Christian Herrmann

Aktionsbündnis Anerkennung International: Ein erster Aufschlag ist gemacht

Internationale Jugendarbeit wirkt, aber es mangelt ihr an Anerkennung wie den Jugendlichen, die bei einem Auslandsaufenthalt etwas gelernt haben und dennoch in den Bezügen formaler Bildung damit nicht punkten können. Kann ein „Aktionsbündnis für Anerkennung“ daran etwas ändern und wie müsste das aussehen? Am 1. und 2. März sind in Berlin etwa 50 Fachkräfte aus formaler und non-formaler Bildung dieser Frage nachgegangen.

Mehrere Personen sitzen in einer Reihe und hören aufmerksam zu.
BildImage: Christian Herrmann

„Jugendlichen bieten sich heute viele Möglichkeiten ins Ausland zu gehen. Sie verlassen dabei die gewohnte Komfortzone und wachsen in der Begegnung mit dem ‚Anderen‘“, so leitete Anne Sorge-Farner, Projektkoordinatorin der Initiativgruppe für ein „Aktionsbündnis Anerkennung International“ die zweitägige Veranstaltung in Berlin ein. Woran es mangelt, so Sorge-Farner, sei nicht die Menge der Schlüsselkompetenzen, die Jugendliche bei Auslandsaufenthalten erwerben, sondern die gesellschaftliche Anerkennung, die dem entgegengebracht werde. Damit war der inhaltliche Rahmen der Veranstaltung abgesteckt. Den formalen Rahmen dessen, was nun folgen sollte erklärte Moderator Christian Baier so: „Open Space ist die Selbstorganisation von Tagungsteilnehmern“. Dieses sehr offene Format machte in doppelter Hinsicht Sinn, es trug der Vielfalt der versammelten Organisationen Rechnung, die sich aus Vertreter(inne)n der non-formalen und formalen Bildung sowie Jugendhilfeträgern und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammensetzte, und es legte den Teilnehmer(inne)n keine Beschränkungen auf, was ihr Verständnis von Anerkennung betraf.

Entsprechend bunt war das Spektrum der Themen, die die Teilnehmer/-innen selbst setzten: Über Erziehungshilfe im Ausland wollten sie sprechen, über inklusive Jugendarbeit oder über eine Neujustierung der Internationalen Jugendarbeit. Manches davon spiegelte den hohen Bedarf nach fachlichem Austausch, anderes den Versuch ein gemeinsames Selbstverständnis über das Arbeitsfeld herzustellen. Beides offenbar nötig, um sich dem Thema Anerkennung anzunähern.

Unterschiedliche Dimensionen der Anerkennung

Im Raum „Poznan“ hatte Anne Sorge-Farner zu einem Gedankenaustausch über eine Deklaration für mehr Anerkennung geladen. Die Idee stammt aus der Slowakei. Initiiert durch das das slowakische Jugendinstitut (IUVENTA) hatten Träger der Jugendarbeit ein Selbstverständnispapier entwickelt, das von mehreren Stakeholdern unterzeichnet wurde und damit eine Kooperation und Zusammenarbeit für die Anerkennung non-formalen und informellen Lernens deklariert. Was aber soll durch wen anerkannt werden? Unterschiedliche Dimensionen zeichneten sich im Gespräch ab: Eine individuelle Anerkennung für die Leistung und den Bildungszugewinn für Jugendliche, die gesellschaftliche Anerkennung des Arbeitsfeldes, die Anerkennung des Internationalen innerhalb größerer Organisationsstrukturen als Aufgabe von Organisationsentwicklung und die Anerkennung durch Politik und Wirtschaft, die gegebenenfalls auch mit Forderungen verbunden sein muss. Gibt es etwas, das auch von Trägerseite her geleistet werden muss? Einheitliche Qualitätsstandards etwa, eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung von Standards, eine „Qualitätscharta“ vielleicht?

Im Raum „Mostar“ war man auf der Suche nach Good Practice Beispielen von Anerkennungsinstrumenten aber auch nach Initiativen, die die Leistungen Internationaler Jugendarbeit sichtbar machen.  Ein Projekt für digitale Abzeichen (Badges) stellte sich vor und die bekannten Nachweissysteme „Youth Pass“ und „Nachweise International“. Der Freiwilligendienst „Kulturweit“ verwies auf die Anerkennung durch Weiterbildung im Rahmen von Alumniarbeit und der Bayerische Jugendring stellte ein sehr niederschwelliges Angebot zur Reflexion des Kompetenzzugewinns durch Tagebücher vor. Wie formal muss ein Nachweis sein, um bei Arbeitgebern Eindruck zu machen, wie pädagogisch gerahmt muss er sein, um dem Selbstverständnis von Jugendarbeit zu entsprechen? Während sich die Einen ein einheitliches Produkt mit hohem Bekanntheitsgrad wünschten, befürchteten die Anderen, dass dies seine feldspezifische Nutzbarkeit und den Praxisbezug für den Anwendenden erschwere.

