Sebastian Jabbusch

Weiterentwicklung der Sprachanimation: “Inklusion braucht immer einen Plan B”

Lachen, rennen, fühlen, flüstern, spielen: So fröhlich ist es, wenn sich Fachkräfte in einer Konzept- und Methodenwerkstatt austauschen, Neues ausprobieren und Methoden der Sprachanimation kritisch für inklusive Gruppen abklopfen.

Workshopteilnehmer stehen in einer Gruppe beisammen
BildImage: Sebastian Jabbusch   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0

Das Thema ist so schwierig wie praxisnah: Welche Chancen bietet die Sprachanimation für inklusive internationale Projekte? Wie können Methoden so gestaltet werden, dass sie keine Teilnehmenden aus den Gruppen ausschließen? Von der Fragestellung zur kreativen Lösung: Vom 15. bis 17.06. trafen sich Expertinnen und Experten der internationalen Jugendarbeit und der Inklusionspädagogik in der Villa Fohrde, um über die Bedeutung von Sprache in inklusiven internationalen Jugendbegegnungen sowie über Chancen, Problemstellungen und mögliche Anpassungen von Methoden der Sprachanimation zu diskutieren.

Ein großer Stuhlkreis wird gebildet. Jede/r Teilnehmende bekommt eine von vier Farbkarten. Die Animateurin sagt die vier Farben abwechselnd in verschiedenen Sprachen an. Wessen Farbe aufgerufen wird, darf einen Platz weiter rutschen. Wenn dort bereits eine andere Person sitzt, wird vorne auf dessen Knien Platz genommen. Wer “besetzt” wird, muss aussetzen, bis er oder sie wieder frei ist. Es gewinnt, wer zuerst eine ganze Runde herum reist. Ein lustiges Vokabelspiel. Oder?

Ein Mädchen traut sich vielleicht nicht, sich auf die Knie des anderen zu setzen, weil es glaubt es sei zu dick. Ein Jugendlicher hat Missbrauchserfahrungen, die Intimität durch die Berührungen mit anderen löst bei ihm Angst aus. Eine Rollstuhlfahrerin kann bei niemandem sitzen, fühlt sich bei dem hektischen Spiel im Weg. Es sind solche und ähnliche Situationen bei denen Jugendliche und junge Erwachsene sich unwohl fühlen können. Wie reagiert man hier richtig? Was kann man tun, um solche Situationen schon vorher zu vermeiden?

“Es gibt zwei Arten von Menschen: Es gibt diejenigen mit einer Behinderung und diejenigen, die sich der ihren noch nicht ganz bewusst sind”, so zitierte Eike Totter, interkultureller und Social Justice Trainer, Chris Downey in seinem Input. Totter gehört zu den Befürwortern eines breiten Inklusionsbegriffs, der sich nicht nur auf Menschen mit Behinderungen bezieht. Er hielt zwei Teilnehmerinnen grüne Folie vors Gesicht. Alles Grüne im Raum war für sie daraufhin nicht mehr zu erkennen, als wäre es verschwunden. Das sei eine gute Metapher für unsere sozialen Wahrnehmungsfilter. “Die meisten Trainerinnen und Trainer haben Abitur, haben studiert und waren letztlich in einem Bildungssystem erfolgreich, von dem wir wissen, dass es für einen Teil der Jugendlichen nicht viel Unterstützung bietet. Kennen Sie einen Transsexuellen? Haben sie Langzeitarbeitslose unter ihren Freunden?” Totter möchte bei den Teilnehmenden die Augen für die Vielschichtigkeit von Inklusion öffnen. Dazu gehöre im erstem Schritt vor allen Dingen sich der eigenen Vorurteile und Berührungsängste bewusst zu werden. Mehr dazu erläutert Totter im Videointerview mit IJAB.

Neben Eike Totter präsentierten Elżbieta Kosek, Referentin für Inklusionspädagogik bei der Kreisau-Initiative e.V. sowie Kay Lieker, Experte für internationale barrierefreie Mobilität ihre Positionen und Ansätze im Spannungsfeld von Sprache und inklusiver internationaler Jugendarbeit.

