Christian Herrmann

Jugendliche diskutierten jugendgerechten Daten- und Verbraucherschutz in der digitalen Welt

Was denken Jugendliche über Datenschutz, Verbraucherschutz, Sicherheit im Netz und Netzpolitik? Was erwarten sie von der Politik? Bei den „watch your web_Days 2015“, die vom 31. Oktober bis 1. November im Berliner wannseeForum stattfanden, gab es Gelegenheit, wichtige Themen der digitalen Welt aus Jugendsicht zu diskutieren. 70 Jugendliche erwiesen sich als kritische Verbraucher und trugen ihre Vorstellungen Staatssekretär Gerd Billen vor.

Gruppenbild der Tagungsteilnehmer/-innen mit Staatssekretär Gerd Billen
BildImage: Christoph Piecha

Als die ersten Teilnehmer/-innen der „watch your web_Days 2015“ am Vormittag des 31. Oktober anreisten, war die Nervosität bei Melanie Welters und Kira Schmahl, den beiden Koordinatorinen von „watch your web“, längst verflogen. Kaum Notfallanrufe auf dem Veranstaltungstelefon, die Technik stand und funktionierte, die Dekoration war aufgebaut.

Um Punkt 14 Uhr eröffneten Moderatorin Sorina und Moderator Leonard die zweitägige Veranstaltung. Etwa 70 Jugendliche hörten neugierig zu, als sie das Wort an Helga Springeneer, Leiterin der Abteilung „Verbraucherpolitik“ im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz – und damit Repräsentantin des Förderers von „watch your web“ – übergaben.

Springeneer erinnerte an die drei Schlagwörter im Titel der „watch your web_Days 2015“ – deine Daten, deine Sicherheit, deine Meinung – und wünschte sich ein viertes Schlagwort – deine Freiheit und Privatheit – dazu. „Was ist uns Freiheit und Privatheit in der digitalen Welt wert?“ fragte sie und erinnerte an Datentransfers von Facebook aus Europa nach Amerika und an Hasskommentare und rechtsextreme Propaganda in sozialen Netzwerken – beides Themen, die im Verbraucherschutzministerium einen hohen Stellwert haben. Was ist Abteilungsleiterin Springeneer, die Meinung der Jugendlichen wert, die in den kommenden beiden Tagen einen Forderungskatalog erstellen wollten? „Wir werden das, was ihr hier erarbeiten werdet, nicht alles 1 zu 1 übernehmen können“, räumte sie ein, „aber wir werden es ab Montag sehr gründlich lesen und ernst nehmen“.

Lieber Lernen und Diskutieren, statt Tanzen

Nach der kurzen Eröffnung ging es direkt in die erste Workshopphase. Acht Workshops standen zur Auswahl, die die Palette der Themen von „watch your web“ abdecken: Sicherheit in sozialen Netzwerken, Cybermobbing, Urheberrecht, Verbraucherschutz im Internet, Datenschutz, Netzpolitik, Medienkompetenz und Big Data. Begleitet wurden die Workshops von den Projektpartnern von „watch your web“, Expertinnen und Experten, die immer dann mit Know-how zur Verfügung standen, wenn sie gebraucht wurden. Die Vielzahl der Angebote sorgte dafür, dass die Arbeitsgruppen klein waren und jede/r eine Chance hatte zu Wort zu kommen.

Es ist die Faszination digitaler Technik, die Jugendliche anzieht und sie letztlich dazu bewegt, sich für Verbraucher- und Datenschutz zu engagieren und für ihre Rechte in der Online-Welt einzutreten. Für alle, die sich für Technik begeistern und Spaß an der Verbindung von Online und Offline haben, hatte Daniel Seitz vom Berliner Verein mediale pfade eine digitale Schnitzeljagd mitgebracht. Mithilfe von Tablet-Computern mussten Ziele im Gelände gefunden und „gesammelt“ werden. Gruppen, die Ziele als erste erreichten, erhielten dafür mehr Punkte. Das forderte von den Spieler(inn)en strategische Absprachen und war damit zugleich ein Beitrag zum Team-Building auf der Veranstaltung. Nur mit einem hatte Seitz nicht gerechnet: mit der früh einbrechenden Dunkelheit. „Schlecht, wenn man die Schnitzeljagd schon im Sommer plant“, brummte er. Die Teams hielten trotzdem tapfer durch.

