Kerstin Giebel

Träger im Aufbruch – Fachkräfte-Werkstatt zur Internationalisierung von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe

Vom 15. - 17.Juni 2015 trafen sich 17 Trägervertreter/-innen aus unterschiedlichen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe in Hannover, die bislang noch keine oder wenig Erfahrung in internationaler Jugendarbeit haben. Sie alle einte der Wunsch, ein Konzept zur Internationalisierung der eigenen Einrichtung auf den Weg zu bringen.

eine Teilnehmerin stellt Arbeitsergebnisse vor
BildImage: Kerstin Giebel

Das Format der Werkstatt sei ein Experiment, so betonte Kerstin Giebel, Koordinatorin für die Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit bei IJAB in ihrer Einführung. Im Unterschied zu Beratungs- und Qualifizierungsangeboten, die IJAB üblicherweise unterbreitet, hatten die hier anwesenden Fachkräfte die Chance, in einem Setting zu arbeiten, das sowohl trägerübergreifend war als auch Elemente der Beratung beinhaltete. Vom ICH zum WIR – so lautete das Motto der Werkstatt und es zog sich wie ein roter Faden durch sämtliche Phasen der Werkstatt.

Eine der größten Herausforderungen bestand darin, vom ersten Werkstatt-Tag an eine Atmosphäre innerhalb der Gruppe zu schaffen, die – neben dem formalen Sich-Kennenlernen – eine kritische und vertrauensvolle Ist-Stand-Analyse zuließ:

  • Wo stehe/n ich/wir mit meinem Träger im Kontext des Zielvorhabens „Internationalisierung“?
  • Was meine/n ich/wir mit „Internationalisierung“?
  • Wieviel Durchsetzungsvermögen habe ich (als haupt-oder ehrenamtlich tätige Person, als Leitung oder Mitarbeitender, als neuer Kollege oder „Alter Hase“ in meiner Einrichtung?
  • Wieviel Erfahrung habe/n ich/wir bereits mit Internationaler Jugendarbeit?

Dies wurde wesentlich begünstigt durch einen Impuls-Vortrag von Karl Luster-Haggeney, dem Leiter des Jugendzentrums „Casino“ in Hamm. Er legte die Entwicklung seiner Einrichtung sehr anschaulich dar, zeigte Gelingensbedingungen als auch Hemmnisse auf und machte den Anwesenden Mut, sich auf den Weg zu machen. „Es gibt keinen Masterplan an sich“, so appellierte er an die Gruppe, aber es gäbe einige zentrale Aspekte, um die man nicht herum komme. Dazu gehört ein motiviertes Team, die Bereitschaft, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, die Bereitstellung von Ressourcen und die Unterstützung auf kommunaler oder entsprechend weiter gefasster Arbeitsebene.

Mit einem Netz, welches zwischen den Teilnehmenden kreuz und quer gesponnen wurde, forderte die Leiterin der Werkstatt alle Anwesenden auf, ihre Assoziationen zu dem Stichwort „Internationalisierung“ zu äußern. Aus den Antworten wurde deutlich, wie vielschichtig die Thematik ist und dass im Kopf jeder einzelnen Fachkraft sehr unterschiedliche Ideen mit der Zielstellung „Internationalisierung der Einrichtung“ bewegt werden. Schließlich endete die Arbeitseinheit damit, dass sich die Anwesenden nicht nur als bloße Gruppe, sondern vielmehr als soeben initiiertes kollegiales Netzwerk verstehen mögen, welches vielfältige Potentiale und Kompetenzen in sich birgt, die es zu nutzen gilt.

Nun konnte die Phase des Matchings zwischen Teilnehmenden und Coaches eingeleitet werden. Die Teilnehmenden hatten Gelegenheit, auf alle Coaches zuzugehen und im bilateralen Gespräch gezielt Fragen zu stellen, um schließlich ihren favorisierten Coach selbst auszuwählen. Damit war der Boden bereitet für das Herzstück der Werkstatt – das individuelle Coaching. In einem 1:2-Setting – 1 Coach für 2 Trägervertreter/-innen – arbeiteten die Teilnehmenden in parallel stattfindenden Sitzungen sehr konzentriert und am konkreten Vorhaben des Trägers entlang. IJAB hatte zu diesem Zweck sechs Coaches engagiert, die im Kontext von Personal- und Organisationsentwicklung über eine breite Expertise verfügen und für diese Aufgabe im Vorfeld durch IJAB vorbereitet worden waren. Unter Zuhilfenahme eines strukturierten Leitfadens, der zu diesem Zwecke erarbeitet worden war, holten die Coaches die Teilnehmenden da ab, wo sie sich mit ihrem jeweiligen Träger und vor dem Hintergrund der eigenen Rolle innerhalb der Einrichtung sahen.
 
