Christopher End Ulrike Werner

„Nothing about us without us“

Eine Begegnung von Jugendlichen aus vier Nationen mit und ohne Behinderung? Mit dem Rollstuhl zum Freiwilligendienst nach Thailand? Alles längst dagewesen! Aber wie können solche Leuchtturmprojekte inklusiver internationaler Jugendarbeit für alle Jugendlichen Alltag werden? 43 Teilnehmende aus 9 Nationen suchten auf der internationalen Fachtagung „+inclusion – Towards a more inclusive non-formal education and international youth work“ vom 10. bis zum 11. Dezember in Köln nach Antworten.

BildImage: Christopher End / IJAB

Internationale Jugendarbeit ist ein wichtiger Ort des Lernens. Sie ist selbstorganisiert und freiwillig und unterscheidet sich so von formaler Bildung, wie sie beispielsweise in Schule stattfindet. Junge Menschen lernen bei Begegnungen sowohl Gleichaltrige aus anderen Nationen und Kulturen kennen als auch selbstbestimmt zu handeln. Laut UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Behinderung das Recht auf ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen, also auch auf eine inklusive internationale Jugendarbeit. Es geht dabei um nicht weniger als um ein Menschenrecht, betonte Judy Gummich, die in das Thema einführte. Die Diversity-Beraterin zeigte nicht nur die Entwicklung der UN-Menschenrechtskonventionen auf, sondern schlug auch die Brücke zur Antirassismus-Bewegung.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Judy Gummich, Elżbieta Kosek (Kreisau-Initiative e.V.), Joel Arens (Dienststelle für Personen mit Behinderung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgien) und Martin Sandø (National Board of Social Services Denmark) standen der Austausch über das Verständnis von „Inklusion“ und die individuellen Erfahrungen im Zentrum. So kritisierte Joel Arens, dass in Belgien noch zu oft das Verständnis vorherrsche, Inklusionsarbeit werde für Menschen mit Behinderung gemacht, statt die Arbeit für sich selbst und eine lebenswertere Gesellschaft zu tun. Einigkeit herrschte darüber, dass die non-formale Bildung ein hervorragendes Handlungsfeld sei, wegen ihres freiwilligen Charakters, aber auch wegen der aktivierenden Methoden und des großzügigen zeitlichen Rahmens.

Kontroverser wurde es bei zwei anderen Themen: dem Unterschied zwischen Integration und Inklusion sowie der Frage wie eng bzw. weit gefasst Inklusion zu definieren sei. Es wurde deutlich, dass es hier weder einfache noch eindeutige Antworten gibt, sondern ein kontinuierlicher Austausch notwendig ist und situationsbezogene, gemeinsam vereinbarte Definitionen eine Arbeitsgrundlage bieten können. Konsequent gedachte Inklusion hätte eine geradezu revolutionäre Veränderung der gesamten Gesellschaft zur Folge, so einer der Teilnehmenden. Andererseits kann ein zu abstraktes, zu breit gefasstes Verständnis von Inklusion auch die Umsetzung von Aktivitäten verhindern, weil sich die Akteure überfordert fühlen. Martin Sandø wies darauf hin, dass wir nicht einfach darauf warten können, dass sich die Gesellschaft verändert, sondern jeder Einzelne in der Pflicht stehe dazu beizutragen. Dazu sind kleine Schritte notwendig aber – wie Joel Arens deutlich machte – auch die Einigung auf bestimmte Zielgruppen, ob wir diese nun offen benennen oder nicht.

