Dr. Dirk Hänisch

Zugänge und Barrieren zur Internationalen Jugendarbeit – Fachgespräch in Berlin weckt Erwartungen

Am 11. September 2017 trafen sich in Berlin in den Räumen der Robert Bosch Stiftung etwa 70 Fachleute, Akteure, Expertinnen und Experten der Internationalen Jugendarbeit zu einem Podiumsfachgespräch über die laufende Zugangsstudie zum internationalen Jugendaustausch. Diskutiert wurde über die fachlichen Erwartungen, den Stellenwert für das Arbeitsfeld Internationale Jugendarbeit sowie über mögliche Handlungskonsequenzen. Differenzierte Ergebnisse der Studie sollen im kommenden Jahr veröffentlicht werden.

Dr. Silke Borgstedt (SINUS), Prof. Dr. Joachim Rogall (Robert Bosch Stiftung), Dr. Ralf Kleindiek (Staatssekretär im BMFSFJ), Dr. Helle Becker (Moderation), Rolf Witte (BKJ) und Dr. Werner Müller (transfer) BildImage: transfer e.V. | Thomas Rosenthal

Hintergrund

Von 2016 bis 2018 wird gemeinsam von vier Forschungspartnern - dem SINUS-Institut, der Technischen Hochschule Köln (Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung), dem IKO- Institut für Kooperationsmanagement Regensburg und dem Team „Freizeitenevaluation“ – das Forschungsvorhaben „Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“ durchgeführt. Die Studie wird Daten und Erkenntnisse liefern, wie hoch der Anteil junger Menschen tatsächlich ist, die an internationalen Austauschmaßnahmen teilnehmen, welche Jugendlichen vom Angebot nicht erreicht werden, welche Faktoren ihre Entscheidung beeinflussen und welche Hürden es gibt. Darauf aufbauend sollen Handlungsempfehlungen für den Abbau von Mobilitätshemmnissen formuliert werden, um möglichst vielen Jugendlichen den Zugang zu internationalen Austauschmaßnahmen zu ermöglichen. Die fachliche, politische und praktische Relevanz der Ergebnisse liegen auf der Hand – entsprechend hoch geknüpft sind die Erwartungen an das Forschungsvorhaben.

An dem Fachgespräch auf dem Podium beteiligten sich Dr. Silke Borgstedt (SINUS-Institut), Prof. Dr. Joachim Rogall (Robert Bosch Stiftung), Dr. Ralf Kleindiek (Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Dr. Helle Becker (Moderation), Rolf Witte (Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung) und Dr. Werner Müller (transfer).

Zum Kontext der Studie

Rolf Witte hob einleitend vor allem die Vielfalt im Arbeitsgebiet Internationale Jugendarbeit hervor. Vielfalt der Träger und Vielfalt der Angebotsformate sind wesentliche Qualitätsmerkmale und hier wird es seiner Meinung nach spannend sein zu schauen, welche Lücken und Schwachpunkte durch die Studie sichtbar und Impulse für die Weiterentwicklung angeregt werden. Dr. Werner Müller ergänzte, dass Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut mit Strukturen ausgestattet ist, was Informationsangebote über Austauschmöglichkeiten sowie Förderinstrumente betrifft. Hinzu kommt, dass belastbare Ergebnisse aus der Praxisforschung vorliegen, was ebenfalls weltweit einmalig ist. Aber: „Obwohl wir eine hervorragende Ausgangslage haben, wissen wir, dass viele Zielgruppen nicht erreicht werden. Für diese Gruppen muss hinsichtlich Information und Beratung ein passendes Angebot gemacht werden – und zwar möglichst vor Ort und in der richtigen Sprache“. Vor dem Hintergrund, dass die erdrückende Mehrheit der Freiwilligen einen gymnasialen Bildungshintergrund haben, werden Formate benötigt, die auch andere Bildungsgruppen von Jugendlichen ansprechen – hierzu erwartet er neue Erkenntnisse, die auch unter demokratiepolitischen Gesichtspunkten bedeutend sind.

Schlüsselerlebnisse durch Auslandserfahrungen

Sachstand ist, dass die Wirkungen von Auslandserfahrungen auf Jugendliche größtenteils recht gut erforscht und ausgeleuchtet sind. Stichworte dazu sind Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung, Kompetenzbildung, Förderung von Toleranz, Perspektivenwechsel, Erweiterung des Horizonts, Stärkung des Selbstvertrauens, Verbesserung von Sprachkenntnissen usw. Aus persönlichen Schilderungen wird immer wieder deutlich, dass durch Auslandsaufenthalte Schlüsselerlebnisse geschaffen werden, die eine Initialzündungsfunktion für weitere Lernprozesse haben (können). Staatssekretär Dr. Kleindiek zieht aus dieser Erkenntnis – und auch aus eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht – den Schluss , dass möglichst viele Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben sollten, solche Schlüsselerlebnisse zu erfahren. Sehr beeindruckend waren die an dieser Stelle eingeschobenen biografischen Schilderungen von zwei Jugendlichen, die anhand ihrer beruflichen und persönlichen Verlaufsbiografien die bildungsmotivierenden und persönlichen Wirkungen von Auslandsaufenthalten anschaulich vor dem Auditorium schilderten.

