Ulrike Werner

Wir brauchen mehr niedrigschwellige Methoden

Gängige Methoden der diversitätsbewussten Bildungsarbeit sind zu theorielastig und erfordern eine hohe sprachliche Kompetenz – das ist eine Erkenntnis der IJAB-Fachwerkstatt „Diversität und Interkulturalität in der Internationalen Jugendarbeit“, die vom 30. Mai bis 1. Juni 2016 in Kooperation mit dem Villa Fohrde e.V. stattfand.

Rund 20 erfahrene Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit bzw. der diversitätsbewussten Bildung diskutierten kritisch verschiedene Konzepte von Diversität und Interkulturalität, deren methodische Umsetzung sowie die Herausforderungen, die sich in diesem Zusammenhang bei internationalen Kooperationen und im internationalen Leitungsteam stellen.

Die wichtigsten Prinzipien des diversitätsbewussten Bildungsansatzes wurden von Anne Sophie Winkelmann, die diesen Ansatz mit entwickelt hat, vorgestellt (www.vervielfaeltigungen.de). Sie betonte den politischen Anspruch und die diskriminierungskritische Perspektive des Ansatzes, der ihn von anderen „Diversity“-Ansätzen, wie sie beispielsweise in der Wirtschaft zu finden sind, abhebe. Weitere wichtige Elemente seien die Vermeidung von Schubladen mit den damit verbundenen Zuschreibungen und Bewertungen sowie ein Subjektverständnis, in dem verschiedene gleichzeitige Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen beachtet würden.

Zur Verdeutlichung wurden verschiedene Elemente und Perspektiven eines „klassischen“ interkulturellen Lernens, das Kultur als national geprägt und statisch begreift, sowie einer diversitätsbewussten Bildung gegenübergestellt. Ob dieses „klassische“ interkulturelle Lernen aber tatsächlich noch in der Internationalen Jugendarbeit vorkommt oder nicht schon längst weiterentwickelt wurde – darüber gab es in der Gruppe ganz unterschiedliche Meinungen.
Auch in den folgenden Tagen wurden die Vereinbarkeit des diversitätsbewussten und des interkulturellen Ansatzes immer wieder kontrovers diskutiert. Während manche Teilnehmende den Begriff der „Kultur“ für missverständlich halten und gar nicht mehr benutzen, arbeiten anderen parallel mal mit dem einen, mal mit dem anderen Ansatz. Wieder andere kombinieren Elemente und Haltungen aus den verschiedenen Ansätzen.

Der geplante Fachimpuls zur „reflexiven Interkulturalität“ nach Hamburger, der hier weitere Denkanstöße hätte geben können, musste aus gesundheitlichen Gründen leider kurzfristig entfallen. Eine vertiefte Beschäftigung mit diesem Ansatz erscheint aber weiterhin lohnenswert.

Eine besondere Herausforderung stellt in Zusammenhang mit dem diversitätsbewussten Ansatz die Abstimmung und Zusammenarbeit in einem internationalen Team und Umfeld dar. Davon berichtete Markus Rebitschek von der Europäischen Jugendbildungsstätte Weimar in seiner Vorstellung der multinationalen Projektreihe „Non-Formal Education and Diversity in European Youth Work“. Er betonte die Notwendigkeit, genügend Ressourcen für eine länderübergreifende Konzeption und Vorbereitung einzuplanen, mit einem gemischten Leitungsteam aus verschiedenen Ländern zu arbeiten sowie die Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam zu koordinieren. Außerdem sollten die jeweils anderen Rahmenbedingungen in Bezug auf den gesellschaftlichen Diskurs, die politische Situation und den Stellenwert politischer Bildung berücksichtigt werden.

Weitere Praxis- und Methodenimpulse kamen von Anna Müller (Servicebüro Jugendinformation), Stefanie Vogler-Lipp (Europa-Universität Viadrina) und Aleksandra Pawłowska (Deutsch-Polnisches Jugendwerk), die teilweise auch an der Vorbereitung der Fachwerkstatt mitgewirkt haben.  Die Gesamtmoderation der Werkstatt übernahm Bildungreferentin Julia Motta (Bildung und Beratung), die das Projekt von Anfang an mit ihrem Fachinput begleitet hat.

Besonders bei der Reflexion der verschiedenen Methoden wurde deutlich, dass noch viel mehr intuitive, niedrigschwellige Übungen gebraucht werden. Eine Beschäftigung mit den Themen Diversität und Interkulturalität sollte in internationalen Projekten auch möglich sein, wenn die andere Sprache nicht perfekt beherrscht wird oder die Teilnehmenden keine akademische Vorerfahrung haben. Hier gibt es sicherlich noch großes Entwicklungspotential.

Aus den verschiedenen Diskussionen und Impulsen wurden während der Werkstatt grundlegende Prinzipien formuliert, die dazu beitragen können die pädagogische Praxis weiter zu qualifizieren. In der Abschlussrunde wurden vor allem auch das gemeinsame Arbeiten und der Austausch untereinander als sehr positiv und inspirierend hervorgehoben und angeregt, zu diesem Thema ein größeres Barcamp zu organisieren.

Die Werkstatt war Teil des Innovationsforums Jugend global und wurde vom BMFSFJ gefördert.



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