Sebastian Jabbusch

Non-formale Lernerfahrungen auf internationaler Fachtagung

“Non-formale Bildung ist noch immer kaum bekannt. Selbst meine eigenen Eltern verstehen im Grunde nicht, was ich in den letzten 20 Jahren gemacht habe”, scherzte der serbische Referent Darko Marković und umriss damit grob die Problematik der internationalen Fachtagung von IJAB und JUGEND für Europa “Grenzüberschreitende Mobilität als Lernort und die Dimensionen seiner Anerkennung”, die am 3. und 4. Dezember 2012 in Düsseldorf stattfand. Ein Reisebericht.

Podiumsdiskussion über Perspektiven der non-formalen Bildung
Talkrunde zur persönlichen Motivation sich für das Thema Anerkennung zu engagieren BildImage: Oliver Volke, (C) by IJAB

“The page "Nicht formale Bildung" does not exist”, antwortet mir die sonst allwissende Wikipedia. Es ist Montag früh und ich sitze im Zug nach Düsseldorf. Seit drei Wochen bin ich bei IJAB und soll heute über den Kongress “Grenzüberschreitende Mobilität als Lernort und die Dimensionen seiner Anerkennung” schreiben. Ich versuche, mich in das Thema einzuarbeiten, doch das ist gar nicht so einfach, denn im Gegensatz zu Schule, betrieblicher Ausbildung und Studium ist non-formale Bildung bisher kein Thema auf bunten Wahlplakaten. Zudem scheint vieles noch umstritten: Der Begriff, die Abgrenzung, die Anerkennung und natürlich die Finanzierung. Klar wird mir jedoch im Laufe des Tages, dass hier kein Randthema der Jugendpolitik, sondern eine zentrale Zukunftsfrage besprochen wird. Wie erweitern wir den Begriff der klassischen formalen Bildung um die Elemente, die im Europa des 21. Jahrhunderts essentiell sind? Interkulturelle Kompetenz, Teamfähigkeit, Toleranz. Und wie kann sie für Auftraggeber und Arbeitgeber leicht verständlich und universell dokumentiert werden?

Katarzyna Kacprzyk, volunteer in der “To- gether” Stiftung, Polen: "Ich habe viel Erfahrung mit non-formaler Bildung. Ich habe zwei mal im Erasmusprogramm teilgenommen und war ein Jahr lang Volunteer für eine europäische Stiftung. Ich habe dafür auch den Youthpass erhalten, der auch ganz gut entwickelt ist. In Polen jedoch wird er von Arbeitgebern überhaupt nicht akzpetiert. In meinen Vorstellungsgesprächen wurde ich darauf nicht einmal angesprochen. Ich wünschte mir die polnische Regierung würde mehr für die Akzeptanz von Youthpass tun.“

Immerhin bin ich nicht allein. Über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 14 europäischen Mitgliedsländern wollen sich austauschen und fortbilden. Denn es passiert bereits viel. Begrüßt werden die Teilnehmenden von den zwei Veranstalterinnen: Anne Sorge-Farner und Rita Bergstein. Beide sind Expertinnen der Anerkennungsdebatte. Erstere koordiniert für IJAB das Projekt “Nachweise International”. “Seit 2006 wurden 6364 Nachweise International verliehen und 112 KNI-Coachs qualifiziert, die die Kompetenzausweise ausstellen können.” so Sorge-Farner in ihrer Eröffnung. Rita Bergstein arbeitet beim SALTO Resource Centre für die Agentur JUGEND für Europa, die das EU-Programm “JUGEND IN AKTION” umsetzt. Bis Ende 2011 erhielten rund 14 000 deutsche Jugendliche einen Youthpass, der Lernerfahrungen im nicht formalen Lernen bescheinigt. In ihrer Begrüßung gab Bergstein einen Überblick über die komplexe europäische Debatte (Link) und bedauerte, dass noch immer ein einheitlicher Begiff fehle. Non-formale, nicht-formelle, informelle und außerschulische Bildung würden oft vermengt. Beide Expertinnen sind überzeugt, dass die Debatte um die Anerkennung von Mobilitätserfahrungen junger Menschen nicht ausschließlich mit Nachweisen und Zertifikaten beantwortet werden kann. Daher veranstalten sie gemeinsam diese Tagung und arbeiten gemeinsam mit den Teilnehmenden an weiteren Empfehlungen zur Stärkung der Anerkennung internationaler Jugendarbeit.

Die anschließenden Fachvorträge vertiefen zu meinem Glück die zahlreichen Dimensionen der Debatte. Zunächst skizziert Claudius Siebel von der Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa den aktuellen Stand der politischen Anerkennung und erklärte, wie die EU-Jugendstrategie in Deutschland durch Entwicklung eigenständiger Jugendpolitiken in einigen Bundesländern vorangebracht werden. Das Thema Anerkennung non-formaler Bildung sei dabei von großer Bedeutung. Aktuell läge der Fokus dabei insbesondere auf der Anerkennung von Mobilitätsmaßnahmen.

