Christian Herrmann

Internationale Jugendarbeit ist Querschnittsaufgabe und kein Sahnehäubchen

Alle zwei Jahre lädt das BMFSFJ die Träger der Internationalen Jugendarbeit zu einer gemeinsamen Konferenz. Diese Trägerkonferenz dient der Information über aktuelle Entwicklungen und dem Austausch über die Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes. Über 100 Vertreterinnen und Vertreter der Internationalen Jugendarbeit kamen am 1. und 2. Juni zur Trägerkonferenz in Bonn zusammen. Ihre Ergebnisse sind in einer Dokumentation des BMFSFJ zusammengefasst, die jetzt zum Download zur Verfügung steht.

Eine Person schreibt etwas auf ein Blatt Papier. Im Bildhintergrund redet eine zweite Person, eine dritte liest etwas.
BildImage: Christian Herrmann


>> Download der Dokumentation (PDF, 2,29 MB)

Was gibt es Neues aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend? Uwe Finke-Timpe, Leiter des Referats „Europäische und internationale Jugendpolitik“ im BMFSFJ berichtete über die geplante Initiative zur Stärkung von Mobilitätserfahrungen, die Reform des Kinder- und Jugendplans des Bundes, anstehende Jubiläen und nahm eine jugendpolitische Einordnung der Internationalen Jugendarbeit in Bezug auf weitere jugendpolitische Initiativen des BMFSFJ vor.

2016 ist das Jahr der Jubiläen. 25 Jahre Deutsch-Polnisches Jugendwerk, 15 Jahre ConAct – Koordinierungsbüro für den deutsch-israelischen Jugendaustausch, 10 Jahre Koordinierungsbüros für den deutsch-russischen Jugendaustausch, 10 Jahre deutsch-chinesische jugendpolitische Zusammenarbeit und 20 Jahre Europäischer Freiwilligendienst sind Anlässe für Fachveranstaltungen und Feiern mit den jeweiligen internationalen Partnern. Die Verhandlungen mit der griechischen Regierung zur Errichtung eines deutsch-griechischen Jugendwerks dauern hingegen noch an. Die Intensivierung des bilateralen Jugendaustausches im Vorfeld des Jugendwerks hat jedoch bereits Fahrt aufgenommen.

Die Idee für die Initiative „Chancen eröffnen durch Austausch und Begegnung“ war 2014 von Bundesjugendministerin Manuela Schwesig während des Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags in Berlin angekündigt worden. Seitdem sind 5 Aktionsfelder definiert worden, aus denen diese Initiative bestehen soll:

  • Ausweitung von Mobilitätsangeboten und Abbau von Mobilitätshindernissen
  • Weiterentwicklung von Information und Beratung
  • Unterstützung der Anerkennung grenzüberschreitender Lernerfahrungen
  • Unterstützung und Qualifizierung von Fachkräften – Fachkräfteinitiative
  • Wissensbasierte Gestaltung von Praxis und Politik

Ein von vielen Trägern mit Spannung erwarteter Punkt war der Stand der Reform des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP). Im neu formulierten Leitbild verliert die Internationale Jugendarbeit nicht an Bedeutung – im Gegenteil, sie wird sowohl als Querschnittsaufgabe, als auch als eigenständiges Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe definiert. „Internationale Jugendarbeit ist eine Querschnittsaufgabe und soll integrierter Bestandteil in jedem Handlungsfeld sein“, stellte Finke-Timpe fest, „sie ist kein Sahnehäubchen, das nur zum Zuge kommt, wenn genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Wir müssen hier eine Normalität dieses Instrumentes und seines Nutzens erreichen“. Weitere Klarheit ist in die Frage gekommen, wie die Infrastruktur der Träger gestärkt werden soll. Hierzu sollen zwischen Trägern und BMFSFJ Rahmenvereinbarungen abgeschlossen werden, um eine dauerhafte Sicherung zu erreichen. Wesentlicher Bestandteil werden die Jahresplanungsgespräche zwischen BMFSFJ und den einzelnen Zentralstellen sein. Spontan wurde eine Arbeitsgruppe zwischen BMFSFJ und den Ländern anberaumt, um über die Modalitäten der Fortführung der Länderzentralstellen zu sprechen.
Aktuell findet eine Abstimmung mit dem Bundesministerium der Finanzen und dem Bundesrechnungshof statt. Finke-Timpe ist jedoch weiterhin zuversichtlich, dass der reformierte KJP am 1. Januar 2017 in Kraft treten wird.

