Jennifer Mösenfechtel

Inklusion und Empowerment in der Internationalen Jugendarbeit: Oft geht mehr, als man denkt

Vom 27. bis 28. Juni 2013 lud IJAB im Rahmen des „Innovationsforum Jugend global“ zum Pilotseminar "Inklusion und Empowerment in der Internationalen Jugendarbeit" nach Frankfurt ein. 18 Fachkräfte ergriffen die Chance, Methoden und Good-Practice-Beispiele für inklusive, internationale Jugendbegegnungen kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen und sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wie man internationale Programme für Jugendliche mit Behinderung besser zugänglich machen kann.

„Frankfurt begreifen“ - Stadtführung mit verbundenen Augen BildImage: Jennifer Mösenfechtel

Zum Auftakt gab Christian Papadopoulos (designbar Consulting GbR*) eine differenzierte Einführung zu den Begriffen Inklusion, Integration und Empowerment.  Allem voran stellte er dabei die folgenden Zitate: „Ich bin anders, weil ich wie alle bin und weil alle anders sind“ (Rio Reiser) und „Es ist normal, verschieden zu sein“ (Richard von Weizsäcker). Für Papadopoulos bringen diese Zeilen den Inklusionsgedanken auf den Punkt. Des Weiteren zeigte Papadopoulos auf, dass alles, was Menschen mit Behinderungen nützt, auch Menschen ohne Behinderungen zugutekommt und dass Barrieren bautechnischer Art im Zusammenhang mit dem Thema Inklusion letztendlich vergleichsweise unwichtig sind. Schlimmer seien die mentalen Barrieren.

Im Anschluss gab Ulrike Werner (IJAB) einen Überblick über die Besonderheiten und Möglichkeiten der verschiedenen Formate internationaler Jugendarbeit in Bezug auf den Inklusionsgedanken. Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden anhand einer simulierten Bewerbungssituation selber erfahren oder beobachten, was „Exklusion“ bedeutet beziehungsweise wie es sich anfühlt, aufgrund äußerlicher und oberflächlicher Kriterien ausgeschlossen zu werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten sich in Kleingruppen über eigene Ausgrenzungserfahrungen und über mögliche Barrieren und Bedenken bezüglich inklusiver internationaler Jugendbegegnungen aus. Hierbei kam zum Beispiel die Frage auf, wie eine Ausschreibung für eine Jugendbegegnung so gestaltet werden kann, dass sich alle potentiellen Teilnehmenden, gleich welcher Einschränkungen, angesprochen fühlen. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass in Programmausschreibungen ausdrücklich darauf hingewiesen werden sollte, dass Personen mit Einschränkungen beziehungsweise Behinderungen willkommen sind. Uneinig war man sich allerdings darüber, inwiefern und wie detailliert körperliche und auch geistige Einschränkungen im Vorfeld schon abgefragt werden können und sollten und ob dies überhaupt förderlich für einen unvoreingenommen Umgang miteinander sei. Abgesehen davon wies eine Teilnehmerin, selbst Mutter einer behinderten Tochter, darauf hin, dass schon die Anmeldeverfahren für internationale Jugendbegegnungen oft zu kompliziert, aufwändig und bürokratisch seien. Behinderte Teilnehmende und vor allem deren Eltern seien meist schon mit der Regelung ganz alltäglicher Dinge ausgelastet und derartige Anmeldeverfahren stellten oft eine zu große Herausforderung dar. Es ist also schon im Vorfeld der Veranstaltung auf Barrierefreiheit beziehungsweise barrierefreie Kommunikation zu achten. Des Weiteren wurde geäußert, dass es sehr wichtig sei, das Vertrauen der Eltern der jugendlichen Teilnehmenden zu gewinnen. Zudem seien gut ausgebildete sowie gut vorbereitete Teamerinnen und Teamer für das Gelingen der Begegnung unabdingbar.

Nach reichhaltigen Inputs und lebhaften Diskussionen freuten sich die Teilnehmenden am Abend über etwas Bewegung an der frischen Luft, wozu der thematisch passende Stadtrundgang „Frankfurt begreifen“ die perfekte Möglichkeit bot. Hierbei handelte es sich um einen Rundgang, der speziell für blinde und sehbehinderte Menschen konzipiert worden ist. Die Geschichte und Geschichten Frankfurts wurden hier besonders anschaulich beschrieben und die Teilnehmenden erhielten viele Möglichkeiten, ihren Tastsinn einzusetzen und Frankfurt im wahrsten Sinne des Wortes „zu begreifen“. Einige der Teilnehmenden nahmen zudem die Anregung an, sich die Augen verbinden und führen zu lassen, was ihnen ein besonders eindrucksvolles Erlebnis ermöglichte.