Die Coaching-Phase, die sich über mehr als einen Tag erstreckte, wurde auf halber Strecke bewusst durchbrochen. Jede/r Teilnehmende hatte die Chance, an sogenannten Thementischen Impulse für seine Arbeit zu bekommen. Nach dem Motto „Sie fragen – Expert(inn)en antworten!“ standen an neun Tischen verteilt alle Coaches inklusive Leitungspersonal den Teilnehmenden der Werkstatt zu ausgewählten Fragen im Kontext von Personal- und Organisationsentwicklung Rede und Antwort.

Am Ende des zweiten Tages gewährten sämtliche Coaching-Gruppen mit einem kurzen Redebeitrag Einblick in den jeweiligen Arbeitsstand. Dabei wurde deutlich, wie sie – trotz des strukturierten Leitfadens – methodisch unterschiedlich an die Erarbeitung eines Konzepts zur Internationalisierung herangegangen waren. Ansätze waren zum Beispiel die motivierende Ebene der Mitarbeiter/-innen, die SWOT-Analyse oder der systemorientierte Ansatz zur Organisationsentwicklung „Sieben Dimensionen einer Organisation“. Am dritten Tag der Werkstatt hatten die Teilnehmenden die Aufgabe, nun mehr für sich allein die ersten Meilensteine in einem Formular schriftlich zu fixieren. Die Coaches standen im Hintergrund für Fragen zur Verfügung. Über diese Methode verinnerlichte jede Fachkraft noch einmal den vorangegangenen dialogischen Prozess zwischen Coach und Fachkraft aber auch die Komplexität des Themas. Schließlich sollten die Trägervertreter/-innen erste, realistische Teilziele definieren, die sie nach Rückkehr in die eigene Einrichtung gezielt angehen würden, sowie Zeiträume definieren und geeignete Unterstützer/-innen benennen. Im Anschluss daran präsentierte jede Fachkraft im Plenum die wichtigsten Meilensteine und gab Einblick in mögliche Bedenken. Die jeweiligen Coaches nutzten die Gelegenheit, dazu ein kurzes wertschätzendes Feedback abzugeben, den Vortragenden Mut zuzusprechen, sowie zusätzliche Tipps und Tricks auszusprechen, die hilfreich für alle Anwesenden sein könnten.

Die Werkstatt mündete in eine letzte „Vom ICH-zum WIR“-Phase: ein Mind-Mapping zu weiteren möglichen, unterstützenden Angeboten für die Erarbeitung und Umsetzung des trägerspezifischen Konzepts. Dabei wurde vor allem deutlich: Damit die hier initiierten Impulse und vollzogenen ersten Schritte nicht verebben, dürfen die Teilnehmenden im Folgeprozess nicht allein gelassen werden. Das bestätigt die Erfahrungen, die IJAB seit mehr als 10 Jahren bei vielen Qualitätsberatungsprozessen für einzelne Träger gemacht hat oder auch die Erkenntnisse aus dem Projekt Kommune goes international. Es braucht weitere, darauf aufbauende Begleitstrukturen für die Beteiligten und auch weitere Interessenten, die nicht an der Werkstatt teilnehmen konnten: ob in Form von Einzel- oder Gruppen-Coachings, Veranstaltungen im Sinne der kollegialen Beratung und der Qualifizierung und Information zu spezifischen Themen. Diese Optionen will IJAB ausloten und einen Leitfaden herausbringen, der Hilfestellung bieten soll, damit sich weitere Träger der Kinder- und Jugendhilfe auf den Weg machen.

In der Auswertung zur Veranstaltung spiegelten die Teilnehmenden ihre volle Zufriedenheit mit dem Format zurück. Mit einem Rucksack an Ideen und konkret anzugehenden Teilaufgaben würden sie nun nach Hause fahren und Verbündete für ihr Vorhaben suchen. Das Stimmungsbarometer belegte es: eine durchgängige positive Resonanz und die wiederholte Bitte, sich in dieser Runde wiederzutreffen, um die bis dahin erreichten Zwischenstände kollegial und kritisch auszutauschen.
 
Ein herzlicher Dank geht an alle Unterstützer/-innen der Werkstatt und diejenigen Mitdenkenden, die beim Entwicklungsworkshop im Dezember 2014 und beim Vorbereitungstreffen im April 2015 ihre Ideen eingebracht haben und aus Kapazitätsgründen leider nicht teilnehmen konnten. Wir danken vor allem Ines Gast (Jugendsozialwerk Nordhausen), Sandra Kleideiter (Plan BeE), Sabine Troitzsch (SDJ-Falken), Vanessa Wessendorf (Bürgerhaus Benno / Universität Münster), Sterenn Coudray (Internationaler Bund / Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit), Dr. Werner Müller (transfer), Karl Luster-Haggeney (Casino – Das Jugendzentrum), sowie Steffanie Frische (Jugendbildungsstätte Unterfranken/ ijgd) und Janine Bunzeck (Freiberuflerin).



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