Implementierung einer internationalen Organisationskultur

Wie kann es den Trägern der Kinder- und Jugendhilfe gelingen, Internationale Jugendarbeit zu einer wirklichen Querschnittsaufgabe zu entwickeln? Referentin Kerstin Giebel von IJAB beleuchtete das Zusammenspiel innerer und äußerer Faktoren bei der Organisationsentwicklung. Sie empfiehlt Trägern eine Ist-Stand-Analyse und die gemeinschaftliche Entwicklung der Vision eines „Soll-Zustands“. Als Umsetzungswerkzeuge empfiehlt sie Personalentwicklung und Qualitätsentwicklung. Giebel hat selbst umfangreiche Erfahrung in der Begleitung solcher Organisationsentwicklungsprozesse. Aktuell führt sie das IJAB-Projekt „Modellentwicklung einer internationalen Leitkultur bei Trägern der Kinder- und Jugendhilfe“ durch. 5 Träger werden dabei begleitet, ihre Organisation internationaler auszurichten.

Über positive Beispiele, wie dies gelingen kann, wussten Steren Courdray vom Internationalen Bund (IB) und Robert Werner von der Deutschen Jugend in Europa zu berichten. Beispiele von Trägern, die „international“ und „Europa“ im Namen führen und anschaulich unterschiedliche Wege aufzeigen, wie sie sich ein ausgewiesenes Profil internationaler Praxis in den Organisationen erarbeitet haben. Steren Courdray wies auch auf den vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit im Rahmen der JiVE-Initiative „Jugendsozialarbeit macht mobil“ erarbeiteten Navigator zur nachhaltigen Implementierung und Verankerung internationaler Lernerfahrungen und Mobilität bei freien Trägern der Jugendsozialarbeit mit dem Titel „Jugendsozialarbeit international!“ hin.

Der erste Konferenztag bot den Teilnehmer(inne)n die Möglichkeit, sich in 4 Arbeitsgruppen auszutauschen:

  • Möglichkeiten der dauerhaften innerverbandlichen Sicherung des Tätigkeitsfeldes Internationale Jugendarbeit
    Kersin Giebel (IJAB) und Rolf Witte gaben vertiefende Einblicke in das Projekt „Modellentwicklung einer internationalen Leitkultur bei Trägern der Kinder- und Jugendhilfe“.
  • Europäisierung und Internationalisierung der verbandlichen Tätigkeit
    Lothar Harles (AKSB) diskutierte, wie politische Veränderungen in Europa und der Welt auf die Internationale Jugendarbeit einwirken und wie sie reagieren soll.
  • Verortung der Zweckbindung internationaler Mittel in Rahmenvereinbarung und Jahresgesprächen, Instrumente und Verfahren
    Antje Sember (BMFSFJ) informierte über Veränderungen, die sich durch die Reform des KJP ergeben.
  • Konzepte zur verbandlichen und überverbandlichen Qualifizierung von Fachkräften der Internationalen Jugendarbeit
    Doreen Frenz (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Brandenburg) und Elzbieta Kosek (Kreisau-Initiative e.V.) nahmen sich der Frage der Qualifizierung von Fachkräften bei Trägern an, die sich für die Internationale Jugendarbeit öffnen.