Das Abendprogramm eröffnete iPad-Zauberer Andreas Axmann mit seiner verblüffenden Show und dann ging es auch schon weiter zur Party im Haupthaus des wannseeForums und zur begleitenden Cryptoparty. Bei einer Cryptoparty geht es um den Schutz der eigenen Daten durch Verschlüsselung. In kleinen Tischrunden wurde dazu zum Gespräch geladen, Beispiele gezeigt, Tipps gegeben, wie man sich schützen kann. Wer dachte, das sei ein Minderheitenprogramm und die Mehrheit der Jugendlichen würde lieber tanzen, der hatte sich geirrt. Die Cryptoparty war der Publikumsmagnet des Abends. Lieber Lernen und Diskutieren, statt Tanzen.

Am nächsten Morgen ging es wieder in die Workshops. Hatte man am Vortag die für wichtig befundenen Themen eingekreist, ging es nun darum, sie in Forderungen zu übersetzen. Im Verlauf des Vormittags wuchs das Dokument, das musste es auch – schon am frühen Vormittag sollte es an Gerd Billen, Staatsekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz übergeben werden und von einer Expert(inn)enrunde gemeinsam mit den Jugendlichen diskutiert werden. Wieder beeindruckten die Jugendlichen durch ihre engagierten Beiträge und ihre Diskussionskultur.

Medienkompetenz – auch eine bildungspolitische Debatte

Moderatorin Sorina rief im Abschluss-Plenum die Sprecher/-innen der einzelnen Workshops auf, um ihre Kernforderungen vorzutragen. Die Teilnehmer/-innen des Workshops Datenschutz forderten die Abschaffung der gerade erst beschlossenen Vorratsdatenspeicherung, da die Sicherheit der Daten nicht gewährleistet sei. Ein Gesetz gegen Mobbing wünschte man sich und einen aktiven Umgang mit digitalen Medien in der Schule. Zensur unter dem Deckmantel von Jugendschutz dürfe es nicht geben und die Teilnehmer/-innen des Workshops Netzpolitik wollten „Netzpolitiker, die selber in und mit dem Netz leben und wissen, wovon sie sprechen“. Es ist ein ziemlich umfangreiches Paket, was erarbeitet worden ist und es hat Substanz. Die Jugendlichen spürten das und bekamen Anerkennung dafür. „Das braucht sich hinter keinem Positionspapier eines Interessenverbandes zu verstecken“, stellte der Journalist Falk Steiner fest.

Die Jugendlichen nutzten die Gelegenheit des Gesprächs mit Expert(inn)en, um über die Wirklichkeit der Mediennutzung an ihren Schulen zu sprechen. „Wir sind 1.500 Schüler an unserer Schule. Nur 4 Rechner sind einsatzfähig, aber unsere eigenen Laptops und Tablets dürfen wir nicht mitbringen“, wusste ein Jugendlicher zu berichten. „Ich komme von einer Medienschule“, ergänzte eine junge Frau, „wir haben neue Whiteboards bekommen, die werden aber nur als Projektionsfläche für die alten Overheadprojektoren benutzt“. Die Diskussion um Medienkompetenz ist auch immer eine bildungspolitische Debatte, das merkte Moderator Ingo Dachwitz schnell. In Frage stand aber nicht die Medienkompetenz der Jugendlichen, sondern die von Lehrer(inne)n und des Systems Schule. Auch Malte Spitz von Bündnis 90/Die Grünen sieht die Defizite: „Es ist seit Jahren dieselbe frustrierende Statistik, die Anzahl der Informatiklehrer/-innen pro Schule liegt bei unter 1“. SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken möchte diesem Zustand nicht länger zuschauen. Für sie ist es an der Zeit, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich abzuschaffen: „Der Bund muss unterstützen können, wenn es nötig ist.“ Esken sieht Medienbildung aber nicht nur als schulische Aufgabe. „Die Zusammenarbeit zwischen schulischer und außerschulischer Bildung muss verbessert werden“, sagte sie und sie sieht eine wichtige Wirkung von Veranstaltungen wie den „watch your web_Days“. „Es kann nicht nur alles im Netz stattfinden. 24 Stunden zusammenkommen und die Dinge gründlich bereden ist wichtig“.

Staatssekretär Gerd Billen hatte der lebhaften Diskussion aufmerksam zugehört. Für ihn waren die „watch your web_Days“ „ein Beispiel, wie man Steuergelder sinnvoll einsetzen kann“. Er versprach den Jugendlichen: „Ihr werdet von uns eine Antwort bekommen“.

>> Agenda „Jugendgerechter Daten- und Verbraucherschutz in der digitalen Welt“ zum Download (PDF)

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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