Welche Partner werden gebraucht, welche Schritte kann man gehen?

„Wer soll noch dabei sein?“ fragte sich eine Arbeitsgruppe im Raum „Leipzig“. Die Frage war ein Querschnittsthema, das immer wieder angestoßen wurde, wenn es um die gesellschaftliche Wirksamkeit des avisierten Aktionsbündnisses ging. Wirtschaftsverbände wurden genannt, wenn man im Rahmen von Jugendsozialarbeit Anerkennungsinstrumente für den Übergang von Schule – Beruf nutzen möchte. „Schule gehört dazu“, fand Susanne Schwarzenberg vom pädagogischen Austauschdienst. Das teilte auch Hans Brandtner von JUGEND für Europa und verwies auf die Bund-Länder-AG zur Umsetzung der EU-Jugendstrategie als Zugang zur Bildungspolitik der Länder. „Die Internationale Jugendarbeit gehört auch ins Curriculum der Hochschulen“, so Brandtner.

Die zweite Hälfte des zweiten Tages war der Moment der Konkretisierung. Die Teilnehmer sollten frei bestimmen, in welchem Teilbereich sie sich weiter engagieren möchten und dafür geeignete Schritte bestimmen. Es fanden sich Mitstreiter/-innen für die Stärkung der Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Trägern, für die Sichtbarmachung der Leistungen Internationaler Jugendarbeit, für die Lobbyarbeit im politischen Raum und manches mehr. Wer bisher gedacht hatte, es würde nach den breiten Disskussionen schwer sein, konkret zu werden, sah sich zur eigenen Zufriedenheit getäuscht. Die Abschlussrunde zeigte zudem ein hohes Maß an Zuversicht und Zustimmung der Teilnehmer/-innen. Die Gelegenheit zu fachlichem Austausch und Vernetzung wurde positiv hervorgehoben, ebenso wie die Perspektive in einem Projektzeitraum von zwei Jahren etwas gemeinsam bewegen zu können, das die Internationale Jugendarbeit nach vorne bringt. Ein Anfang ist gemacht.

Die Dokumentation des Open Space mit allen erarbeiteten Themen und weiteren Vorhaben gibt es hier zum Download: http://www.buendnis-anerkennung.de/app/download/12800512735/Dokumentation-Gesamt_Aktionsbuendnis.pdf?t=1457518131

Stimmen zur Veranstaltung

Wir möchten formale und non-formale Bildung miteinander vernetzen


Irene Joos, Robert Bosch Stiftung

Interview mit Irene Joos, Robert Bosch Stiftung

Frau Joos, was hat die Robert Bosch Stiftung dazu bewogen, die Auftaktveranstaltung des Aktionsbündnisses zu fördern?

Irene Joos: Vor gut einem Jahr haben wir unser Handlungsfeld internationale Bildung aufgestellt. Wir haben das unter dem Leitgedanken getan, dass jedem jungen Menschen eine Auslandserfahrung ermöglicht werden sollte. Eines unserer Kernanliegen ist, den internationalen Schüler- und Jugendaustausch aufzuwerten und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wertvoll solche internationalen Erfahrungen sind – für den jungen Menschen selbst, für die Gesellschaft und letztlich auch für die internationale Verständigung.
Was die Stiftung beitragen kann, ist eine Plattform für den Austausch zu bieten und Akteure zusammenzubringen. Wir fördern auch „Austausch macht Schule“, eine Initiative, die den internationalen Schüleraustausch stärken möchte. Das Aktionsbündnis deckt die non-formale Bildung ab. Wir sehen eine große Chance darin, wenn sich beide Bereiche miteinander vernetzen.

Was war ihr Eindruck von der Tagung? War das ein gelungener Start?

