Lisa Brüßler

Anerkennung stärken - Jugendliche aktiv einbinden: Abschlussveranstaltung der Innovationsfondsprojekte Internationale Jugendarbeit

Wie können Sichtbarkeit und Anerkennung von Internationaler Jugendarbeit erhöht werden? Wie kann Partizipation gestärkt werden und können Kooperationen gelingen? Diese und weitere Fragen zur Übertragbarkeit von Erkenntnissen aus zwei Jahren Projektarbeit standen im Mittelpunkt der Abschlussveranstaltung der Innovationsfondsprojekte aus dem Bereich Internationale Jugendarbeit in Frankfurt.

BildImage: Lisa Brüßler | IJAB

„Mit der Einführung des Innovationsfonds im Jahr 2012 ging es uns darum, neue politische Herangehensweisen mithilfe konkreter Projekte in die Breite zu tragen“, sagte Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Begrüßung. Am Vortag hatten sich die Projektteilnehmer/-innen der Innovationsfondsprojekte Gedanken zur Übertragbarkeit der Themen Partizipation, Kooperationen, Nachweissysteme und Sichtbarkeit gemacht und Statements formuliert, über die nun mit der Fachöffentlichkeit diskutiert wurde. „Als non-formales Bildungsangebot ist die Internationale Jugendarbeit in besonderer Weise geeignet, individuelle Kompetenzen zu stärken und kann zukunftsweisend für gesellschaftliche Kompetenzen sein, die das formale Bildungssystem nicht leisten kann“, betonte Klein-Reinhardt.

Signal von der politischen Ebene muss kommen

Das sahen die Mitglieder der Jugendredaktion „innovativ international“ ähnlich. Sie haben die Innovationsfondsprojekte medial begleitet und eine Umfrage zum Thema Anerkennung und Wertschätzung Internationaler Jugendarbeit unter den jugendlichen Teilnehmenden der geförderten Innovationsfonds-Projekte durchgeführt. „Wir haben festgestellt, dass es die meiste Anerkennung im näheren Umfeld der Teilnehmer und in den Medien gibt. Aber auf der politischen Ebene fehlt die Anerkennung und Wertschätzung der internationalen Jugendarbeit“, fasste Amanda Beser von der Jugendredaktion den Eindruck der Jugendlichen zusammen. Das wäre aber wichtig, denn durch die Anerkennung würden Bewerbung und Teilnehmerwerbung der Projekte vereinfacht, die Projekte bekannter und damit auch wichtiger in den Köpfen der Menschen.
„Wenn wir über Anerkennung von internationaler Jugendarbeit reden, habe ich ein ganz konkretes Beispiel“, warf Tobias Köck vom Deutschen Bundesjugendring ein: „Als ich den Berufseinstieg machte, hat mein ehrenamtliches Engagement sicher nicht geschadet den Job zu bekommen, aber als es darum ging, eine Freistellung für die Tätigkeit zu bekommen, ging das nicht.“ Köck diskutierte mit Manfred von Hebel von JUGEND für Europa und Nils Rusche von der Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft” auf Grundlage der Statements der Projektgruppen.

Das erste Statement zum Thema Partizipation formulierte Johannes Bergunder von der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt: „Partizipation muss in politischen Strukturen verankert werden und zur Normalität werden. Wir müssen uns fragen, wie wir den peer-to-peer Ansatz stärken können und die Zielgruppe besser erreichen können.“ Dem konnte Nils Rusche nur zustimmen: „Sobald wir unseren Bereich verlassen, sieht man große Ängste, die es abzubauen gilt. Ich denke, dass kleine Schritte hier der Weg zu einem Kultur- und Strukturwandel ebnen werden. Nur müssen wir diesen positiven Trend noch weiter vorantreiben.“ Manfred von Hebel ergänzte, dass Partizipation, verstanden als Tun und Handeln, eines der wenigen wirksamen Instrumente gegen die aktuelle politische Situation, die wir gerade in Europa erleben, sei.

