Christian Herrmann

JugendBarcamp: Internationale Jugendarbeit braucht Sichtbarkeit und Wertschätzung

In Berlin haben Jugendliche, die an durch den Innovationsfonds im Kinder- und Jugendplan des Bundes geförderten internationalen Projekten teilgenommen oder diese mit Jugendredaktionen medial begleitet haben, Bilanz gezogen. Sie wünschen sich mehr Wahrnehmung durch Politik und Gesellschaft und ein positiveres Bild von Jugend.

BildImage: Christian Herrmann

„Wenn wir im Jugendzentrum erzählen, dass wir demnächst nach Rumänien fahren, dann heißt es ‚ach ne, da wird man ja doch nur von den Zigeunern beklaut‘“, erzählt Jenny Bereziuk vom SKM Köln. „Und wenn wir am Ende abreisen, dann liegen sich alle in den Armen“, ergänzt ein Betreuer, der mit Jugendlichen an einem internationalen Workcamp teilgenommen hat. Die 40 Jugendlichen, die vom 30. September bis 2. Oktober am JugendBarcamp „Innovativ International“ im Berliner Centre Francais teilnahmen, können das aus ihrer Sicht bestätigen. Ihr Blick auf die Welt hat sich verändert, sie sind selbstsicherer geworden, versichern sie. „Ich bin überhaupt kein kommunikativer Typ“, sagt Teuta Berisha aus dem Kosovo, die an internationalen Jugendbegegnungen im Rahmen des Projekts Trialog München – Ljubljana – Pristina des Euro-Trainings-Centre ETC e.V. teilgenommen hat, „ich hatte Schwierigkeiten auf andere zuzugehen und mich verständlich zu machen. Die internationalen Projekte, an denen ich teilgenommen habe, haben mich verändert.“ Wie können mehr junge Menschen solche Erfahrungen machen? Was ist nötig, damit Internationale Jugendarbeit sichtbarer wird? Was, damit junge Menschen die gesellschaftliche, politische und persönliche Anerkennung bekommen, die sie sich wünschen? Das JugendBarcamp versucht zwei Tage lang eine Annährung.

Unterschiedliche Interessen

Die Jugendlichen, die nach Berlin gekommen sind, sind mit unterschiedlichen Erwartungen angereist. Ein Teil von ihnen hat selbst an internationalen Projekten teilgenommen. Mit ewoca³ - for everyone sind sie in Dänemark gewesen, haben dort an einem Wikingerboot gebaut, das in der Ukraine weitergebaut werden wird. Andere haben mit den Learning Badges ein eigenes Anerkennungssystem entwickelt, dessen „Zertifikate“ man nicht verlieren kann, weil sie online-basiert sind. Beim Projekt Trialog haben Jugendliche aus München, Ljubljana und Pristina zusammengearbeitet. Das Centre Francais hat gleich eine ganze Serie deutsch-französischer Begegnungen mit originellen Formaten umgesetzt und diese später medial umgesetzt, um die Ergebnisse nach außen sichtbar zu machen. Diese Jugendlichen wollen vor allem ihre Erfahrungen austauschen, wollen wissen, was andere erlebt haben, wollen darüber nachdenken, wie auch andere Erfahrungen wie sie selbst machen können.

Mehr Sichtbarkeit und Anerkennung für ihre Projekte und ihre Leistungen wünschen sie sich. „Ich möchte in der Schule davon profitieren können, wenn ich Wissen aus einem Projekt einbringe“, hofft eine Teilnehmerin. „Die könnten uns zum Beispiel für eine internationale Begegnung freistellen“, sagt ein anderer Teilnehmer. Aber auch an Politik und Gesellschaft hat man Erwartungen: „Politiker sollen zuhören, wenn wir etwas zu sagen haben“, „mit unseren Projekten leisten wir doch etwas, was allen zugutekommt, unser Bild in der Öffentlichkeit sollte eigentlich besser sein“, heißt es. Aber was genau muss besser werden? Mithilfe von Anne Sorge-Farner und Christoph Bruners – beide von IJAB – wird ein Online-Fragebogen entwickelt, der sich an die Teilnehmenden der geförderten Innovationsfonds-Projekte richtet und die Vorteile einer Teilnahme an internationalen Projekten sowie deren Wertschätzung in den Mittelpunkt stellt. Die ersten Ergebnisse werden zum Abschluss des Barcamps präsentiert.

