Cathrin Piesche

Netzbasierte politische Bildung - Jugendliche zu „Prosumenten“ machen

Zu den Aufgaben des multilateralen Kooperationsprojekts Youthpart gehört es, innovative ePartizipationsverfahren für Jugendliche im In- und Ausland zu identifizieren. Ein erfolgreiches Beispiel dafür, dass junge Menschen ePartizipations-Angebote annehmen und mit Leben füllen, ist das österreichische „PoliPedia.at“: Ein offenes Wiki-System, das netzbasiert politische Bildung und politischen Diskurs mit und für Jugendliche initiieren will. Entstanden ist die Plattform 2008 im Rahmen der Demokratieinitiative des Bildungsministeriums Österreich.

PoliPedia@work BildImage: Polpedia.at

Die Autorin Lisa Peyer  ist Projektleiterin bei ikosom, dem Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Sie ist verantwortlich für die Bereiche politische Jugend- und Erwachsenenbildung sowie politische Kommunikation und war selbst als Trainerin für internationale Jugendprojekte tätig. Sie promoviert zurzeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Von Lisa Peyer

Georg Heller, Mitarbeiter des Projektes PoliPedia.at am Demokratiezentrum Wien, ist selbst einmal das gewesen, was er einen „PowerUser“ nennt. Also ein Nutzer, der aktiv Beiträge und Kommentare verfasst und die Wiki-Plattform zu einem umfangreichen Nachschlagewerk für politische Themen macht. Heute ist er Teil des Teams, das sich um die redaktionelle und technische Betreuung von PoliPedia.at kümmert, einem Kooperationsprojekt des Demokratiezentrums Wien und dem ICT&S Center der Universität Salzburg.

Am Anfang des Projektes stand die Frage, wie man Jugendliche heute für Politik interessiert und das fernab klassischer Unterrichtsmethoden. Das veränderte Mediennutzungsverhalten junger Menschen, in deren Lebenswelt das Internet fest integriert ist, war dabei ein ausschlaggebendes Argument für ein netzbasiertes Projekt. Dahinter steht aber auch ein spezifischer didaktischer Ansatz, der auf den von Alvin Toffler in den 1980er-Jahren geprägten Begriff der „Prosumer“ aufbaut. Georg Heller betont, dass man Jugendliche auch im Bereich der politischen Bildung nicht nur auf ihre Rolle als Konsumenten reduzieren dürfe. Das Ziel sei es, junge Menschen zu „Prosumenten“ zu machen, sie zu ermutigen auch selbst Inhalte zu produzieren.

Ein Politik-Wiki von und für Jugendliche

Nach vier Jahren ist PoliPedia.at mittlerweile zu einer stattlichen Enzyklopädie herangewachsen. Hinter dem einfach gehaltenen Kategoriensystem der Plattform verbergen sich zahlreiche ausführliche Überblicksartikel, detaillierte Begriffsdefinitionen und weiterführende Linksammlungen. Thematisch breit aufgestellt, behandeln die Beiträge Akteure und Strukturen des politischen Systems von Österreich ebenso wie demokratietheoretische Ansätze, etwa OpenGovernment und eDemocracy.

Beim Durchstöbern der Seite wird aber auch die jugendspezifische Ausrichtung von Polipedia.at schnell deutlich. So finden sich etwa Beiträge zum Jugendvertrauensrat von Österreich oder Artikel zur SMS-Sprache von Jugendlichen. Dabei zeichnen sich die einzelnen Wikis stets durch eine klare Strukturierung aus und zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen. Auf einen sicheren Umgang mit Quellen wird zudem viel Wert gelegt und neuen Nutzern bereits im Einführungsartikel deutlich erklärt: "Copy&Paste widerspricht den Qualitätsstandards von PoliPedia.at."

Polipedia als Werkzeug für den Unterricht

Dass der Themenbaum auf PoliPedia.at stetig wächst und die Plattform mit rund 5000 Besuchern pro Monat hohe Nutzerzahlen aufweisen kann, ist nicht zuletzt auch das Resultat einer kontinuierlichen Offline-Arbeit. Ein zentraler Bestandteil der Arbeit des PoliPedia.at-Teams sind kostenlose Workshops, die sie an Schulen und Jugendeinrichtungen anbieten und in denen gemeinsam mit den Schülern Themen und Beiträge erarbeitet werden. Der Bedeutung dieser aktiven Arbeit an Schulen und intensiven Kooperationen ist man sich deutlich bewusst.

