Jennifer Mösenfechtel

Im eigenen Kopf sind noch Balken drin

Im Rahmen des Innovationsforums Jugend global wurde vonseiten verschiedener Träger zum Ausdruck gebracht, dass sie in ihrer Arbeit immer wieder mit den Themen Rechtsextremismus und Rassismus konfrontiert werden und beim Umgang damit an Grenzen stoßen. Vor diesem Hintergrund lud IJAB am 24. und 25. September zur Fachtagung „Rechtsextremismus und Rassismus als Themen in der Internationalen Jugendarbeit“ nach Frankfurt ein.

BildImage: Jennifer Mösenfechtel, IJAB

Dort ergriffen 30 Fachkräfte die Chance über ihre eigene Haltung und die ihres Trägers zu reflektieren, Hintergrundwissen, sowie Methoden für die Präventionsarbeit und Handlungskompetenzen zu erlangen und nicht zuletzt auch Erfahrungen auszutauschen.

Rechtsextremismus ist kein Randphänomen

Zum Auftakt der Veranstaltung führte Ansgar Drücker, Geschäftsführer des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit (IDA e.V.) in das Themenfeld ein. Er machte darauf aufmerksam, dass allein schon der Begriff „Rechtsextremismus“ irreführend sei, da er den Eindruck erwecke, dass es sich hier um ein Randphänomen handelt. Es gehe jedoch um etwas, dass sich in der Mitte der Gesellschaft abspielt und jede/r auch sich selbst nicht für einen vorurteilsfreien Menschen halten solle. Es könne darüber hinaus auch grundsätzlich keine (Rassismus-)Immunität vorausgesetzt werden, nur weil sich jemand intensiv mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt hat.

Ansgar Drücker zeigte auf, dass das Sprechen über das Thema unvollkommen, offen und suchend bleibe, weil auch die Terminologie unvollkommen ist. Daher sei ein sensibler Sprachgebrauch äußerst wichtig. Es könne hilfreich sein stärker von konkreten Themen und Begriffen zu sprechen statt Schlagwörter zu benutzen. Auch die Situation in anderen Ländern wurde thematisiert, in denen z.B. eine andere Relation von Schutzbedürfnis und Meinungsfreiheit herrschen könne. Im Anschluss ergab sich eine angeregte Diskussion, in der durchaus auch kritische Töne zu hören waren. „Eine politisch korrekte Sprache allein reicht nicht“, gab Juliane Niklas vom Bayerischen Jugendring zu bedenken.

Sind wir alle Rassisten?

Anschließend führte Eike Totter, Social Justice Trainer, anhand eines kurzen Videos  ein kleines Experiment durch, das den Teilnehmenden eindrucksvoll zeigte, wie sehr wir alle gewisse Vorurteile und Stereotypen verinnerlicht haben und wie sehr unsere Erwartungen davon geprägt sind. Dann ließ er die Teilnehmenden bewusst provokativ wissen: "Ich bin ein Rassist" und griff so die von Ansgar Drücker geäußerte Warnung, sich nicht für einen vorurteilsfreien Menschen zu halten, noch einmal auf. „Wir leben in einer zutiefst rassistisch geprägten Gesellschaft“, machte er den Teilnehmenden klar und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass sie sich in Folge dieser Veranstaltung verstärkt bemühen, die eigene Verflechtung zu erkennen und sich von ihr zu befreien: Rassismus im eigenen Umfeld ein Stückchen mehr zu unterbrechen als vorher. Mit diesem Wunsch entließ er die Teilnehmenden in die Kleingruppenarbeit, in der der Austausch über die eigene Haltung und die des eigenen Verbands oder Trägers im Mittelpunkt stand.

Carina Weber, die u.a. das Projekt "Demokratietraining für Konfliktmanagement im Sport" der Deutschen Sportjugend leitet, stellte als erstes Good practice-Beispiel den Ehrenkodex der Deutschen Sportjugend vor, dem sich alle Beitretenden verpflichten müssen. Dies regte die Teilnehmenden dazu an, sich damit auseinanderzusetzen, wie schwierig es ist, treffende Formulierungen zur Beschreibung von allen ungewünschten, diskriminierenden Handlungen zu finden ohne sich dabei in Widersprüche zu verstricken. Zudem überlegten sie, wie im Fall eines Verstoßes gegen einen solchen Kodex vorzugehen und was genau mit Sanktionen zu erreichen ist. Eine Teilnehmerin merkte an, dass mit Sanktionen noch lange nicht eine diskriminierende Einstellung geändert werden könne, woraufhin Ansgar Drücker treffend entgegnete, dass hierbei der Schutz der Individuen die höchste Priorität und das Ziel sei und dass es auch darum gehe, Stellung zu beziehen, um klare Grenzen zu setzen.