Verstetigung wünschenswert

Thomas Hetzer vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk stellte das zweite Statement vor: „Es muss lernende Kooperationen geben, ein Verständnis für verschiedene Arbeitsrhythmen und Arbeitskulturen. Erfahrungswissen aus den Kooperationen muss zudem personenunabhängig festgehalten werden.“ „Bei immer knapper werdenden Zeitressourcen und Stellenkürzungen ist diese lobenswerte Form von Verstetigung aber kaum noch leistbar“, warf Nils Rusche ein, „Hauptamtlichkeit stellt Dauerhaftigkeit her und die wird ja abgebaut.“  Es gäbe bereits gute Ansätze und Ideen, wie zum Beispiel Werkstattgespräche in Jobcentern und Agenturen, um die Leute zu sensibilisieren, sagte Manfred von Hebel – es sei mehr die Frage, ob die Zuständigen das auch erkennen und weitertragen.
 
Das dritte Statement „Nachweissysteme sollen untereinander kompatibel sein“ formulierte Sebastian Welter vom Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben: „Durch die aktive Beteiligung von Jugendlichen gewinnen die Nachweissysteme an Authentizität und Akzeptanz bei der Zielgruppe und ihrem Umfeld“, sagte er. „Wir haben mit dem Youthpass ein zentrales Instrument entwickelt und uns intensiv mit dem Thema beschäftigt, aber ich habe das Gefühl, dass die Dynamik nachgelassen hat. Deswegen müssen wir dranbleiben“, bestärkte von Hebel. Die Diskussion wurde kontroverser: „Nachweissysteme sollen wertschätzend und bewertend sein und auch der Begriff Verwertbarkeit ist schwierig, weil die vielleicht gar nicht messbar ist“, sagte Tobias Köck, gleichzeitig sollen Nachweise aber ehrenamtliches Engagement sichtbar machen und zertifizieren. Besonders für Jugendliche aus bildungsfernen Schichten sei das etwa bei einer Bewerbung für einen Ausbildungsplatz immens wichtig, hielt Angela Nowaczek vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft entgegen.

Das vierte Statement betraf die öffentliche Wahrnehmung und Sichtbarkeit: „Wenn man darüber spricht, wie macht man ein Projekt sichtbar machen möchte, muss zunächst überlegt weden, an welche Zielgruppen man es herantragen möchte“, sagte Babette Pohle vom Projekt wir weit weg – Internationale Jugendarbeit trifft Schule. Zielgruppen erschließen und Medien für das Thema zu begeistern – diese Strategie sollte bei der Projektkonzeption bereits mitgedacht werden. „Um die Innovationsfondsprojekte schon beim Start hier zu unterstützen“, sagte Nils Rusche, „werden wir stärker als bisher im Rahmen der Jugendstrategie Handeln für eine Jugendgerechte Gesellschaft dieVielfallt und die innovativen Aspekte der Projekte hervorheben und somit die Sichtbarkeit nach außen vergrößern.“

Jugendliche aktiv in Verfahren einbinden

Bei einem Gallerywalk hatten die Projektteilnehmer/-innen zudem die Möglichkeit ihre Projekte genauer vorzustellen.Beispielsweise konnten sich die Interessierten über ein Projekt des Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben informieren: Mit dem Projekt „SCRIPT-Verfahren zur kompetenzbezogenen Erfassung von Lernleistungen im Rahmen internationaler Jugendbegegnungen“ wurde ein Onlineinstrument entwickelt, bei dem junge Menschen ihre internationalen Erfahrungen mit einem Fragebogen, der einen Storytelling-Ansatz wählt, einschätzen und beschreiben. Dort wird etwa nicht formuliert „Ich bin durch den Austausch kommunikativer geworden“, sondern „ich traue mich eher, mich auf einer anderen Sprache zu äußern“. „Der Fragebogen wird gut von unseren Jugendlichen angenommen. Man kann ihn zudem auch an die jeweilige Zielgruppe anpassen, zum Beispiel wenn niedrigschwellige Formulierungen nötig sind“, erzählte Sebastian Welter vom SCRIPT-Projekt. Bisher wurde der Fragebogen nur beim Verein selbst genutzt, aber Welter würde SCRIPT gerne für andere Träger internationaler Austauschprojekt öffnen. Interesse gab es genug, Kontaktdaten wurden ausgetauscht und Nutzerprofile angelegt.

