Christian Herrmann

Frische Produktideen für die Internationale Jugendarbeit

Beim 5. Kolloquium Jugend global am 5. und 6. Oktober 2016 standen drei Projektideen im Vordergrund: die No-Hate-Speech-Kampagne, das Selbstevaluierungswerkzeug i-EVAL und Online-Kurse – so genannte MOOCs. Wie immer hatten die Teilnehmer/-innen des Innovationsforums zu entscheiden, zu welchen der drei Themen ein für die Internationale Jugendarbeit nützliches Produkt entwickelt werden kann und wie es beschaffen sein soll.

5. Kolloquium Jugend global, Bonn, 05.-06. Oktober 2016 BildImage: Christian Herrmann | IJAB

Beim Innovationsforum Jugend global können Fachkräfte, Träger, Netzwerke sowie interessierten Partner der internationalen Jugendarbeit über eine Online-Plattform Themen einbringen, von denen sie glauben, dass sie einen Beitrag zur Weiterentwicklung ihres Arbeitsfeldes leisten können. Die drei Themen, die die meisten Stimmen auf sich vereinen können, werden jährlich im Kolloquium Jugend global diskutiert und schließlich zwei ausgewählt, die in sogenannten Entwicklungsworkshops zu Produkten weitergedacht werden.

Projektpräsentationen spiegeln Digitalisierung der Gesellschaft

Das erste Projekt, das vorgestellt wurde, war die No-Hate-Speech-Kampagne, eine Initiative des Europarats, die sich gegen Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Internet, vor allem in sozialen Medien wehrt, aber auch auf Offline-Aktivitäten im Blick hat. Seit Sommer 2016 ist die Kampagne auch in Deutschland mit einer Website und vielfältigen Social-Media-Angeboten aktiv.  Sie richtet sich in besonderer Weise an Jugendliche und ruft dazu auf, sich „laut und freundlich“ gegen Hater/-innen zu wehren.

„Die Kampagne richtet sich nicht an die Hater, sondern an die schweigende Mehrheit”, erklärte Sina Laubenstein von den Neuen deutschen Mediemachern, die die Kampagne in Deutschland umsetzen.

„Was können wir von Europa lernen?“ fragte Moderatorin Kerstin Giebel. „Gibt es in Deutschland Trainer/-innen, die sich auf No-Hate-Speech spezialisiert haben? Auf welche Trainingskonzepte und Tools können wir uns stützen? Wie kann das Feld der Internationalen Jugendarbeit die Kampagne unterstützen?“ Diesen und weiteren Fragen stellten sich Expert/innen in einer Talkrunde.
 
Für Menno Ettema, den Kampagnen-Koordinator des Europarates, ist es wichtig, dem Hass Menschenrechtsbildung entgegenzusetzen. „Wir sagen den Leuten, dass es keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme gibt und dass wir Menschenrechte für alle brauchen“, erklärte er. Nachdem 2011 der rechtsextremistische Terrorist Anders Breivik in Norwegen 77 Jugendliche eines Ferienlagers ermordet hatte, reagierte der Europarat mit der No-Hate-Speech-Kampagne – wohl wissend, dass die Tat Breiviks nur die Spitze des Eisbergs darstellt. „90 % der Hassbotschaften im Netz stellen keinen Straftatbestand dar und können nicht juristisch verfolgt werden“, erklärte Ettema, „aber es sind Botschaften, die ausgrenzen. Wir alle sollten das Internet nutzen können, ohne zur Zielgruppe von Hass zu werden“. Eine besondere Bedeutung spielt dabei das Manual „Bookmarks – A manual for combating hate speech online through human rights education”, welches nunmehr auch in deutscher Sprache vorliegt .
   