Anschaulicher wurde es danach an drei Worldcafé-Tischen. Milanka Nicolic von der inklusiven Jugendplattform Serbiens, Elżbieta Kosek von der Kreisau-Initiative e.V. und Rebecca Daniel von Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev) stellten ihre Ansätze auf dem Weg zu einer inklusiven Jugendarbeit vor und diskutierten diese mit den Anwesenden.

weltwärts alle inklusive!

bezev hat die Kampagne "jetzt-einfach-machen.de" ins Leben gerufen und mit dem Projekt weltwärts alle inklusive! damit begonnen, ein Konzept für einen inklusiven Freiwilligendienst zu entwickeln. bezev e.V. ist auch weltwärts-Entsendeorganisation bietet einen inklusiven Freiwilligendienst an. Kay Lieker absolvierte so seinen Freiwilligendienst in Thailand und berichtete am Worldcafé-Tisch von seinen Erfahrungen. Wie er gelernt hat, mit dem Rollstuhl Rolltreppe zu fahren oder eine vielspurige Straße zu überqueren, zeigt der YouTube-Film Kay in Bangkok.

Jugendliche aus vier Nationen, mit und ohne Behinderung

Langjährige Erfahrung in der Inklusionspädagogik hat die Kreisau-Initiative e.V. Die Initiative führt jährlich mehrere inklusive internationale Begegnungen durch und hat mit dem „Kreisauer Modell“ ein Trainingsprogramm für Fachkräfte aus der Behindertenarbeit und aus der internationalen Arbeit entwickelt. Wie das geht, zeigt der Eurodesk-Film Internationale Jugendbegegnung für alle.

Equal opportunities for all!

Die inklusive Jugendplattform Serbiens und der Verband der Studierenden mit Behinderungen haben sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen mit Behinderungen durch non-formale Bildungsprogramme zu “empowern”. Sie setzen sich für die Umsetzung und Achtung der Menschenrechte und die Angleichung der Möglichkeiten für Jugendliche und Studierende mit Behinderungen ein. Webseite: www.ush.rs

Träume wahr werden lassen

Erfolgreiche Beispiele und inspirierende Erfahrungen hatten auch die Teilnehmenden selbst mitgebracht. So ist die inklusive internationale Jugendarbeit z.B. für Ercan Tutal seit langem Alltag. Seit bereits 16 Jahren führt seine Dreams Academy Begegnungen durch. Das Projekt in der Türkei ist ein Sozialunternehmen, das sich selbst finanziert. So betreibt es unter dem Namen Dreams Kitchen einen Catering-Service, bietet inklusive Tauchkurse und Camps an.

Strategien zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Am zweiten Tag der Fachtagung lag der Schwerpunkt auf möglichen Strategien zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Aus Belgien und Dänemark kamen zwei Beispiele, wie die UN-Behindertenrechtskonvention in der non-formalen Bildung von offizieller Seite umgesetzt wird.

Joel Arens von der Dienststelle für Personen mit Behinderung stellte den Aktionsplan der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens vor. Der Aktionsplan „DG Inklusiv 2025“ [http://www.dpb.be/KRMB/ueberdieKRMB.php] läuft elf Jahre und umfasst verschiedene Bausteine wie einen Inklusionspreis und ein Sensibilisierungsprogramm, an dem Gemeinden und Behörden der DG, öffentliche und private Einrichtungen, Vereinesowie Privatpersonen teilnehmen.

In Dänemark gibt es mit dem „Inclusion Guide“ eine Maßnahme, die Menschen mit Behinderung bei der Freizeitgestaltung unterstützt. Sie stellt Menschen mit Behinderung eine Begleitung an die Seite und ähnelt darin dem Best Buddies Programm. Zuerst geht es darum, die Wünsche und Träume der Teilnehmenden festzustellen, dazu passende Freizeitangebote zu finden und den Kontakt zu der jeweiligen Organisation, zum Beispiel einem Sportverein, herzustellen. Der Schwerpunkt liegt darauf, den Menschen beim Einstieg in die Gruppe zu begleiten. So gelingt es, dass Menschen mit Behinderung nicht an der Peripherie bleiben, sondern wirklich in der Mitte einer Gruppe ankommen.

Bewusstseinsbildung  ist gefragt

Doch auf dem Weg zu einer inklusiven internationalen Jugendarbeit sahen die Teilnehmenden auch viele Hindernisse wie Bewusstseinsbildung, Herkunftsfamilie, mangelnde Vernetzung, Finanzierung und Politik. Frustrierend kann es insbesondere für Jugendliche selbst sein, wenn sie aus einem erfolgreichen Empowerment-Projekt wieder in ihren wenig inklusiven Alltag zurückkehren.

Vor allem die Bewusstseinsbildung in Gesellschaft, Familie und Schule sahen viele Teilnehmende als einen vielversprechenden Ansatzpunkt. Claudia Schilling von Engagement Global meinte, dass Lehrerinnen und Lehrer oft keine Vorstellung haben, was möglich sei. Eine Erfahrung, die Milanka Nikolic von der serbischen Association of Students with Disabilities selbst gemacht hat: „Als es an meiner Schule einen internationalen Austausch gab, hat man mich erst gar nicht gefragt, obwohl ich gute Noten in Englisch hatte.“ Bewusstseinsbildung muss aber finanziert werden, erklärte Klaus Waiditschka vom Jugendhilfe und Sozialarbeit e.V., „Für die eigentlichen Begegnungen ist die Finanzierung kein Problem, aber für die Vorbereitung und Bewusstseinsarbeit in Organisationen und Schulen fehlt das Geld.“ 

Jeder ist Experte für sein Leben

„Wir glauben oft, dass die, die professionell mit Menschen mit Behinderung arbeiten, auch automatisch ein besonders großes Verständnis für sie haben“, sagte Christian Papadopoulos von der designbar Consulting GbR. Aber „die Vorstellung, dass andere wissen, was für einen gut ist, ist unsinnig. Vielleicht brauchen behinderte Jugendliche Assistenz oder Unterstützung, natürlich. Aber sie sind die Experten für ihr Leben. Das ist, was wir lernen müssen.“

Viele junge Menschen mit Behinderung können sich gar nicht vorstellen ins Ausland zu gehen oder nur an einer Begegnung teilzunehmen, so Christian Papadopoulos. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es für Jugendliche mit Behinderung viel einfacher ist, sich einen Auslandaufenthalt vorzustellen, wenn sie auf einer normalen Schule sind.

Der Fahrplan bis 2017

In den nächsten drei Jahren soll ein Netzwerk aufgebaut werden, das inklusive internationale Jugendarbeit vorantreibt, erklärten Ulrike Werner und Daniel Poli von IJAB. Angedacht ist der persönliche Austausch in Form von Treffen und Tagungen bis hin zu einem internetbasierten Netzwerk. Die Teilnehmenden hatten dazu erste konkrete Anregungen. So schlug Claudia Schilling vor, trotz des Fokus auf non-formaler Bildung auch Lehrerinnen und Lehrer als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren einzubinden. Ein vielfacher Wunsch war der nach mehr Diversität. Besonders auf Fachtagungen sollten mehr Teilnehmende sowie Referentinnen und Referenten mit Behinderung vertreten sein. Christian Papadopoulos betonte, wie wichtig es sei, dass sich Menschen mit verschiedenen Behinderungen an der Diskussion beteiligen: „Nur weil ich einen Rollstuhl verwende, bin ich nicht auch Experte für Sehbehinderungen. Wir sollten als Gruppe offener werden. Sonst überwinden wir nie das Denken in ‚wir‛und ‚sie‛.“

Insgesamt war die Resonanz auf die Fachtagung sehr positiv. Sowohl die Inputs als auch Diskussionen und Kleingruppenarbeit wurden sehr begrüßt, vor allem aber die Möglichkeit zum informellen Austausch und Netzwerken lebhaft genutzt. Eine Teilnehmerin fasste es so zusammen: „Hier habe ich das Gefühl, dass ich weniger allein bin.“ Neue Motivation und Inspiration aber auch die Erkenntnis, selbst aktiv werden zu müssen, nahmen viele der Teilnehmenden mit nach Hause. In den nächsten Wochen wird außerdem die Dokumentation der Tagung erscheinen, die die wesentlichen Erfahrungen und Ideen zusammenfasst.

Die Fachtagung „+inclusion – Towards a more inclusive non-formal education and international youth work“ wurde von IJAB im Rahmen des Innovationsforums Jugend global organisiert und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.



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