Irene Joos: Die Internationale Jugendarbeit ist ein sehr breites Feld mit einer Vielzahl von Formaten und Akteuren mit ganz unterschiedlichen Perspektiven. Entsprechend groß war das Bedürfnis nach Austausch und Verständigung. Trotz unterschiedlicher Perspektiven wurde deutlich, welches übergeordnete Ziel alle Beteiligten verfolgen, nämlich möglichst vielen jungen Menschen eine für ihr Leben prägende internationale Erfahrung zu ermöglichen. Sehr positiv und motivierend war, dass am Ende konkrete Ergebnisse standen und man sich auf erste gemeinsame Schritte verständigen konnte.

Sie haben die Vielfalt im Arbeitsfeld Internationale Jugendarbeit beschrieben. Dazu gehören auch die großen Träger, die nicht ausschließlich internationale Projekte durchführen. Dort wird eher an der Entwicklung des Internationalen als Qualitätsmerkmal gearbeitet. Ist Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe ein Stichwort für sie?

Irene Joos: Eines unserer Hauptanliegen ist es, Zielgruppen für den internationalen Austausch zu gewinnen, die bislang wenig vertreten sind. Die Frage ist, wie das gelingen kann. Ein Weg kann sein, dass sich Einrichtungen, die bereits im nationalen Kontext mit diesen Zielgruppen arbeiten, für den internationalen Austausch öffnen.
Unabhängig davon sind wir davon überzeugt, dass Internationalisierung für die Institution selbst – ob Träger der Jugendarbeit oder Schule – einen Mehrwert bietet und positive Auswirkungen auf deren  Entwicklung als Organisation hat.

Mir geht es um formale Rahmenbedingungen und um strukturelle Voraussetzungen


Alexander Hauser, Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit BAGKJS

Interview mit Alexander Hauser, Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit BAGKJS

Herr Hauser, was sind ihre Eindrücke nach zwei Veranstaltungstagen zum Thema Anerkennung?

Alexander Hauser: Die Ausgangsvoraussetzungen waren etwas diffus, es musste viel Grundsätzliches zur Internationalen Jugendarbeit geklärt werden, dann kam man aber doch näher ans Thema. Eine offene Frage war, auf welcher Ebene wir über Anerkennung sprechen. Geht es um Anerkennung, die Jugendliche erfahren, die den Trägern entgegengebracht wird oder um die Anerkennung durch Arbeitgeber? Mir ist es zudem ein besonderes Anliegen, dass Internationale Jugendarbeit Anerkennung innerhalb größerer Träger findet, die sich übergreifender mit Jugendarbeit beschäftigen, die Träger der Jugendsozialarbeit zum Beispiel. Wie können wir dort Internationale Jugendarbeit als Qualitätsmerkmal verankern und ihr die nötige Anerkennung verschaffen?

Sind diese unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche Seiten derselben Medaille?

Alexander Hauser: Ja, natürlich, die unterschiedlichen Seiten gehören zusammen. Das musste erst sortiert und durchdekliniert werden. Das reicht von ganz formalen Aspekten der Anerkennung bis hin zu etwas fast moralischem. Mir geht es um formale Rahmenbedingungen und um strukturelle Voraussetzungen. Jugendliche müssen bei einer Bewerbung mit ihren bei einem Auslandsaufenthalt oder einem Jugendaustausch erworbenen Kompetenzen beim Arbeitgeber punkten können. Dafür brauchen wir eine Anerkennungskultur auch auf der politischen und kommunalpolitischen Ebene. Das ist natürlich eine Betrachtungsweise, die eher typisch für das Arbeitsfeld Jugendsozialarbeit ist. Mir fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich die Herangehensweise von Organisationen ist, die ausschließlich internationale Projekte durchführen, und denen, die arbeitsfeldübergreifende Strukturen haben, innerhalb derer wir uns für Internationalisierung und Europäisierung einsetzen. Für uns sind zum Beispiel die Jugendlichen, die unter dem Stichwort „Fachkräftemangel“ aus ganz Europa nach Deutschland kommen, um hier eine Ausbildung zu beginnen oder einen Arbeitsplatz suchen, eine wichtige Zielgruppe. Sie müssen auf das vorbereitet werden, was sie hier vorfinden, wir müssen diese zuwandernden Jugendlichen begleiten und unterstützen – und auch schützen.

Widerspricht die Formalisierung von Anerkennung nicht dem Gedanken der Freiwilligkeit, die ein wichtiges Element non-formaler Bildung ist?