Judith Dubiski von der TH Köln präsentierte anschließend i-EVAL, ein Tool zur Selbstevaluation von internationalen Jugendbegegnungen und Ferienfreizeiten. Entwickelt wurde das kostenfreie Verfahren vor mehreren Jahren durch das Forschungsprojekt „Freizeitenevaluation" unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Wolfgang Ilg. Per Hand konnten Fragebögen ausgefüllt und später in ein Statistikprogramm übertragen und interpretiert werden. Dadurch ist über die Jahre der größte Datenbestand zur Erforschung internationalen Austauschs entstanden. Mit Unterstützung des Deutsch-Französischen und des Deutsch-Polnischen Jugendwerks sowie IJAB wurde es nun zu einem Online-Tool (App) fortentwickelt. Die neue Online-Plattform i-EVAL soll die eigenständige Evaluation erleichtern und eine gut handhabbare, mobile, zugleich zuverlässige und aussagekräftige Möglichkeit der selbständigen Evaluation bieten. Die Software befindet sich noch in der Erprobungsphase, soll aber bald lauffähig zur Verfügung stehen.

„Kann man aus bestehenden Materialien – beispielsweise der Toolbox Religion – Online Kurse entwickeln?“, fragte Moderator Christoph Bruners. Man kann, glaubt Dr. Sandra Schön von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft. Mit iMooX gehört sie zu den Pionier(inn)en  genannter MOOCs im deutschsprachigen Raum. MOOC steht für Massive Open Online Course (offener Massen-Online-Kurs), ein meist kostenloses Angebot des Online-Lernens mit hohen Teilnehmendenzahlen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Videos, in denen Inhalte erklärt werden. Mittels Fragebögen wird dann das erworbene Wissen überprüft. MOOCs werden häufig von Universitäten angeboten, da viele Inhalte – beispielsweise Lehrveranstaltungen – ohnehin als Video vorhanden sind. Inzwischen hat sich aber eine eigene Ästhetik von Lehrvideos entwickelt, die einfache Zugänge zu Lehrinhalten schafft.

Erste Produktideen

Die Teilnehmer/-innen des Kolloquiums entschieden sich nach einer intensiven Brainstorm-Phase, an den Themen No-Hate-Speech und MOOCs weiterzuarbeiten und erste Produktideen zu entwickeln.

Viele Fachkräfte in der Jugendarbeit tun sich mit den für Jugendliche selbstverständlichen Online-Welten schwer. Sie verfügen zwar über ein Methodenspektrum, um mit Sexismus, Rassismus und Homophobie umzugehen, wissen aber häufig nicht, wie dem vor allem online zu begegnen ist. Erste Gedanken drehten sich also um die Frage, was zur Qualifizierung von Trainer(inne)n in der (inter)nationalen Jugendarbeit beigetragen werden kann, damit Online-Praxis nicht nur erworben sondern auch nachhaltig weitergegeben und in die Praxis der Jugendarbeit eingebettet werden kann. Insofern konnte ein wichtiger Beitrag dazu geleistet werden, erste Ansätze für eine bisher in der deutschen Kampagne noch fehlende Trainingsstrategie zu entwickeln.

Beim Thema MOOCs hoffen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf eine Erweiterung der Zielgruppe, da Online-Angebote ortsunabhängig sind. Anbieten möchten sie zunächst MOOCs, die Grundsätzliches zur Internationalen Jugendarbeit erklären. Kopfzerbrechen bereiteten die relativ hohen Produktionskosten von professionellen Videos. Andererseits gibt es beispielsweise bei IJAB einen Bestand hochwertiger Präsentationen, die als Video ausgespielt und vertont werden könnten.

Beide Themen sollen in Entwicklungsworkshops noch in diesem Jahr vertieft und im kommenden Jahr zu fertigen Produkten weiterentwickelt werden. Wer Interesse hat, sich an der Entwicklung zu beteiligen, kann sich gern an das Team bei IJAB wenden: Kerstin Giebel (giebel@DontReadMeijab.de), Christoph Bruners (bruners@DontReadMeijab.de) und Ulrike Werner (werner@DontReadMeijab.de ). Darüber hinaus  werden in wenigen Tagen die Protokolle zu den Werkstattgesprächen auf https://www.ijab.de/nc/innovationsforum/ erscheinen.



5. Kolloquium Jugend global, 5.-6. Oktober 2016, Bonn

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