Christian Herrmann

Das Internet selbst ist ein demokratisches Medium

Die technischen Veränderungen des Internets machen den Empfänger zum Sender. Damit erhöhen sich auch die Chancen für mehr Jugendbeteiligung. Das IJAB-Projekt youthpart beschäftigt sich mit ePartizipation, also der Beteiligung mit digitalen Mitteln. Gemeinsam mit internationalen Partnern werden Projekte und Strategien für mehr Online-Jugendbeteiligung entwickelt. Wir haben Projektkoordinatorin Nadine Karbach nach dem Stand von ePartizipation in Deutschland und dem Fortschritt des Projektes befragt.

Nadine Karbach
Nadine Karbach BildImage: Christian Herrmann

Wie können Jugendliche in der digitalen Gesellschaft mehr mitgestalten? Welche Erfahrungen gibt es dazu bereits im In- und Ausland? Welche neuen Modelle eröffnen Jugendlichen bessere Beteiligungsmöglichkeiten? Diesen Fragen widmet sich das multilaterale Kooperationsprojekt ePartizipation: Internationaler und nationaler Erfahrungsaustausch sowie Modellentwicklung für mehr Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft, kurz youthpart. Das Projekt ist aus dem „Dialog Internet“ des BMFSFJ hervorgegangen und wird von IJAB umgesetzt.

>> http://youthpart.eu
>> http://twitter.com/youthpart

Nadine Karbach ist Projektkoordinatorin bei youthpart.
karbach@DontReadMeijab.de

ijab.de: Frau Karbach, die Partizipation von Jugendlichen ist in der politischen Agenda quer durch alle Parteien und Institutionen ziemlich weit oben angesetzt. Sie spielt sowohl bei der EU-Jugendstrategie, als auch bei der Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine zentrale Rolle. Neben der verbandlichen Jugendarbeit war Partizipation in Deutschland eine kommunale Aufgabe. Das war nicht immer erfolgreich. Sie beschäftigen sich im Projekt youthpart mit ePartizipation. Was macht ihnen Hoffnung, Partizipation könnte mit digitalen Mitteln besser gelingen?

Nadine Karbach: Das digitale Zeitalter hält immer mehr Einzug in unseren Alltag und wir erleben die Transformation zu einer digitalen Gesellschaft. Das ist ein inklusiver, tiefgehender und unumkehrbarer Prozess, der alle Teile der Gesellschaft bewegt. Für Jugendliche ist der Umgang mit digitalen Medien weitgehend selbstverständlich. Internet – ob zuhause, in der Schule oder mobil – ist essentieller Bestandteil der heutigen Mediennutzung Jugendlicher. Natürlich macht alleine die Technologie noch keine Revolution, es sind die Menschen, die sie verwenden. Hier müssen wir ansetzen gute Modelle zu entwickeln und Prozesse anzustoßen, die Jugendliche und Politik zusammenbringen, um Partizipation wirksam zu gestalten. Die Internettechnologie senkt Grenzen der Teilnahme ab, erreicht schneller und weitreichender Menschen, die sich anders nie begegnet wären. Das Internet selbst ist ein demokratisches Medium.

ijab.de: Jugendbeteiligung steht und fällt mit ihrer Wirkung. Wird nur eine Meinung eingeholt, die dann aber keine praktische Auswirkung hat, wird ein Beteiligungsprozess – aus leicht nachvollziehbaren Gründen – für Jugendliche unattraktiv. Politik und Verwaltung müssten also tatsächliche Entscheidungskompetenz an Jugendliche abtreten. Warum sollten sie das tun?

Nadine Karbach: Wir erleben eine Neujustierung des Demokratiebegriffes. Es geht darum die Fragen der heutigen Zeit zusammen zu lösen. Dabei muss sich die Politik fragen, wen Entscheidungen betreffen und sich mit diesen Gruppen im übertragenen Sinne "an einen Tisch setzen" und zwar in einem offen gehaltenen Prozess auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Jugendliche wollen mitentscheiden und gefragt werden und zwar von Anfang an. Im weiteren Kontext geht es natürlich darum Jugendbeteiligung als Chance gegen die weitverbreitete Politikverdrossenheit zu nutzen. Es geht darum Jugendliche mit Verantwortung auszustatten und sie zu mündigen Bürgern zu machen, die in der Lage sind sich in die Gesellschaft, in der sie leben wollen, einzubringen und diese nach ihren Vorstellungen mitgestalten zu können. Damit die Partizipation Jugendlicher gelingt, müssen die Faktoren Information, Transparenz und Wirksamkeit gegeben sein.

ijab.de: Sie wollen das Thema ePartizipation international betrachten und Erfahrungen aus anderen Ländern für die Entwicklung von Partizipationsprojekten in Deutschland nutzbar machen. Dazu haben Sie eine Auswahl von Ländern getroffen, von denen Sie sich Erkenntnisse erhoffen. Für welche Länder haben Sie sich entschieden und warum genau für diese?