Selbstvergewisserung des Arbeitsfeldes

Die Internationale Jugendarbeit ist ein in ihren Formaten vielfältiges, in ihren Strukturen komplexes, in den disziplinären und politischen Bezügen diverses und ihren Abgrenzungen häufig unscharfes Arbeits- und Diskursfeld. Als solches ist sie zugleich immer wieder herausgefordert, sich wandelnden Anforderungen und Erwartungen von Seiten der Politik, der pädagogischen Praxis und nicht zuletzt der beteiligten Jugendlichen, Fachkräfte und anderer Akteure zu stellen oder sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Dabei spielt die Perspektive der internationalen und transnationalen Partnerorganisationen eine wichtige Rolle. Der Vortrag von Prof. Dr. Andreas Thimmel, Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung an der TH Köln, unternimmt aus Sicht der bundesdeutschen Jugendarbeitsforschung den Versuch einer analytischen Bestimmung von Begriff und Praxisfeld bzw. Praxisfeldern im Kontext der Internationalen Jugendarbeit und an den Schnittstellen zu anderen Bereichen internationaler Bildung.

Internationale Jugendarbeit taucht in immer neuen Begriffszusammenhängen auf – grenzüberschreitende Mobilität oder Mobilität zu Lernzwecken beispielsweise. Gerade im Kontext der Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe entstehen immer neue Formate im Jugend- und Fachkräfteaustausch, die nicht mehr im klassischen – und auch gesetzlichen – Sinne als Jugendarbeit definiert werden können. Thimmel sieht eine „Entgrenzung“ des Begriffs Internationale Jugendarbeit, den er auf die Anfangserfolge der Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe zurückführt und auf einen Passus in den Richtlinien des KJP, in dem es heißt, „Internationale Jugendarbeit erstreckt sich auf alle Felder der Jugendhilfe“. Damit seien aber auch Arbeitsfelder angesprochen, die nicht nach den Prinzipien von Jugendarbeit funktionieren – Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit beispielsweise. Zudem entstünden neue Formate, die nicht zwingen mit internationaler Kooperation auf Augenhöhe und dem Prinzip von Hin- und Rückbegegnung in Einklang zu bringen seien.

Thimmel empfiehlt einerseits eine Begriffsschärfung und Internationale Jugendarbeit als Terminus nur dann zu benutzen, wenn es um Jugendarbeit im Sinne von § 11 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes geht, andererseits wünscht er sich neue Begriffe, die die neuen internationalen Formate zutreffend charakterisieren. Dabei empfiehlt er Begriffe wie „Internationale Module in der Kinder- und Jugendhilfe“ oder „Internationale Bildung“.

In der folgenden Diskussion mit Hans-Georg Wicke von JUGEND für Europa und Dirk Thesenvitz von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend ging es lebhaft zu.

Thesenvitz warnte davor jedes Format, das international sei und junge Menschen umfasse, für Internationale Jugendarbeit zu halten. „Auch die Bundeswehr schickt junge Leute ins Ausland und bestimmt machen sie dort auch interkulturelle Erfahrungen, aber das macht einen Auslandseinsatz eben noch nicht zur Internationalen Jugendarbeit“, so Thesenvitz. Wicke sieht, dass die Entgrenzung bereits seit langer Zeit stattfindet und es eine lebendige Realität jenseits von klassischer Internationaler Jugendarbeit gibt: Europäische und internationale Jugendprojekte werden von einer Vielzahl von Trägern inzwischen im gesamten Spektrum der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt. Selbst klassische Träger der Internationalen Jugendarbeit sind mit europäischen und internationalen Projekten in vielen anderen Bereichen unterwegs. Jenseits des KJP existieren dafür längst weitere und ähnlich bedeutsame Förderquellen, mit anderen Fördergrundlagen als dem KJHG, beispielsweise Erasmus+ JUGEND IN AKTION. Das deutsche Verständnis von internationaler Jugendarbeit fände sich in kaum einem europäischen Land wieder, auch dafür benötigt es gemeinsame Begrifflichkeiten. Wicke sieht inzwischen eine neue Phase in der internationalen Jugendarbeit, in der Europa und die europäische Zusammenarbeit als Zielstellung mehr in den Vordergrund getreten ist und gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen an Bedeutung bekommen muss. In diesem Sinne sieht auch Wicke die Notwendigkeit einer begrifflichen Neubestimmung eines gemeinsamen Daches im Sinne „europäischer und internationaler Zusammenarbeit“ und „grenzüberschreitender Mobilität“ als Oberbegriff für alle jugendbezogenen Formate einer Mobilitätsdimension. Allerdings sieht er den fachlichen Kern Internationaler Jugendarbeit weiterhin im § 11 des KJHG verortet.

Zukunftsthemen und Sichtbarkeit angesprochen

Sich verändernde internationale und nationale Rahmenbedingungen stellen die Internationale Jugendarbeit vor immer neue Herausforderungen. Zugleich kämpft das Arbeitsfeld weiterhin um Anerkennung in Politik, Kinder- und Jugendhilfe und Öffentlichkeit. Diesen beiden Komplexen war ein World Café gewidmet, das den Abschluss der Trägerkonferenz bildete. An fünf Thementischen gab es Gelegenheit zur Diskussion, aber auch zur Formulierung von Erwartungen und Forderungen.

  • Mehr Sichtbarkeit für die Internationale Jugendarbeit! – Auf dem Weg zum ersten „Jahresbericht“
    Werner Müller (transfer e.V.) stellte ein Vorhaben von „Forschung und Praxis im Dialog“ vor: Ein jährlicher Bericht soll Politik und interessierter Öffentlichkeit Auskunft darüber geben, was Internationale Jugendarbeit erreicht.
  • Anerkennung nichtformalen Lernens / Anerkennungsbündnis / Innovationsfonds
    Anne Sorge-Farner (IJAB) präsentierte das „Aktionsbündnis Anerkennung International“, das die Potenziale Internationaler Jugendarbeit für junge Menschen sichtbar machen möchte. Darüber hinaus wurden Projekte aus dem Innovationsfonds des BMFSFJ aus dem Bereich Internationale Jugendarbeit vorgestellt.
  • Inklusion in der Internationalen Jugendarbeit
    Ulrike Werner (IJAB) diskutierte das Zukunftsthema Inklusion und das mit ihm verbundene Projekt VISION:INKLUSION.
  • Zielgruppenspezifische Angebote, u.a. für junge Geflüchtete
    Claudia Mierzowski (IJAB) griff in dieser Arbeitsgruppe die Frage auf, wie bisher unterrepräsentierte Zielgruppen erreicht werden können – darunter auch junge Geflüchtete – und stelle in diesem Rahmen auch die jugendpolitische Initiative JiVE und ihre Angebote vor.
  • Herausforderungen durch aktuelle politische Entwicklungen
    Thomas Hoffmann (Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch) ging der Frage nach, wie weltweite politische Entwicklungen den internationalen Jugendaustausch beeinflusse, welche konkreten Erfahrungen es dazu gibt und welche Empfehlungen dazu ausgesprochen werden können.

Ausblick und Abschluss

Uwe Finke-Timpe dankte zum Ende der Veranstaltung allen Teilnehmenden für die inhaltliche Arbeit. In den Arbeitsgruppen am 1. Tag und den Thementischen des World Cafés am 2. Tag seien die von der in die Vorbereitung einbezogenen Programmspezifischen KJP-Arbeitsgruppe vorgeschlagenen aktuellen Inhalte diskutiert worden, die bedeutsam für die zukünftige Arbeit der Träger seien. Auch das Referat für europäische und internationale Jugendpolitik im BMFSFJ werde die Erkenntnisse und Ergebnisse der 2tägigen Trägerkonferenz in seine zukünftigen Jahresplanungen einbeziehen. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch noch einmal die von Prof. Thimmel angestoßene Diskussion um eine Begriffsbestimmung der Internationalen Jugendarbeit. „Wenn wir nach vorne schauen wollen, ist es wichtig zu wissen, wer wir sind“ sagte er abschließend.



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