Ziele der Zugangsstudie

Dr. Silke Borgstedt oblag der Part, das „Besondere“ der Zugangsstudie zu erläutern. In einer, wie sie ausführte, 360-Grad-Perspektive nähert sich das Forschungskonsortium dem Thema. Vier Ziele stehen im Mittelpunkt: Erstens wird die Grundgesamtheit mit einem Panoramablick betrachtet und die Frage gestellt, welche jugendlichen Gruppen (14 bis 27 Jahre) haben Erfahrungen und welche nicht, zweitens werden landläufige Vorannahmen geprüft („weibliche Gymnasiastinnen“) und geschaut, wer ist präsent und wer nicht, drittens Identifizierung und Beschreibung wenig erreichter Zielgruppen und viertens Entwicklung gemeinsamer Handlungsempfehlungen, die dem Abbau von Mobilitätshindernissen dienen. Differenzierte Ergebnisse gibt es im kommenden Jahr – dann werden auch detaillierte Analysen zu den „Treibern“ und Barrieren der Zugänge vorliegen.

Das SINUS-Institut selbst übernimmt in dem Forschungskonsortium den Part der Repräsentativbefragung, das IKO-Institut ist für die Vertiefung der Motive durch Interviews von Nichtteilnehmern oder untypischen Teilnehmern zuständig und die Technische Hochschule Köln, Fachbereich Non-formale Bildung beschäftigt sich gemeinsam mit dem Team Freizeitenevaluation mit dem Aufbau eines Langfrist-Panels und Sonderauswertungen. Flankiert wird die Studie durch Experteninterviews und Literaturanalyse, begleitet von einem Beirat.

Interesse der Förderer

Gefördert wird die Studie vom Bundesjugendministerium und der Robert Bosch Stiftung. Im Mittelpunkt des Förderinteresses stehen zwei große Ziele: mehr Kenntnisse anhand belastbarer Daten über Gründe, warum Gruppen von (z.B. bildungsfernen) Jugendlichen selten bis gar nicht erreicht werden; zum zweiten Erkenntnisse darüber, wie Zugangsbarrieren überwunden werden können. Dr. Kleindiek sieht darin eine wichtige Grundlage für das politische Handeln, denn aus den Erkenntnissen erhofft man sich eine Strategieableitung für die Zukunft. In der Konsequenz und Folge, und das betonte Dr. Kleindiek nachdrücklich, bedeutet die Umsetzung der Erkenntnisse auch eine Erhöhung der finanziellen Ressourcen. Wenn das Ziel, möglichst allen Jugendlichen die Möglichkeit von internationalen Austausch- und Begegnungserfahrungen zu ermöglichen, verwirklicht werden soll, so ist mindestens eine Verdoppelung der Mittel für den internationalen Jugendaustausch erforderlich.

Foto: transfer e.V. | Thomas Rosenthal

Erwartungen aus Sicht der Praxis

Rolf Witte hob in einem Statement noch zusätzliche Aspekte hervor, die in der Diskussion über Zugangsmöglichkeiten und Handlungskonsequenzen bedeutend sind. Zunächst warnte er vor zu großen Optimismus hinsichtlich der Handlungsempfehlungen aus der gegenwärtig laufenden Studie. So gab es auch bei der großen Vorgängerstudie über die Langzeitwirkungen 2003 ff. die Handlungsempfehlung, mehr Reflexionsphasen nach Auslandsbegegnungen anzuschließen, was aber in der praktischen Umsetzung aus verschiedenen Gründen für die Träger kaum möglich war. Zum zweiten sind für die Zukunft Rahmenbedingungen erforderlich, die mehr Flexibilität für die Arbeit der Träger erlauben. Beispiel sind etwa die dezentralen Migrantenselbstorganisationen, die internationale Begegnungen durchführen wollen, aber von den Bundeszentralstellen formal nicht gefördert werden dürfen, da sie keinem Bundesverband angehören. Zum dritten benötigt die Internationale Jugendarbeit Beziehungen zu bestimmten Milieus, um Zugänge zu Gruppen von Jugendlichen zu erreichen. Netzwerkarbeit in diesem Sinne ist aber seiner Meinung nach mit dem derzeitigen Fördersystem nur sehr schwierig umzusetzen.

Konsens herrschte über seinen abschließenden Appell: „Was nicht rauskommen darf und kann ist, dass jeder Träger auch jede Zielgruppe erreicht, sondern dass wir gemeinsam daran arbeiten. Dafür ist die Gemeinschaftskooperation eine gute Grundlage“.

Wie geht es weiter?

Bis Januar 2018 werden von allen Forschungspartnern die Ergebnisse vorliegen, die anschließend im Beirat diskutiert werden. Voraussichtlich im Juni 2018 wird es eine Nachhaltigkeitskonferenz geben.



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