Mal was anderes: Der Abend der Individuen

Nach dem Abendessen wurden die Teilnehmenden zum „Abend der Individuen“ begrüßt, der eine Alternative zu den bei internationalen Jugendbegegnungen üblichen „Länderabenden“ aufzeigen sollte. Solche Abende bieten zwar einen lebendigen, informellen Rahmen, bergen aber immer auch die Gefahr, Stereotypen zu verfestigen. Viele Teilnehmende präsentieren Dinge, von denen sie vermuten, dass sie erwartet werden (z.B. Sauerkraut und Bratwurst),  mit denen sie sich aber vielleicht gar nicht persönlich identifizieren. Daher sollte an diesem „Abend der Individuen“ ein Gegenstand mitgebracht werden, der eine persönliche Eigenschaft oder ein bestimmtes Interesse symbolisierte. Die mitgebrachten Gegenstände wurden dann der Reihe nach mit Leidenschaft vorgestellt und die vielfältigen, geistreichen Präsentationen wurden mit großer Begeisterung  verfolgt. Aufgrund der persönlichen Informationen und der so gegebenen Anknüpfungspunkte konnten die Teilnehmenden direkt im Anschluss in intensive persönliche Gespräche einsteigen, sprich: sie hatten auf diese Weise die Chance erhalten, einander wirklich kennenzulernen und nicht nur nationale oder regionale Stereotypen aufzuwärmen.

Als besonders schönes, da auch zum Thema der Veranstaltung passendes Symbol, wird der Autorin dieses Beitrags vor allem die Matroshka-Puppe in Erinnerung bleiben, die eine Teilnehmerin hochhielt. Sie sagte, dass diese Puppe mit den vielen weiteren, kleinen Puppen, die in ihr versteckt sind, ein Symbol für die verschiedenen (nationalen) Identitäten sei, die sie in sich trage. Ein Mensch gehört eben nie nur zu einer (nationalen) Gruppe, sondern immer zu vielen verschiedenen Gruppen und sollte deswegen nie auf eine einzelne Gruppenzugehörigkeit reduziert werden.

Handlungsmöglichkeiten und -kompetenzen für den Umgang mit rechtsextremen Verhalten

Am zweiten Seminartag teilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder in Kleingruppen auf, um anhand von Fallbeispielen Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen. So setzte sich eine Gruppe damit auseinander, was Gruppenleiter/-innen tun können, wenn sie mit einer internationalen Jugendgruppe auf eine Gruppe Rechtsradikaler stoßen und eine potentielle Bedrohung zu erkennen ist.

Am Nachmittag wurden den Teilnehmenden dann ganz konkrete Handlungskompetenzen vermittelt. So stellte unter anderem Jens Schmidt (Arbeit und Leben Hamburg) verschiedene Ansätze der Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus vor und klärte darüber auf, welche fachlichen Standards die Jugendarbeit gegen extrem rechte Einstellungen und Strukturen einhalten sollte. Darüber hinaus zeigte er den Workshop-Teilnehmenden Methoden, die in der Präventionsarbeit Anwendung finden können. Die Teilnehmenden konnten die Methoden direkt selbst ausprobieren und sich dazu austauschen, für welche Situationen und Zielgruppen die jeweiligen Methoden geeignet sind.

Resümee der Teilnehmenden

Zum Abschluss der Tagung kamen alle im Plenum zusammen und hielten fest, was sie von der Tagung mit nach Hause nehmen, welche Aspekte weiterverfolgt werden sollten und was jede/r Einzelne als Ressourcen zur Verfügung stellen kann.

Eine Teilnehmerin zeigte sich zufrieden, dass sie nunmehr über die im Zusammenhang mit Rechtsextremismus verwendeten Begriffe wisse und rechtsextreme Symbole besser erkennen könne, eine andere freute sich über Lösungsansätze und viele neue Methoden für ihre Arbeit zu Hause. Andere Teilnehmende fanden dagegen vor allem den Austausch untereinander bereichernd und sehen Möglichkeit für Kooperationen mit anderen Fachkräften, die sie auf der Tagung kennengelernt haben. Sehr treffend formulierte eine der Anwesenden ihre Erkenntnis, „dass im eigenen Kopf noch einige Balken drin sind, die noch sukzessive abgebaut werden müssen.“

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung mit vielen informativen, erhellenden Inputs und angeregten Diskussionen. Im Nachgang sollen nun einige der Aspekte weiter vertieft und eine ausführlichere Dokumentation zusammengestellt werden.

An der Konzipierung und Durchführung der Veranstaltung waren neben IJAB außerdem beteiligt: Arbeit und Leben Hamburg, der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) / JBS Kurt Löwenstein, der Bayerische Jugendring, die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg – Bundesverband, die Deutsche Sportjugend, die Ev. Freiwilligendienste gGmbH, das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. (IDA), die Jugendbildungsstätte Gollwitz, der Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin.

Die Fachtagung wurde durch die Bundeszentrale für politische Bildung und durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.



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