Um eine längerfristige Zusammenarbeit sicherzustellen, wurden 2011 erstmals zehn "PoliPedia-Schulen" ausgezeichnet, deren Lehrerkollegium vom PoliPedia.at-Team geschult und mit Administratoren-Rechten ausgestattet wurde. Dahinter verbirgt sich auch eine doppelte Zielsetzung: PoliPedia.at soll nicht nur von Jugendlichen selbst genutzt werden, sondern auch von Pädagogen als Werkzeug, eine Art Online-Lehrbuch, für den kompetenzorientierten Unterricht eingesetzt werden. PoliPedia.at unterscheidet sich von anderen enzyklopädischen Online-Plattformen insofern, als dass ausschließlich politikbezogene Inhalte angeboten werden. Des Weiteren werden alle Beiträge von den Jugendlichen selbst erstellt und sind damit genuin zielgruppengerecht aufgearbeitet.

Politik, auch in der Freizeit

Die Erfahrungen des PoliPedia-Teams zeigen, dass vor allem solche Themen auf
Interesse stoßen, bei denen Jugendlichen die Möglichkeit haben, ihre eigene Meinung einzubringen, sich also aus einer ganz subjektiven Perspektive zu äußern. Ganz ohne Anstöße kommt es aber noch nicht aus. Die Aufgabe für das Team von PoliPedia.at ist stets, Themen zu identifizieren, die alle interessieren und einen persönlichen Bezug zu der Lebenswelt von Jugendlichen aufweisen. Als bewährter Einstieg in Diskussionen haben sich hier unter anderem tagesaktuelle Fragen und kurze Teaser in Form von kurzen Texten oder Videos erwiesen. Themen, die bisher eine besonders starke Resonanz aufweisen, sind dabei die Bereiche Demokratie, Integration und Rassismus.

Zensur der Beiträge? "Nein, das machen wir nicht!"

Weder bei der konkreten Ausgestaltung der Themen noch beim Schreiben der Texte wird dabei aber direkt Einfluss ausgeübt. Auch konzeptionell sollen die Jugendlichen so selbstverantwortlich wie möglich arbeiten. Die Herausforderung sei es schließlich, Jugendliche für politische Themen zu bewegen, und das auch in ihrer Freizeit. Über die Qualitätssicherung der Beiträge auf der Plattform muss sich das Team am Demokratiezentrum nur selten Sorgen machen. "Es ist immer die erste Frage, die von den Jugendlichen kommt, ob wir zensieren." sagt Heller und betont im gleichen Atemzug: "Nein, das machen wir nicht!" Die Netiquette der Seite wird im Regelfall respektiert, auch dann wenn es um kontroverse politische Themen geht. Diskriminierende, rassistische oder beleidigende Beiträge würden im Zweifelsfalle entfernt werden, jedoch bisher kein ernsthaftes Problem darstellen.   

Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit

Fragt man nach der Zukunft von PoliPedia.at, zeichnet Heller ein gleichermaßen
hoffnungsvolles und ambitioniertes Bild. Mit Polipedia.eu (www.polipedia.eu/tiki-index.php) ist erst vor kurzem die englischsprachige Version der Plattform gelauncht worden. Begleitet wird das länderübergreifende Projekt von einer intensiven Workshop-Phase. Wie auch bei der deutschsprachigen Version der Seite sei das Ziel, dass sich Themen und Diskussionen mittelfristig gesehen noch selbstständiger entwickeln. Ein großes, europaweites Wiki ist zweifelsohne ein großes Vorhaben. Was es dafür noch braucht? Eine gute Vernetzung und viel Öffentlichkeitsarbeit seien unabdingbar, sagt Heller. "Und natürlich Geld – wie bei jeder NGO."

Links:

Diese(s) Werk bzw. Inhalt von Lisa Peyer steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz. 

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – keine Bearbeitung CC BY-ND 3.0


Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter