Cathrin Piesche

Nachgefragt: Im Gespräch mit dem Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. über das Arbeitsfeld „Hilfen zur Erziehung“

Seit Dezember 2013 ist der Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. Mitglied von IJAB. Im letzten Jahr startete der Fachbereich „Hilfen zur Erziehung“ des Bundesverbandes seine Mitarbeit im „Aktionsbündnis Anerkennung International“ von IJAB, das sich für die gesellschaftliche Anerkennung von Kompetenzerwerb in der internationalen Jugendarbeit einsetzt. Grund für uns mit Eva Felka und Heike Lorenz vom FB „Hilfen zur Erziehung“ ins Gespräch zu kommen.

Pilotversuch 2014/15 - Qualifizierung zum KNI-Coach für das Arbeitsfeld Hilfen zur Erziehung im Ausland BildImage: Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V.


Eva Felka, Vorstand im Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik

Heike Lorenz leitet von 2001-2008 den Bundesverband (BE) und ist Auditorin der ersten Stunde des beQ-Qualtätssiegels des BE.
Heike Lorenz leitete von 2001-2008 den Bundesverband (BE) und ist Auditorin der ersten Stunde des beQ-Qualtätssiegels des BE

ijab.de: Was versteht man genau unter „Individualpädagogik im Ausland“?

Felka / Lorenz: Hilfen zur Erziehung sind in Deutschland über das SGB VIII, § § 27 ff geregelt. Individualpädagogische Hilfen im Ausland sind ein eigenständiges Segment, die insbesondere in den §§ 34/35 SGB VIII verankert sind.

Die Möglichkeiten, Familien, Kindern und Jugendlichen Unterstützung anzubieten, sind in unserem deutschen Jugendhilfesystem sehr differenziert. Wenn ein Familiensystem keine angemessene Entwicklungsförderung, Schutz und Pflege für seine Kinder gewährleisten kann, kann das Jugendamt den Familien u.a. eine sogenannte stationäre Unterbringung für die Kinder und Jugendlichen anbieten. Das SGB VIII fordert, abhängig von Alter, Entwicklungsstand und sonstigen Bedarfen ein möglichst optimales Hilfeangebot auszuwählen. Das können sowohl eine Unterbringung in einer Heimgruppe wie auch eine individuelle Betreuung im In- oder Ausland sein.

Der Gesetzgeber sieht als wichtigen Indikator für das geforderte Optimum eine möglichst große Passgenauigkeit zwischen den Entwicklungsnotwendigkeiten und Unterstützungsbedarfen der Jugendlichen einerseits und dem Rahmen / dem Leistungsprofil  einer Unterbringungsform auf der anderen Seite.

Seit der grundlegenden Reform des deutschen Kinder- und Jugendhilferechts im Jahr 1991 ist es möglich, anspruchsberechtigte Kinder und Jugendliche im Ausland – beispielsweise in sogenannten Projektstellen – zu betreuen. In der Regel werden Jugendliche dort einzeln oder zu zweit in Familien durch deutsche Pädagogen,  die ihren Wohnsitz im Gastland haben oder aber durch entsprechend fachlich geschultes Personal des Gastlandes betreut. In diesem Kontext ist es ebenso möglich, die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen in sogenannten Reiseprojekten zu unterstützen. Letztgenannte Hilfeform kann z.B. bei krisenhaften Zuspitzungen der Lebenssituation von Jugendlichen in Deutschland zum Einsatz kommen.

ijab.de: Warum ist gerade hierbei  auch Internationale Jugendarbeit wichtig? Was können individualpädagogische Maßnahmen im Ausland bewirken?

Felka / Lorenz: Seit den 1990iger Jahren erforschen deutsche Pädagogen die Auswirkungen von Auslandsaufenthalten für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung. Entstanden ist dieser Hilfeansatz aus der Erfahrung der Begrenztheit traditioneller Regelangebote in Deutschland für bestimmte Zielgruppen.

Ausgehend von selbst gemachten positiven Erfahrungen auf Reisen, während längerer Auslandsaufenthalte oder der eigenen Umsiedlung in ein anderes Land stellten Pädagogen sich die Frage, ob sich  für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen mit besonderen Hilfebedarfen ebenfalls positive und vielleicht sogar erfolgreichere Effekte für die Persönlichkeitsentwicklung  erzielen ließen.

Nach dem Motto: ein Auslandsaufenthalt bildet, erweitert den Horizont und ermöglicht neue Perspektiven, wurden – zunächst in zahlreichen praktischen Feldversuchen – Wirkmöglichkeiten erkundet. (vgl. Willy Klawe*)

Eingesetzt wurden diese Hilfen lange Zeit insbesondere in der Arbeit mit sehr schwer erreichbaren, oft bindungsgestörten jungen Menschen, die enorme biografische Belastungen zu verarbeiten  haben.

Es gibt Hilfeverläufe, in denen der Wechsel in einen signifikant anderen Kulturkreis wie eine Eingangstür zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität , den eigenen Lebensperspektiven, -erwartungen  und Zielen wirkt – bekannte Muster, alte Routinen können im neuen Umfeld umgedeutet, bedeutungs- oder wirkungslos werden. Stattdessen werden im Schutz eines neuen, anderen und zunächst neutralen Rahmens Erfahrungen, Schlussfolgerungen hinterfragt und neu geordnet – für viele der im Ausland betreuten Jugendlichen eine einzigartige, manchmal auch die einzige Chance, Fuß im eigenen Leben zu fassen.