Feri Kopa’n, Mitarbeiter bei ijgd LV Berlin e.V.: "Wir nutzen die Nachweise International sehr intensiv. Für die Teilnehmer ist es immer ein “Aha-Erlebnis”, wenn sie sich damit beschäftigen welche Kompetenzen sie gelernt haben. Diese Reflexion über das was gelaufen ist, ist sehr wichtig. Auch die partnerschaftliche Erstellung ist für die Jugendlichen etwas sehr wertvolles. Es ist für sie das erste Mal, dass sie nicht einfach bewertet werden, sondern selbst Teil ihrer Stärkenbeschreibung sind.“

Deutlich skeptischer zeigt sich Dr. Eberhard Funk vom Deutschen Verein und Mitglied in der Arbeitsgruppe Deutscher Qualifikationsrahmen (DQR): “Die  Hauptverteidiger der formalen Bildung und Gegner jeglicher Modularisierung durch die Einbeziehung von Lernergebnissen aus non-formalen und informellen Lernkontexten sind die Träger der beruflichen Bildung. Es geht dabei um Macht, Zugänge und nur am Ende um Qualität. Aus Sicht der Arbeitgeber ist ein Mehrwert von nicht formalem Lernen für einen deutschen Azubi zum Beispiel als Installateur auch gar nicht klar." Bedenken meldet im Anschluss auch Daniel Grein vom Deutschen Bundesjugendring an: "Mich stört die Ausrichtung der Nachweise auf Arbeitgeber. Wir brauchen internationale Jugendarbeit, weil die Jugendlichen sich selbst und nicht den europäischen Wirtschaftsraum entwickeln sollen.” Nachweise seien gut, man dürfe es jedoch nicht zu weit treiben. Der eigene Lebenslauf dürfe nicht zur Hauptmotivation für die Teilnahme an internationalen Begegnungen werden. Dem stimmten der niederländische Jugendarbeiter Paul Kloostermann und Prof. em. Dr. Alexander Thomas indirekt zu. Sie stellen entsprechend auch die selbstreflexive Bedeutung der Dokumentation von Lernerfahrungen mittels Nachweisinstrumenten in den Vordergrund. Paul Kloostermann erklärt: "Learning is something beautiful and its fun. Thats what young people learn with Youthpass". Prof. Thomas unterstrich dies, indem er die Ergebnisse seiner Fachstudien zitiert: “Über 70 Prozent der Jugendlichen haben die internationalen Begegnungen für sich persönlich als sehr wichtig oder wichtig bezeichnet. Für sieben Prozent war die Begegnung sogar Ausgangspunkt für eine biographische Wende.”

Darko Markovic, Mitarbeiter bei innside, Serbien: “Ich bin der Über- zeugung, dass non- formale Bildung und Jugendarbeit gerade in einem Land wie Serbien mit Kriegserfahrung, Umbruch und Neuaufbausituation ein hervorragendes Mittel zu Friedens- und Konfliklösungsarbeit ist. Wir haben das schon sehr früh gemacht und erst später herausgefunden, dass diese Arbeit auf europäischer Ebene unter dem Stichwort recognition of non-formal and informal learning läuft. “

Viele Fragen stehen im Raum: Wer möchte was von wem anerkannt bekommen? Geht es ausschließlich um Wirtschaft? Was macht den Wert internationaler Jugendarbeit aus? Wo liegt ihr gesellschaftlicher Mehrwert? Begriffe wie employability und active citizenship fallen. Welche Rolle spielen politische Akteure bei der Anerkennung? Mir schwirrt der Kopf und ich brauche dringend einen Tee und etwas Zeit, meine Gedanken zu ordnen.

Am Abend nimmt meine Aufnahmefähigkeit schließlich ab, obwohl es in den Workshops zu den vier Dimensionen der Anerkennung noch einmal viel Input von den anderen Teilnehmenden der Konferenz gibt. An Ideen mangelt es nicht. Freistellungen von Schülern für internationale Begegungen müssen erleichtert werden. Über einen zweiten oder dritten Weg sollen nicht formale Bildungserfahrungen den Zugang zu Universitäten und Berufsabschlüssen ermöglichen, schlägt eine Teilnehmerin vor und verweist auf solche Regelungen in Frankreich. Jemand schlägt ein Tool vor, indem alle Erfahrungen und Qualifikationen zentral gesammelt und dokumentiert werden können. “Dann können sich Unternehmen teure Assessment-Center sparen”.

Mit diesen Gedanken sitze ich nun im Zug zurück nach Bonn. Es gelingt mir nicht herauszufinden, wie lange es historisch gedauert hat, bis “Soft Skills” von Unternehmen als Einstellungkriterium herangezogen wurden. Angesichts eines zusammenwachsenden Europas, politischen Herausforderungen wie hoher Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Fachkräftemangel und einem universal abrufbarem Netz-Wissen, überwiegt bei mir der Optimismus, dass nun bald auch nicht formale Lernerfahrungen stärker als bisher berücksichtigt werden.

Das Thema wird mich bei IJAB weiter beschäftigen. Denn die Nachweise International sind als Werkzeug eingeführt und werden nicht verschwinden. Im Gegenteil. Die EU-Kommission empfahl erst im September, dass alle Mitgliedsländer echte Validierungssysteme für non-formale Bildung einführen sollten. Dies ginge weit über die bisherigen Nachweise hinaus. Auch Albert Klein-Reinhardt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wünscht sich eine stärkere Aufmerksamkeit für die non-formale Bildung, etwa durch ihre Aufnahme in den Deutschen Bildungsbericht. Es gibt also gute Signale für ihre Weiterentwicklung und damit auch für die Internationale Jugendarbeit insgesamt.

Weitere Informationen:



Gallery zur Fachtagung "Grenzüberschreitende Mobilität als Lernort und die Dimensionen seiner Anerkennung"

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