Cathrin Piesche

Inklusion in der Internationalen Jugendarbeit: Cooperate – even if the road is bumpy!

Was ist notwendig, damit Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit und der Lernmobilität allen jungen Menschen offen stehen, auch solchen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung? Auf die gemeinsame Suche nach einer Antwort begaben sich im Rahmen der internationalen Fachtagung des IJAB Projektes VISION:INKLUSiON vom 21. bis 22. September 2016 rund 60 Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit, der Behindertenhilfe und von Selbstvertretungsorganisationen sowie Expert(inn)en aus Forschung, Verbänden, Politik und Praxis aus Japan, Tunesien, Lettland, Rumänien, Ungarn, Finnland, Slowakei, Griechenland, Türkei, Island, Serbien, Frankreich, Ukraine und Deutschland.

BildImage: Klaus Mai für IJAB

Wie kann ein effektiver Austausch mit einer solch internationalen und vielfältigen Fachgruppe gelingen? Das gemeinsame Ziel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr Inklusion in der internationalen Jugendarbeit zu ermöglichen sorgte für eine gemeinsame Basis – dieses Fundament wurde durch die zwei einleitenden Keynotes weiter unterstützt:

Diversity is a plus!

So stellte Dr. Adina Marina Calafateanu  vom Center for Sustainable Community Development (CSCD) in Rumänien sowie Mitglied im Pool of European Youth Researchers in ihrem Vortrag nochmals die europäischen Rahmenbedingungen und Begriffsdefinitionen vor, mit denen im Laufe der Tagung gearbeitet werden sollte. Sie betonte, dass zwar mit der „Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen“ der Vereinten Nationen, die durch die EU und seine Mitgliedstaaten ratifiziert wurde, die gesetzlichen Grundlagen für mehr Inklusion geschaffen seien, diese aber in der Praxis noch lange nicht funktionieren würden. So beschäftige man sich europaweit immer noch zu viel mit Zugängen zu reinen „Behindertenprojekten“ als mit der Etablierung von Zugängen zu inklusiveren Angeboten. Abschließend wünschte Calafateanu, dass man sich – nicht nur in ihrer Heimat Rumänien – langsam von der Sonderbehandlung für Menschen mit Behinderungen verabschieden und damit beginnen würde, sie einfach überall mitzudenken: „Diversity is a plus!“

Inklusion in Köpfen und Herzen vorantreiben

Die zweite einleitende Keynote eröffnete die jugendspezifische Perspektive auf Inklusion in der internationalen Jugendarbeit. Julia Strowski, Dominik Kehlenbach und Hannah Thelen stellten die Arbeit des Jugendbeirats der Jungen Aktion Mensch – JAM! – (siehe auch: https://jam.aktion-mensch.de/loslegen/jugendbeirat.html) vor: Zwei bis dreimal pro Jahr treffen sich in diesem jungen Netzwerk Menschen mit und ohne Handicap und überlegen gemeinsam zum Thema Inklusion. Ihre Ziele? Andere Jugendliche anspornen, das Miteinander im Alltag unkomplizierter zu machen und Inklusion in den Köpfen und Herzen voranzutreiben. Drei wichtige Aspekte für ein inklusives Miteinander gaben sie den Tagungsteilnehmer/-innen mit auf den Weg: Eigenständigkeit ermöglichen/bewahren! Austauschen & Nachfragen! Verständlichkeit für alle sicherstellen!

Internationale Ansätze und Good-Practice-Beispiele für Inklusion

Doch wie werden in anderen Ländern inklusive Angebote der Jugendarbeit und non-formaler Bildung gestaltet? Wie wird dort die UN-Behindertenrechtskonvention ganz praktisch umgesetzt? Kann ich das einfach auf meine Arbeit übertragen? Fragen im Gepäck der Teilnehmenden, die im weiteren Verlauf des Tages beantwortet werden sollten – standen nun doch unterschiedliche internationale Ansätze und Good-Practice-Beispiele im Fokus. Vier Themengruppen gaben Raum lebhaft mitzudiskutieren und eigene Erfahrungen einzubringen.

Discrimination-Free Zone Kampagne

So stellte beispielsweise Laura Heinonen von der Youth Allianssi Finland einen Weg zur Schaffung einer inklusiveren Kultur vor: die “Discrimination-Free Zone” Kampagne in der Jugendarbeit. Die Informationskampagne will jede Form von Diskriminierung, Mobbing oder Belästigung bekämpfen und lädt Organisationen, Unternehmen, Gemeinschaften und Veranstaltungen dazu ein, sich als „diskriminierungsfrei“ zu erklären. Diese Erklärung stelle auch ein wichtiges Signal an Mitarbeiter/-innen, Arbeitssuchende und Kunden dar, so Heinonen: Diese Organisation heißt jede Person willkommen - unabhängig von Geschlecht, Alter, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, von Meinung, Gesundheitszustand, Behinderung oder sexueller Orientierung. In Finnland wurde die „Discrimination-Free Zone“ Kampagne vom Justizministerium, dem Finnish Disability Forum (FDF), der Finnischen Liga für Menschenrechte, Allianssi – Finnish Youth Cooperation, Seta - LGBTI Rights in Finland und der Finnish Multicultural Sports Federation (FIMU) geplant und umgesetzt.

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Inklusion: Mangelnde Information

Auch Agnes Sarolta Fazekas von der EAIE Access & Diversity Expert Community forderte in ihrem beeindruckenden Vortrag, dass die UN-Behindertenrechtskonvention nun endlich mit Leben gefüllt werden müsse. Zwar würden mittlerweile immer mehr Menschen mit Beeinträchtigungen an Mobilitätsprogrammen teilnehmen, doch seien sie trotz steigender Nachfrage immer noch stark unterrepräsentiert. Diskriminierungsfreie Zugänge zu Mobilitätsangeboten für junge Menschen mit Beeinträchtigungen/Behinderungen würden mehr, aber es gebe immer noch zu viele Hindernisse um sie zu einer echten Option zu machen. Mit den Fragen „Ist Barrierefreiheit im Ausland tatsächlich gegeben (lokales Transportsystem)? Was ist mit der Portabilität der Krankenversicherung? Wo finde ich vor Ort Unterstützung/ eine persönliche Assistenz/ einen Gebärdendolmetscher? Wer zahlt das?“ nannte Fazekas nur einige Punkte, mit denen es sich vor einem Auslandsaufenthalt für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung auseinanderzusetzen gilt.

Um Mobilitätsangebote inklusiver zu machen und herauszufinden, was die tatsächlichen Bedürfnisse junger Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung sind, riet Fazekas Anbietern zu der Erstellung einer Bedarfsanalyse. Anbieter sollten nicht nur auf den medizinischen Bericht über eine Person schauen, sondern immer den persönlichen Kontakt suchen: Was bedeutet die Einschränkung in der Praxis? Was sind die individuellen Bedürfnisse? So ließen sich befriedigende Lösungen finden und  sicherstellen, dass auch junge Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung Zugang zu Mobilitätsprogrammen hätten.

Darüber hinaus verwies Fazekas auf die immense Bedeutung von praktischen Orientierungshilfen in Form von Webseiten oder Broschüren, Dialog und Austausch – oder besser gesagt – dem Teilen von Wissen: Erfahrungsberichte ehemaliger Teilnehmender an inklusiven Begegnungen motivieren auch andere Menschen mit Beeinträchtigungen ins Ausland zu gehen (siehe z.B. http://www.miusa.org/resource/story/alicia), Fachkräfte finden Hilfestellungen zur Organisation inklusiver Begegnungen (siehe z.B. No Barriers- No Borders - Mixed-Ability Projects) und jeder/-r kann sich über die Dos und Don’ts im Miteinander schlau machen (z. B. A-Z of disability etiquette). Mangelnde Information aufseiten potentieller Teilnehmer/-innen als auch der Organisierenden sei entsprechend auch eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Inklusion in der Internationalen Jugendarbeit, so Fazekas. Heute ginge es in Babyschritten vorwärts – um größere Schritte zu machen, bräuchte es mehr strukturierte, leicht zugängliche Informationen auf allen beteiligten Ebenen.

Dieser Input traf im Publikum auf breite Zustimmung: So berichtete Milanka Nikolic von der Youth Initiative for Human Rights aus Serbien an dieser Stelle von ihren Schwierigkeiten ein Doktorandenstipendium im Ausland zu finden, da ihr niemand sagen konnte, wer denn die Kosten für ihre persönliche Assistenz abdecken würde. Sie habe den Auslandsaufenthalt nun auf später verschoben. Nur ein Beispiel, doch die Resonanz aus dem Publikum legte offen, dass es für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung noch mehr Arbeit ist ins Ausland zu gehen, als es für Menschen „ohne Handicap“ ohnehin schon ist: Mehr Recherche, mehr organisatorischer Aufwand, mehr Ausdauer.

Zukünftige Aufgaben für die Forschung

Als Start in den zweiten Tagungstag und Grundlage für die nachfolgenden Arbeitsgruppen präsentierte Christian Papadopoulos (Designbar Consulting, Hochschule Bremen ) den Stand der Forschung zum Thema „Inklusion in der Internationalen Jugendarbeit“. Ein kurzes Unterfangen – wie er gleich zu Anfang zugab – gebe es doch (national wie auch international) nur wenige Studien, die die Beteiligung benachteiligter junger Menschen an internationalen Freiwilligendiensten und Jugendbegegnungen in den Blick nähmen. Wenn es um junge Menschen mit Behinderungen ginge, seien es sogar noch weniger. In den meisten Fällen laute das Ergebnis, dass diese Gruppen selten an den Angeboten der Internationalen Jugendarbeit teilnehmen würden – Lösungen wie man mit dieser Herausforderung umgehen solle, würden kaum geliefert. Die vorhandenen Studien beschränkten sich – so Papadopoulus – also vor allem auf die Quantität der Beteiligung, eine Untersuchung der qualitativen Ursachen erfolge nicht. Und genau dies sei die zukünftige Aufgabe der Forschung: die Gründe für diese Unterrepräsentation zu ermitteln und Lösungen für den Wandel zu identifizieren.

Entwicklung einer Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit

Inklusive Kulturen schaffen – inklusive Strukturen etablieren – inklusive Praxis entwickeln: Die drei Dimensionen des Index für Inklusion gaben den anschließenden Arbeitsgruppen ihre inhaltliche Struktur. Hier ging es nun ganz konkret darum, neue Ideen und Impulse für die Entwicklung einer Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit zu gewinnen. Moderiert wurden die einzelnen Workshops von Mitgliedern der VISION:INKLUSION Expert(inn)engruppe.

Schaffung einer inklusiveren Kultur

Christian Papadopoulos und Andreas Gaudzinski von der Deutschen Gehörlosen Jugend fragten in ihrer Arbeitsgruppe, welche Barrieren der Schaffung einer inklusiveren Kultur im Weg stünden und was genau zur Beseitigung dieser Barrieren beitragen könnte. Als Barrieren wurden hier zum einen die „Barrieren in den Köpfen“ wie beispielsweise Angst vor Veränderung und einem kreativen Umdenken und zum anderen „Strukturelle Barrieren“ ausgemacht. Als große strukturelle Barriere wurde wahrgenommen, dass die staatlichen Unterstützungssysteme nicht unbedingt die Umsetzung von Inklusion fördern. Die Lösung? Auch hier stand Kommunikation auf allen Ebenen wieder ganz oben auf der ToDo-Liste für mehr Inklusion. Außerdem mangele es nach wir vor an Praxiserfahrung, zeitlichen Ressourcen und Kontinuität - auch finanzieller Art.

Etablierung inklusiver Strukturen

Rebecca Daniel von bezev moderierte den zweiten Workshop zur Etablierung inklusiver Strukturen. Eine wichtige Erkenntnis dieser Arbeitsgruppe lautete, dass wir aufhören sollten, immer die Schwächen in den Fokus zu nehmen. Hilfreicher wäre vielmehr eine Stärkenorientierung, die beispielsweise in der Planung einer inklusiven Jugendbegegnung anhand eines vorher entwickelten Kriterienkatalogs abfragt, welche konkreten Kompetenzen die Teilnehmer/-innen mitbringen. Dann könnte in einem nächsten Schritt überlegt werden, wie man konstruktiv mit ggf. vorhandenen Barrieren umgeht. Außerdem wäre eine bessere Verzahnung der Kompetenzbereiche Jugendarbeit und Behindertenhilfe hilfreich, um gegenseitig von Wissen und Erfahrung des anderen zu profitieren.