Ein weiteres Projekt, das Jugendliche abholt, wo sie stehen, ist das Projekt „wir weit weg – Internationale Jugendarbeit trifft Schule“ des Amts für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig. „Einen Großteil ihrer Zeit verbringen Jugendliche in der Schule. Deswegen sind ehrenamtliche Trainer in Leipziger Oberschulen gegangen und haben dort zusammen mit Jugendlichen der 7. bis 9. Klassen Jugendaustausche organisiert“, erzählte Babette Pohle vom Projekt. Oberschulen sollten es sein, weil man sich an Jugendliche richten wollte, die man sonst nur schwer erreichen könne und sonst nicht an Jugendbegegnungen teilnehmen würden. Die Schule diente vor allem als Treffpunkt und als Ort um die Jugendlichen zu erreichen – danach fand alles auf freiwilliger Basis statt. Über ein Jahr trafen sich Schüler/-innen und Trainer/-innen einmal wöchentlich, schrieben Anträge für Erasmus+ Mittel und wurden bei der Abrechnung unterstützt. Manche Klassen haben jetzt sogar eine Rückbegegnung beantragt. „Am Anfang waren die Schüler von so viel Freiheit etwas überfordert, weil sie strengere Vorgaben gewohnt sind, aber beim Austausch in Italien und Spanien drehten sie dann selbstständig Videos und schnitten sie danach auch“, erzählt Pohle. Wenn Pohle sich etwas wünschen könnte, dann wären es ehrenamtliche Trainer/-innen und etwas mehr Anerkennung durch die Lehrkräfte, die weder bei den Austauschen mitgemacht haben, noch durch Nachfragen die Arbeit der Jugendlichen wertgeschätzt haben.

Der Blick von Außen

Wissenschaftler Manfred Zentner von der Donau Universität Krems blieb skeptisch bei der Frage, ob auch gesellschaftlich etwas verändert werden könne: „Wir erreichen die treibenden Kräfte der Gruppen, die momentan Stimmung machen nicht, sondern reden immer mit Zielgruppen, die ohnehin schon offen sind. Der tatsächliche Veränderungsprozess dauert sehr lange und man darf nicht erwarten, dass die internationale Jugendarbeit dieses Ziel allein erreichen kann.“ Ein erster Ansatz kann das Aktionsbündnis Anerkennung, eine bundesweite Initiative von IJAB, sein. Über die Plattform und Austausch und Vernetzung soll die gesellschaftliche Anerkennung erhöht werden. Das Bündnis sei eine gute Möglichkeit die Erkenntnisse aus den Innofondsprojekten weiterzuentwickeln, warb Projektleiterin Anne Sorge-Farner dafür, sich im Bündnis aktiv mit seinen Ideen einzubringen.

Tobias Köck beeindruckte die Vielfalt der engagierten Projekte des Innovationsfonds´, die die Möglichkeit bieten sich weiter zu vernetzen und die gute Praxis weiterzutragen. Er selbst nahm als Impuls aus der Abschlusstagung mit, sich im Besonderen für mehr Freiräume für ehrenamtliches Engagement in der Internationalen Jugendarbeit einzusetzen und gleichzeitig dafür zu kämpfen, dass dieses Engagement auch gesellschaftlich anerkannt werde.

Nachdem in den letzten Jahren die Dynamik im Prozess der Anerkennung des non-formalen Lernens nachgelassen habe, freute sich Manfred von Hebel, dass die Innovationsfondsrunde 2014-2016 das Thema zum Schwerpunkt hatte. Er werde den Anerkennungsprozess weiter unterstützen und vorantreiben. Die Erfahrungen und Ergebnisse der Projekte seien wichtig, um insgesamt das Thema auf europäischer Ebene weiterzuentwickeln.

Nils Rusche sah in der Forderung, dass Jugendliche ein Recht auf Unterstützung bei der Reflexion und Sichtbarmachung von Lernerfahrungen haben, eine wichtige Aufgabe, die er im Rahmen der Jugendstrategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ in Zukunft aufgreifen will. Mithilfe von Nachweissystemen das Bild der Jugend in der Gesellschaft zu stärken und die Wirkung Internationaler Jugendarbeit sichtbarer zu machen, wolle er in die weiteren Diskussionen mitnehmen.

Die Abschlussveranstaltung wurde von IJAB im Rahmen einer fachlichen Begleitung der bewilligten Projekte innerhalb der gesamten Projektlaufzeit von 2014 – 2016 organisiert. Ziel war es, den fachlichen Austausch der Projektverantwortlichen untereinander zu fördern, eine Vernetzung zu ermöglichen sowie einen Rahmen dafür zu schaffen, die innovativen Impulse der Projekte herausarbeiten, ihre Übertragbarkeit zu prüfen und für das Feld der internationalen Jugendarbeit nutzbar zu machen.



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