Cathrin Piesche

Empowerment durch partizipative Jugendforschung

Simon Schnetzer hat gerade die Studie "junge Deutsche" herausgegeben, für die er in zwei Monaten von den Alpen durch den Osten bis nach Kiel, durch den Westen und wieder zurück geradelt ist. Unterwegs hat er junge Menschen nach ihrer Meinung zu Deutschland befragt. Dem ePartizipationsprojekt youthpart berichtet Simon Schnetzer von seinem neuen Ansatz der partizipativen Jugendforschung und teilt seine Erfahrungen.

BildImage: Simon Schnetzer

Ich habe mit "junge Deutsche 2011" gerade meine erste nationale Studie über Deutschland und die Situation junger Menschen veröffentlicht. Dabei schlug ich nach dem Studium eine ganz andere Richtung ein: Entwicklungszusammenarbeit, arme Länder. Anders als in Deutschland, mit den festgefahrenen Strukturen und Mentalitäten, dachte ich dort etwas bewegen zu können.

Was mich antreibt.

In den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert in Deutschland: Die Digitaltisierung durchdringt in täglich neuen Formen unsere Alltags- und Berufswelten. In Blogs, auf Facebook und über Online-Foren sind mittlerweile die Stimmen tausender junger Menschen hörbar, die sich aufgrund prekärer Beschäftigungssituation ihrer Perspektiven beraubt fühlen – der Spiegel nannte sie einst die Krisenkinder (jung, gut ausgebildet, chancenlos). Die Diskussion hat sich weiterentwickelt. Statt um einige Langzeitpraktikanten geht es jetzt um ein Drittel der 18-34-Jährigen (Junge Deutsche 2011 und BMAS 2010), die kurzzeitig befristet, schlecht bezahlt oder arbeitslos sind und versuchen eine Perspektive für ihr Leben zu entwickeln. Statt finanziell unabhängig zu sein, hängen viele von der Unterstützung ihrer Eltern oder dem Aufstockungsantrag beim Sozialamt ab. Die Welle der Empörung nach Erscheinen des Spiegel-Spezials 2009 ebbte schnell wieder ab.

Warum entstand nicht damals schon so etwas wie die Occupy-Bewegung? Warum waren die betroffenen jungen Menschen nicht auf der Straße für bessere Arbeitsbedingungen? Und warum hat sich die Politik so wenig dafür interessiert?

Die Sicht junger Menschen ist zentral.

Mich ließ das Thema nicht mehr los. Und das Desinteresse der Politik ärgerte mich. Aus meiner Empörung entstand der Wille etwas zu ändern und ich startete das Projekt junge Deutsche, als Fahrraddoku und Jugendumfrage. Studien gibt es natürlich viele, doch über die Lebenssituation und Übergänge junger Erwachsener gibt es nicht viel – und erst recht nicht aus der Perspektive der Jungen selbst. Meine Vision ist es, durch partizipative Aktionsforschung das Selbstportrait der jungen Generation in Geschichten und Statistiken entstehen zu lassen. Die Statistiken geben einen Überblick über Trends und Ausmaß bestimmter Umstände; die Geschichten ermöglichen es zu hinterfragen, was sich hinter den Zahlen verbirgt. Dadurch entsteht einerseits ein hoher Identifikationsgrad der Befragten mit der Studie und idealerweise auch eine Interessensgemeinschaft. Dadurch können junge Menschen ihre Lebenssituation und die Rahmenbedingungen ihrer Übergänge als Gruppe begreifen. Anstatt sich auf Individualinteressen zu beschränken entsteht ein Wir und eine qualifizierte Gruppenmeinung.

Dieses Wir, die 18-34-Jährigen in Deutschland, ist die erste Generation der digital natives. Sie sind die besten Experten, wenn es darum geht wie Internet, Digitalisierung und technologischer Fortschritt die Gesellschaft prägen werden. Ihre Leben werden am stärksten und längsten von der Netzpolitik, -sicherheit und -architektur bestimmt werden. Daher sollte ihr Wissen, Ihre Erfahrungen und ihre Ängste unbedingter Teil des Dialog Internet sein – durch direkte Beteiligung, oder in aggregierter Form durch eine partizipative Erhebung.

Couchsurfend und jugendforschend durch die Wohnzimmer der Republik.

Im Gespräch mit vielen jungen Menschen und mit wissenschaftlicher Betreuung entwickelte ich 2010 einen Fragebogen zu den Themen Leben, Arbeit, Zukunft, Politik und Identität. Die Interviews wollte ich in sämtlichen Regionen Deutschlands machen, mich nachhaltig fortbewegen und die Menschen in ihrem natürlichen Umfeld erleben. Und kosten durfte es nicht viel, weil ich das Projekt aus Erspartem finanzierte. 

* Kling, kling * Mit einem Fahrrad in zwei Monaten von den Alpen durch den Osten bis Kiel und durch den Westen zurück. Schornsteinfeger, Arbeitslose, Ladenbesitzer, junge Mütter oder Studenten kann man wunderbar in der Mittagpause, am Marktplatz oder beim Spazieren ansprechen. Umsonst übernachtet habe ich über Couchsurfing bei jungen Menschen mit ganz unterschiedlichen Biographien und kulturellen Wurzeln. Und wem ich nicht persönlich begegnete, der/die konnte auch online an der Umfrage teilnehmen. 

>>> Die Studie "junge Deutsche" online lesen oder bestellen unter www.jungedeutsche.de

Ihre Meinung zählt. Ihr Netzwerk auch.

Was erwarten Sie sich von diesem Dialog? Wie sollen die Ergebnisse des Dialogs Wirkung entfalten? Und wie kann die Einbindung junger Menschen Ihrer Meinung nach funktionieren? Bitte nachfolgend kommentieren – und am besten über Facebook, Twitter und Co. ihre Freunde über den Dialog informieren. Die Diskussion geht uns alle an. Je mehr sich an Dialog Internet und dem Projekt Youthpart beteiligen, desto besser wird die Diskussion.

[Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist ursprünglich im Youthpart-Blog im Rahmen des Dialog Internet erschienen. Bitte nehmen Sie die oben formulierte Einladung von Simon Schnetzer an und diskutieren dort mit: http://dialog-internet.de/web/initiativen_youthpart/blog/-/asset_publisher/5Kso/blog/empowerment-durch-partizipative-jugendforschung/48352]

Diese(s) Werk bzw. der Inhalt von Simon Schnetzer steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – keine Bearbeitung CC BY-ND 3.0


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