Nadine Karbach: Wir haben uns entschieden insgesamt sechs Länder anzuschreiben, von denen wir glauben lernen zu können und den Entwicklungsprozess zum Themenfeld ePartizipation Jugendlicher gemeinsam vorantreiben zu können. Mit unseren internationalen Partnern wollen wir in Austausch treten, gemeinsame Projekte anstoßen und die Ergebnisse auf breiter Basis allen Interessierten zur Verfügung stellen. In Finnland zum Beispiel können Jugendliche durch das System "Initiative Channel" auf lokaler Ebene Initiativen starten. Die Verwaltung und Jugendliche arbeiten zusammen und einmal jährlich wird ein Partizipationsspiegel veröffentlicht, der die Rate der online eingebrachten Initiativen Jugendlicher, die umgesetzt wurden, anzeigt. Dies ist eine einfache Kontrolle des Prozesses. Als weiteres Partnerland haben wir das Vereinigte Königreich angefragt, wo Beteiligung eine größere Tradition hat und es dadurch langjährige Projekte gibt, die einen wertvollen Beitrag zum Gesamtprojekt leisten können. Island ist interessant für uns, da es dort Überlegungen gibt, sich zu einem Informationsfreihafen herauszubilden. Unser Partnerland Österreich bringt Expertise im Bereich der Jugendinformation mit und Spanien steht einer besonderen Herausforderung gegenüber, da Jugendliche dort auf mehr Teilhabe drängen. 

ijab.de: Ihr Projekt youthpart ist ein Ergebnis des „Dialog Internet“ von Jugendministerin Kristina Schröder. In diesem Dialog wird die Kinder- und Jugendnetzpolitik zwischen Jugendschützern, Netzgemeinde, Wirtschaft und Politik verhandelt. Wie sieht es mit Jugendbeteiligung im Dialog Internet selbst aus? Und:  Brauchen Jugendliche andere digitale Beteiligungsformen als Erwachsene? Können beide Gruppen überhaupt in einem Raum diskutieren?

Nadine Karbach: In der ersten Phase des Dialog Internet, während der  Konsultation und der Sammlung von Themen, gab es mehr Beteiligung Jugendlicher als dies aktuell auf der Webseite der Fall ist. Es besteht jedoch jederzeit die Möglichkeit sich auf der Facebook-Seite des Dialogs einzubringen. Klar ist auch, es muss in diesem Punkt noch mehr getan werden. Es obliegt jedoch auch den einzelnen Initiativen den Kontakt zu suchen. Konkret werden Jugendliche gerade durch unser Projekt youthpart aktiv eingebunden, zum Beispiel durch ein Jugendpanel auf der CeBit anlässlich der Verleihung der Jugendpreise aus dem Wettbewerb Apps4Deutschland oder durch unsere internationale Fachkonferenz im Juni. Damit erfolgreiche Beteiligung Jugendlicher gelingt, gelten verschiedene Gelingensbedingungen, vor allem in Bezug auf das Internet. In diesem Punkt müssen wir Antworten finden, zum Beispiel durch den Austausch mit internationalen Partnern. 
Ein gutes Beispiel, bei dem Jugendliche und Erwachsene in einem Raum diskutieren, ist das Internet Governance Forum. Jugendliche, Politiker, Wissenschaftler und Unternehmensvertreter diskutieren gemeinsam aktuelle Fragen der Netzpolitik. Jugendbeteiligung ist ausdrücklich erwünscht und wird wertgeschätzt.

ijab.de: Um erfolgreiche Modelprojekte zu initiieren wird youthpart an die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland anknüpfen. Früher gab es dort sehr viel Technikskepsis. Inzwischen beginnt man den Nutzen digitaler Medien für Bildung, Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung zu erkennen. Trotzdem: Wie schwierig oder leicht ist es für Sie, Partner zu finden, mit denen man gemeinsam Projekte umsetzen kann?

Nadine Karbach: Die Resonanz der lokalen Ebene an dem Projekt youthpart ist groß. Schon jetzt sind wir mit einigen lokalen Partnern konkrete Projektideen angegangen. Kommunen wird unter anderem ein Patenmodell angeboten, bei dem Partizipationspaten interessierte Kommunen beraten, die digitale Jugendbeteiligung vor Ort umsetzen wollen. Man muss jedoch auch immer die Kapazitäten unseres Projektes vor Augen haben.
Zugleich sind wir als Anwälte der Jugendbeteiligung auf Veranstaltungen unterwegs und treten mit Mitarbeitern aus Politik und Verwaltung in den Dialog, um für mehr Beachtung der besonderen Bedürfnisse Jugendlicher bei Partizipationsvorhaben zu werben. Allem Neuen wird erst mal eine Grundskepsis entgegengebracht, das ist normal. Doch die digitale Durchdringung der Gesellschaft schreitet unaufhörlich voran und dem muss man sich konstruktiv stellen – am besten durch miteinander reden und zuhören.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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