Die sichtbaren Erfolge sind mittlerweile durch unterschiedlichste Studien belegt. Das Ergebnis der InHAus Studie des IKJ in Mainz* z.B. hat ergeben, dass trotz einer komplexen und breit gestreuten defizitären Ausgangslage der im Ausland betreuten Jugendlichen und einer gegenüber in Inlandsmaßnahmen betreuten Jugendlichen deutlich ungünstigeren Ausgangslage Betreuungen im Ausland mit 88,5 % außerordentlich erfolgreich waren.

ijab.de: Sie haben den Mut gehabt, für Ihre Arbeit den von IJAB entwickelten „Kompetenznachweis International“ einzusetzen und zu erproben. Der KNI macht die individuellen Kompetenzen, die Jugendliche in Projekten im Ausland erworben und gezeigt haben, sichtbar. Was sind Ihre Erfahrungen mit diesem Nachweissystem, lässt es sich auch für die von Ihnen durchgeführten Maßnahmen im Ausland nutzen?

Felka/Lorenz: Der KNI ist für unsere betreuten Kinder und Jugendlichen  im Ausland eine sehr wertvolle Anerkennung ihres Kompetenz-Zuwachses im Bereich des nicht-formalen Lernens und somit Teil des Lissabon-Prozesses der EU-Länder. Darüber hinaus kann der KNI dazu beitragen, dass der Auslandsaufenthalt nicht stigmatisierend, sondern bereichernd in die Biographie  eingeflochten und wahrgenommen werden kann: unsere Jugendlichen erhalten durch den Nachweis eine Anerkennung und Wertschätzung ihres Engagements im Ausland und erarbeiten selbst ein nachhaltiges Dokument ihres Lebensweges mit.

Wir fördern überdies Chancengleichheit:  im Kontext aller jungen Menschen, die in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung vom Nachweis ihrer Kompetenzen in internationalen Begegnungen profitieren, können sich mit dem KNI auch benachteiligte Jugendliche profilieren und  damit ihre Ausgangslage im Rennen um Ausbildungs- und Arbeitsplätze verbessern .

Gleichzeitig unterstützt der Einsatz des KNI durch sein dialogisches und partizipatives Prinzip die Qualität und Verbesserung der pädagogischen Arbeit vor Ort. Last but not least begünstigt die Arbeit mit dem KNI den erforderlichen Paradigmenwechsel in der Ausgestaltung der Hilfen im Ausland: weniger Defizit- und individuelle Orientierung, mehr konsequente Nutzung der Entwicklungsmöglichkeiten und Einbettung der Hilfeprozesse in kulturspezifische Möglichkeiten (vgl. Willy Klawe*).

ijab.de: Sie sind aus diesem Grund im letzten Jahr Teil des frisch gegründeten Aktionsbündnis Anerkennung International geworden und haben einen eigenen Arbeitskreis Hilfen zur Erziehung im Ausland und Kompetenznachweis International gegründet. Wie läuft die Arbeit im Arbeitskreis und welche Ziele verfolgen Sie künftig?

Felka / Lorenz: In unseren ersten Schritten haben wir die Systematik des KNI auf ihre Übertragbarkeit für den Bereich der Hilfen zur Erziehung im Ausland geprüft. Hier haben wir bereits während der Pilotphase in unserer eigenen Coach-Ausbildung wertvolle Anregungen zur Anwendung in der Praxis sammeln können.

Aktuell stehen wir unmittelbar vor dem Abschluss der Anpassung der Kompetenz-Systematik an den neuen Bereich.

In einem nächsten Schritt wird es jetzt um die notwendige Anpassung des Handbuches gehen. Dabei werden feldspezifische Aspekte in einer ergänzenden Arbeitshilfe zum bestehenden Handbuch erarbeitet, um eine gute Umsetzbarkeit für die Praktiker/-innen aus dem HzE-Bereich vorzubereiten.

Die sehr enge und konstruktive Zusammenarbeit im AK mit Anne Sorge-Farner von der IJAB und Ines Gast vom Jugendwerk Nordhausen ist eine enorme Bereicherung und beflügelt unseren Prozess sehr.

Wir werben dafür, den KNI möglichst flächendeckend in den Individualpädagogischen Hilfen im Ausland einzusetzen. Dabei wollen wir nicht nur die Anbieter der Hilfen für die Nutzung des KNI gewinnen - wir wollen alle an einem Hilfeprozess beteiligten Stellen und Personen vom Sinn,  Nutzen und den Chancen des Instruments überzeugen und dazu beitragen, dass es künftig fester Bestandteil der Hilfeplanung für Auslandsmaßnahmen wird.

Um diese Ziele erreichen zu können, werden wir unsere bestehenden Netzwerke nutzen und neue strategische Allianzen schmieden- wir freuen uns darauf!

*Willy Klawe, Verläufe und Wirkfaktoren Individualpädagogischer Maßnahmen, eine explorativ-rekonstruktive Studie, im Auftrag AIM, Köln 2010.
** Klein, Arnold, Macsenaere, InHAus Individualpädagogische Hilfen im Ausland: Evaluation, Effektivität, Effizienz, Lambertus Band 39, Freiburg 2013.

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