben nicht die Qualifikationen, die der Arbeitsmarkt von ihnen verlangt. Oft sind sie schon früh verheiratet, haben Kinder und aufgrund ihrer Biografie die Tendenz, sich auch schon mal ausbeuten zu lassen. Dem wollen wir entgegensteuern.“ Die Frauen werden mit Trainingsmaßnahmen und einem ausgeklügelten Mentorensystem unterstützt, und zwar in der ganzen Türkei. Seit 2009 haben 162 Frauen das Programm durchlaufen. Die meisten mit Erfolg. Zwischen 2009 und 2012 haben 57 Prozent der Frauen, die an dem Projekt teilnahmen, eine Beschäftigung gefunden. 25 Prozent haben sich entschieden, ihre Ausbildung fortzusetzen. 18 Prozent haben mit der Jobsuche begonnen. „Wir setzen in unserem Übergangsprogramm vor allem auf die vielen Freiwilligen aus den Unternehmen. Ohne sie könnten wir die ganzen Aktivitäten gar nicht anbieten“, erklärte Gül Erdost vom „United Nations Population Fund“, der das Projekt koordiniert.

Vielzahl von Vorschlägen

An Vorschlägen, wie sich der Übergang zwischen Schule und Beruf effektiver gestalten lässt, fehlte es am Ende des internationalen Expertentreffens nicht. So wurde auf die Bedeutung von strategischen Partnerschaften ebenso hingewiesen wie auf die Notwendigkeit gegenseitigen Vertrauens und den kontinuierlichen Informations- und Kommunikationsfluss. Immer wieder wurde betont, wie wichtig es sei, miteinander statt übereinander zu sprechen und die klare Verteilung von Zuständigkeiten nicht zu unterschätzen. Mit Blick auf die Jugendlichen wurde der Wunsch geäußert, jungen benachteiligten Menschen auch tatsächliche Arbeitserfahrungen zu ermöglichen. Der Einsatz von Coaches mit ganzheitlichem Ansatz im Übergangsbereich ist ebenso gewünscht wie eine stärkere Kooperation mit Gewerkschaften, privaten und öffentlichen Arbeitgebern, aber auch die verstärkte Zusammenarbeit mit Eltern wurde diskutiert. Einig waren sich die Teilnehmenden vor allem bei einem Punkt. Egal, was geplant wird, die Jugendlichen müssen dabei mitgenommen werden.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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