Am Morgen des zweiten Seminartags brachte Daniel Wunderer von der Kreisau-Initiative e.V. mittels einer Sprachanimation Bewegung und Dynamik in die zu Beginn noch leicht verschlafene Gruppe. Durch eigenes Ausprobieren lernten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen eine Methode kennen, deren Ziel es ist, spielerisch zwei, drei oder mehr Ausdrücke in einer anderen Sprache auszuprobieren und so letztendlich nicht nur sprachliche Barrieren abzubauen. Außerdem wurde thematisiert, wie die Methode an besondere Bedürfnisse angepasst und so in inklusiven Jugendbegenungen eingesetzt werden kann - ein gutes Werkzeug für zukünftige internationale Projekte.

Anschließend teilten sich die Teilnehmenden ein weiteres Mal in Kleingruppen auf. Eine der Kleingruppen beschäftigte sich damit, welche organisatorischen Aspekte bei der Planung inklusiver Jugendbegegnungen besonders zu berücksichtigen sind beziehungsweise bei welchen Aspekten besonders auf Barrierefreiheit geachtet werden muss. Hier ging es um Punkte wie Mobilität, medizinische Versorgung, Unterkunft, Sicherheit, Formalitäten (Ansprache / Methode / Didaktik), die Vorbereitung mit den Teilnehmenden und deren Eltern, sowie die persönliche Assistenz und die Kommunikation mit den Partnern.

In der zweiten Kleingruppe ging es darum, wie ein gemeinsames Erleben und Lernen von Jugendlichen mit und ohne Behinderung ermöglicht werden kann. Hier erläuterte Daniel Wunderer das Konzept der inklusiven deutsch-polnischen Jugendbegegnungen der Kreisau-Initiative. Im Rahmen seiner langjährigen Erfahrung mit inklusiven Begegnungen hat Wunderer festgestellt, dass oft mehr möglich ist, als man denkt. Es sei nur ein gewisses Umdenken erforderlich. Die wichtigsten Ergebnisse der Gruppenarbeit waren, dass die Methoden jeweils spontan und kreativ an die Bedürfnisse der Teilnehmenden angepasst werden müssen. Eine gezielte Abfrage der Einschränkungen der Teilnehmenden im Vorfeld der Begegnungen ist dafür äußerst hilfreich. Außerdem sollten bei Programmen, an denen Jugendliche mit Behinderung teilnehmen, weniger feste Programmpunkte und dafür mehr Pausen eingeplant werden. Für viele Aktionen benötige man mehr Zeit und es sei gerade hier besonders wichtig, sich auf Qualität statt Quantität zu konzentrieren und keine Angst vor „zu wenig“ Programm zu haben.

Später ergab sich dann spontan die Möglichkeit, der Eröffnung und ersten Einheit eines inklusiven Sportjugendcamps beizuwohnen. Es handelte sich um eine Begegnung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung, in deren Mittelpunkt die Sportart Rollstuhlbasketball stand. Die Teilnehmenden des Pilotseminars beobachteten fasziniert die Geschicklichkeit und Schnelligkeit der geübten Rollstuhlfahrer/-innen und deren sichtbare Freude an der Erfahrung, schneller und geschickter als die nicht behinderten „Fußgänger/-innen“ zu sein. Aber auch diese stellten sich ehrgeizig und begeistert der neuen Herausforderung des Rollstuhlbasketballs.

In der Abschluss- und Feedbackrunde wurde besonders die gute Mischung von Teilnehmenden mit Erfahrungen im Inklusionsbereich und solchen mit Erfahrungen im internationalen Bereich gelobt, die einen fruchtbaren Austausch ermöglicht hatte. Positiv hervorgehoben wurde außerdem, dass es durch das Seminar möglich war, die eigene Arbeit zu reflektieren, Gleichgesinnte zu treffen und neue Methoden kennenzulernen. Die Erfahrungen und Ergebnisse werden nun in eine Handreichung einfließen, die voraussichtlich Ende November erscheinen wird.

Kooperationspartner bei der Vorbereitung und Durchführung des Pilotseminars waren IBG Workcamps e.V. (Christoph Meder), designbar Consulting GbR* (Christian Papadopoulos) und Kreisau-Initiative e.V. (Daniel Wunderer). Die Veranstaltung wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0


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