Ideen und Impulse für eine inklusivere Praxis

Ideen und Impulse für eine inklusivere Praxis sammelte Elżbieta Kosek von der Kreisau-Initiative e.V. in der dritten Arbeitsgruppe. Die Prinzipien der Jugendarbeit – Partizipation, Empowerment, Stärken- und Diversitätsorientierung, Selbstbestimmung und Freiwilligkeit – sollten sich auch in der inklusiven Praxis spiegeln, so die Diskutant/-innen dieser Runde. Nicht nur – aber auch – bei inklusiven Jugendbegegnungen seien Entschleunigung (mehr Zeit!), der Mut Risiken einzugehen, das Schaffen von Schutz- und Rückzugsräumen und eine hohe Sprachsensibilität zentral dafür, dass sich alle Teilnehmer/-innen willkommen und wohl fühlten. Und auch in dieser Runde wurde ein Fokus auf Chancen statt Herausforderungen gefordert. Weiterhin wünschten sich die Fachkräfte eine europaweite Projekt- und Partnerbörse, in der ganz praktische Informationen zu und Probleme bei der Umsetzung von Inklusion in den unterschiedlichen Ländern zur Sprache kommen könnten und eine bessere Qualifizierung für Fachkräfte – auch durch internationalen Austausch.

Umsetzung von Inklusion in Strategien und Politikfeldern

Alexander Westheide von Aktion Mensch und Christof Kriege von JUGEND für Europa wagten sich in der vierten Arbeitsgruppe an einen Versuch der Umsetzung von Inklusion in Strategien und Politikfeldern. Hierfür stellte Alexander Westheide ein Modell für einen „Inklusionsplan“ vor, der im Folgenden in der Gruppe diskutiert wurden. Als wichtige Punkte bei der Umsetzung eines solches Planes wurden herausgearbeitet, dass erst einmal überhaupt ein Bewusstsein für Inklusion (in einer Organisation) geschaffen werden und hier dann auch ein besonderes Augenmerk auf die Motivation der Mitarbeiter/-innen gelegt werden müsse (Warum soll ich mich engagieren?). Darüber hinaus sollten die finanziellen Ressourcen für eine Umsetzung gegeben sein und die Geschäftsführung auch beim Thema Inklusion eine Führungsrolle innehaben.

Welche Unterstützung wäre für eine erfolgreiche Verankerung von Inklusion nötig? Zum einen ein besseres Wissen über die vorhandenen Hilfesysteme und die Bereitstellung guter Beispiele und Instrumente für Inklusion, formulierten die Teilnehmenden dieser Arbeitsgruppe. Wiederholt tauchte auch hier die Forderung nach einem internationalen Good-Practice-Austausch sowie die fachbereichsübergreifende Kooperation von Institutionen aus Jugendarbeit und Behindertenhilfe auf.

Wie sollte Kinder- und Jugendpolitik aufgestellt sein, damit Inklusion in der internationalen Jugendarbeit eine Verankerung findet? (Mehr) notwendige finanzielle Ressourcen und gerade auch Mittel für spezifische Assistenzen wären hier nötig, so der Tenor. Auch sollte der Umgang mit finanziellen Hindernissen bei gegensätzlichen und sich ausschließenden Finanzierungsregeln überdacht werden. Ebenfalls wichtig sei es, Inklusion auf allen politischen Ebenen mitzudenken: lokal-, landes- und bundespolitisch. Insgesamt sei ein „Disability Mainstreaming Plan“ für jede Organisation sinnvoll, der allerdings auch ein Monitoring, eine Evaluation sowie eine Wirkungsmessung umfassen sollte.

Und wie geht es nun weiter?

Inhalte und Ergebnisse der internationalen Zwischentagung würden zunächst in einer Tagungsdokumentation zusammengefasst und flössen in den weiteren Projektverlauf ein, so Ulrike Werner und Christoph Bruners vom Projekt VISION:INKLUSION am Ende der zwei diskussionsreichen Tage in Mainz. Parallel dazu dienen die Projekt-Webseite www.vision-inklusion.de sowie die Facebook-Gruppe VISION:INKLUSiON der weiteren Vernetzung und dem Erfahrungsaustausch. Für 2017 sei dann ein weiterer Fachkongress geplant, bei dem der Entwurf einer Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit präsentiert und diskutiert werde. Projektbegleitend arbeite natürlich auch die VISION:INKLUSION Expert(inn)gruppe weiter, bis dann 2018 eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit mit einem Aktionsplan und Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung präsentiert werden könne.



Die internationale Zwischentagung VISION:INKLUSION in Bildern

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