Alexander Hauser: Jugendsozialarbeiter haben da wahrscheinlich eine andere Herangehensweise. Versuchen Sie es mal aus der Perspektive der Jugendlichen zu denken, vor allem der benachteiligten Jugendlichen. Die wollen wir ja mitnehmen. Bei ihnen ist der Zugewinn im internationalen Austausch viel größer, als bei anderen. Sie werden selbstbewusster, erwerben interkulturelle Kompetenz, haben sich schon mal in einen anderen Sprachraum gewagt. Bei einem Jugendlichen kann im Lebenslauf, außer einem Schulabschluss, noch nicht viel stehen. Da zählt dann die Teilnahme an einem internationalen Austausch schon was und ich habe keine Bauchschmerzen, wenn sie damit versuchen beim Arbeitgeber zu punkten. Viele Jugendliche, mit denen wir zu tun haben, bringen gerade als Neuzugewanderte schon interkulturelle und Sprachkompetenzen mit, haben Mobilitätserfahrung, die es anzuerkennen gilt. Auf der andern Seite teilen auch junge Menschen mit Migrationshintergrund mit anderen Gleichaltrigen die eingeschränkte Mobilität, kommen kaum aus ihrem Stadtteil heraus. Die Mobilitätserfahrung, die sie mit uns machen, sind für sie ein wichtiger Zugewinn und das wissen auch Arbeitgeber. Es ist ja kein Zufall, dass bei Erasmus+ auch Auslandspraktika verankert sind.

Die Deklaration ist ein Auftakt für mehr


Gunnar Grüttner, Deutsches Jugendherbergswerk e.V.

Interview mit Gunnar Grüttner, Deutsches Jugendherbergswerk e.V.

Herr Grüttner, was soll durch wen anerkannt werden?

Gunnar Grüttner: Wir sollten zunächst definieren, wen wir als Partner des Aktionsbündnisses gewinnen möchten und an welche Adressaten wir uns wenden. Von wem fordern wir etwas, wen müssen wir überzeugen? Dabei gibt es verschiedene Ebenen: Es gibt die Bedarfe des Arbeitsfeldes, die individuelle Anerkennung für Jugendliche, und schließlich die Anerkennung non-formal erworbener Qualifikationen in Hinblick auf Wirtschaft und Ausbildung. Manche Partner könnten überrascht sein, wenn wir sie ansprechen; Wirtschaftsverbände zum Beispiel oder die Bundesagentur für Arbeit. Ein Kollege hat das vorhin in der Diskussion schön formuliert: Bevor Jugendliche Grenzen überschreiten können, müssen wir Grenzen überschreiten und neue Partner finden.

Was interessiert das Deutsche Jugendherbergswerk am Thema Anerkennung?

Gunnar Grüttner: Wir sind ja kein reiner Anbieter von Infrastruktur, bei dem nur dafür gesorgt wird, dass die Zimmer sauber sind und das Frühstück auf dem Tisch steht. Wir sind keine Hotelkette sondern ein gemeinnütziger Verband und Träger der Jugendhilfe. Wir bieten internationalen Austausch und Bildungsprogramme an, das motiviert uns; das Thema Anerkennung ist uns ein Herzensanliegen. Außerdem haben wir Mitgliedsorganisationen, den Deutschen Bundesjugendring oder die kommunalen Spitzenverbände zum Beispiel. Sie arbeiten bewusst am Jugendherbergswerk mit und binden es in die Zivilgesellschaft ein. Auf Länderebene oder regional stellt sich das ganz ähnlich dar.

Auf der Tagung war von einer Deklaration die Rede, mit der sich das Aktionsbündnis konstituieren soll. Welchen Zeitplan stellen Sie sich vor?

Gunnar Grüttner: Ich bin grundsätzlich ein Freund ambitionierterer Zeitpläne, das diszipliniert uns bei dieser wichtigen Aufgabe und ein bisschen Druck fördert auch die Produktivität. Ich stelle mir also eher einen Zeitrahmen von einem Jahr und nicht von fünf Jahren vor. Das Vorhaben eines Aktionsbündnisses darf sich nicht in der Alltagsarbeit verlieren. Und außerdem sehe ich die Deklaration als einen Auftakt für mehr – sie ist kein Endpunkt, sondern ein Anfang.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0


Auftaktveranstaltung "Aktionsbündnis Anerkennung International", Berlin 2016

Begleiten Sie uns

RSS-Feed abonnieren IJAB auf Facebook IJAB-Alumni-Gruppe auf Facebook IJAB auf Twitter IJAB auf YouTube

Newsletter