Im Praxisteil spielten die Teilnehmenden dann zahlreiche Sprachanimations-Methoden aus der eigenen Praxis durch, die im Anschluss auf ihre ausschließenden Hürden geprüft wurden. Bei der “Alphabet-Staffel” laufen beispielsweise die Teilnehmenden in zwei Teams nacheinander an ein Flipchart, um möglichst schnell jeweils einen fremdsprachigen Begriff für den aktuell offenen Buchstaben zu finden. Die Liste der möglichen Hürden ist lang: Tempo und Bewegungsfähigkeiten, die nötige Körpergröße um das Flipchart zu erreichen, Sehfähigkeit, Feinmotorik bei der Stifthaltung, Rechtschreibfähigkeit und Kreativität.

Im Rahmen der Diskussion um potentielle Barrieren, ging es auch um grundsätzliche Überlegungen. Je komplizierter und herausfordernder ein Spiel ist, desto eher kann es möglicherweise eine Hürde darstellen. Wie weit aber darf man mit den Hilfen gehen, ohne dass das Ziel des spielerischen und spannenden Spracherwerbs verloren geht? Bieten nicht gerade die Hürden die Chance auf Grenzerfahrungen und ein größeres Selbstwertgefühl, wenn die Jugendlichen lernen sie zu überwinden? Sind einige der Hürden nicht genau der zentrale Reiz, der eine Übung erst spielenswert macht?

Eike Totter kennt diese Bedenken. Er betont: “Es geht nicht darum alle Herausforderungen abzuschaffen, sondern sich bestehender Barrieren bewusster zu werden, um diese aktiv in die Aktivität mit einzubauen. Dabei sollten die Teamerinnen und Teamer sich für möglichst viele Fälle vorher verschiedene Varianten überlegen und immer einen ‘Plan B’ parat haben.”

Wie das in der Praxis aussehen kann, erläuterte ein Handout anhand von Beispielen. Wenn Jugendliche mit eingeschränkter Motorik teilnehmen, können Ballspiele stattdessen mit Seidentüchern durchgeführt werden. Bei Personen, denen Körperkontakt unangenehm ist, können “Fang- und Abklatsch”-Spiele mit Tüchern gespielt werden, die berührt werden müssen. In Kleingruppen erarbeiteten die Teilnehmenden daraufhin für jede der zuvor analysierten Sprachanimations-Methoden verschiedene Varianten, um je nach Zielgruppe bestimmte Barrieren zu vermeiden oder zu vermindern.


 
Die neuen Varianten wurden wiederum ausprobiert und darauf aufbauend grundsätzliche Regeln für eine inklusivere Gestaltung von Sprachanimations-Methoden erarbeitet.

Beispielsweise sollten bereits im Vorfeld die Ziele der Methode sowie die teilnehmenden Jugendlichen genauer in den Blick genommen und mögliche Alternativen überlegt werden. Genauso wichtig sei es aber auch die Betroffenen aktiv einzubeziehen, statt präventiv alle vermeintlichen Barrieren zu vermeiden. Oft ist doch mehr möglich, als es auf den ersten Blick scheint. So werde auch eine Bevormundung oder Überbehütung verhindert. Ein Grundprinzip sei aber eine freiwillige Teilnahme bzw. die Möglichkeit, andere gleichwertige Aufgaben oder Rollen zu übernehmen. Generell sei Sprachanimation als ein Prozess zu verstehen, bei dem verschiedene Übungen aufeinander aufbauen. So könne gezielt mit verschiedenen Schwerpunkten und einem steigenden Schwierigkeitsgrad gearbeitet und nach und nach Vertrauen aufgebaut werden.

Die Ergebnisse der Werkstatt werden bis Ende des Jahres in einer Broschüre zusammengestellt und im Rahmen der Reihe des Innovationsforums Jugend global veröffentlicht.

Die Werkstatt ist ein Resultat der Diskussionen und Inputs im Innovationsforum Jugend global auf ijab.de. Die Durchführung erfolgte in Kooperation mit Villa Fohrde e.V., gemeinsam mit der Kreisau-Initiative e.V., totter.eu und der Deutschen Sportjugend.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


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