Eine zweite Gruppe besteht aus den Mitgliedern der Jugendredaktionen, die die internationalen Projekte aus dem Innovationsfond während der letzten zwei Jahre medial begleitet haben. Ihre Berichte haben sie unter http://innovativ-international.de/ veröffentlicht. Die Mit-Organisatoren von mediale pfade.de haben sich für sie ein Programm einfallen lassen, das die klassischen Artikel um Multimedia anreichert. Internetradio, Videostream mit ganz unterschiedlichen Werkzeugen, Arbeiten mit einem Youtube-Chanel werden als Workshops angeboten. „Da war sehr viel Praktisches zum Ausprobieren dabei“, wird Wladimir aus Dnipropetrowsk in der Ukraine am Ende sagen. Kein Wunder, mit Jan Karres konnte ein echter Youtube-Profi gewonnen werden. Bereits wenige Stunden nach Ende seines Workshops wird sein Videobeitrag online sein.



Wie würden die beiden Veranstaltungsstränge – der medial und der international orientierte – am Ende zusammengeführt werden? Stephanie Pickl und Marike Schlattmann, die die Veranstaltung moderierten, zeigten immer wieder die Verbindungen zwischen den internationalen Projekten und ihrer Sichtbarkeit auf und lösten die Frage schließlich mit einem abschließenden Live-Stream.

Abschluss – nicht nur der Veranstaltung

Zeit die Ergebnisse des zweitägigen Barcamps zu präsentieren. Vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist Albert Klein-Reinhardt, Referent für europäische und internationale Jugendpolitik, gekommen, von der Koordinierungsstelle „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft” Nils Rusche. Beide möchten die Ergebnisse des Barcamps in ihre Arbeit einfließen lassen.

Die Präsentation ist als Live-Stream angelegt, man möchte nach außen dringen. Max und Sharon werden präsentieren. Sharon ist aufgeregt, Max beruhigt sie: „Wenn du nicht mehr kannst, kann ich. Und wenn ich nicht mehr kann, kannst du.“

Zunächst erzählen die Teilnehmer/-innen der internationalen Projekte, was sie erlebt haben. Das ist oft emotional, man merkt, dass sie eine besondere Erfahrung gemacht haben. Freundschaften über Grenzen hinweg sind entstanden, vielleicht werden sie ein Leben lang halten. Dass man so etwas nochmal erleben kann, das wünschen sich die Jugendlichen. Daran kann die Arbeitsgruppe, die den Fragebogen erarbeitet hat, gut anknüpfen. Inzwischen haben mehr als 30 Jugendliche aus den internationalen Projekten den Online-Fragebogen ausgefüllt, ein erstes Bild ergibt sich. Auch hier ist der Wunsch nach mehr internationalen Projekten deutlich abzulesen. Wer einmal so eine Erfahrung gemacht hat, möchte sie wieder machen, möchte teilhaben und mitgestalten Sichere und langfristige Finanzierung wünscht man sich dafür. Anerkannt fühlt man sich von Freunden und der Familie für das, was man auf die Beine gestellt hat. Bei Politik, Schule und Arbeitsmarkt könnte es besser sein.

Als der Stream vorbei ist, hat sich Sharons Aufregung längst gelegt, sie hat gemeinsam mit Max souverän moderiert. Ist jetzt alles vorbei? Mit dem Barcamp endet auch eine zweijährige Förderphase, die die vielen Projekte ermöglicht hat. Die Erkenntnisse daraus sollen unter anderem in die Eigenständige Jugendpolitik eingehen. Und dann? Wenn es nach den Jugendlichen geht, muss es weitergehen…

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Jugend-BarCamp "Innovativ International", Berlin 2016

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