Christian Herrmann

VISION:INKLUSION wird Inklusionsstrategie für Internationale Jugendarbeit entwickeln

Etwa 40 Fachkräfte der Internationalen Jugendarbeit und Inklusions-Expert(inn)en waren am 19. und 20. November 2015 zum Startschuss des IJAB-Projektes VISION:INKLUSION nach Berlin gekommen. Gemeinsam wollen sie in den kommenden zwei Jahren an einer Strategie für eine inklusive Internationale Jugendarbeit arbeiten. Die Tagung lieferte dafür erste Impulse.

Blick ins Publikum
BildImage: Christian Herrmann   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – keine Bearbeitung CC BY-NC-ND 3.0

Elżbieta Kosek, stellvertretende Geschäftsführerin der Kreisau-Initiative, veranstaltet seit Jahren inklusive Jugendbegegnungen und erinnerte sich: „Wir führen unsere Begegnungen meistens mit mehreren internationalen Partnern durch, die jeweils zehn Teilnehmer/-innen schicken. Bei einem inklusiven Austausch hatten wir 6 internationale Partnerorganisationen, davon eine aus Rumänien, die die Jugendlichen nach dem Belohnungsprinzip ausgewählt hatte und sie von zwei Müttern begleiten ließ. Mit diesem Setting waren wir nicht wirklich glücklich. Als sie dann bei uns ankamen und die Mischung aus Jugendlichen mit und ohne Behinderungen sahen, waren die rumänischen Jugendlichen irritiert und die Mütter entrüstet. ‚Diese Jugendlichen kann man nicht gemeinsam unterrichten‘ sagten sie uns. Eine Woche hatten wir Zeit, an dieser Haltung zu arbeiten. Bei der Zwischenauswertung nach drei Tagen flossen bei den beiden Müttern Tränen, so sehr hatte sich ihre Perspektive verändert.“ Internationale Jugendarbeit kann also etwas für eine inklusive Gesellschaft und für Bildungsgerechtigkeit leisten. Diejenigen im Publikum, die selbst inklusive Projekte durchführen, wissen das. Andere im Raum würden diese Erfahrung gerne machen.

Dass es bei Inklusion nicht um Sonderrechte geht, verdeutlichte Eileen Moritz, Expertin bei der SOZIALHELDEN Akademie, in ihrer Key-Note. Vielmehr geht es um gleiche Rechte für alle. „Früher wurden Probleme über die einzelne Person definiert, heute definiert man sie über einstellungs- und umweltbedingte Barrieren“ sagte sie. Moritz schlug in ihrem Beitrag einen geschichtlichen Bogen von der Exklusion im Faschismus, der separierenden Krüppelfürsorge der 50er-Jahre, über die Integrationsstrategien der 70er-Jahre und prophezeit, Inklusion werde die Gesellschaft herausfordern und verändern.

Indizes – Checklisten für Inklusion

Das Thema Inklusion ist nicht neu bei IJAB. In seiner Projektvorstellung erinnerte Christoph Bruners daran, dass man seit 2011 Seminare und Fachtagungen durchgeführt und eine Broschüre zum Thema veröffentlicht hat. Dabei wurde deutlich, dass großes Interesse und Bedarf besteht, das Thema Inklusion weiter zu vertiefen und zu konkretisieren. Um die bisherigen Impulse zu systematisieren,  hat IJAB sich nun zum  Ziel gesetzt, gemeinsam mit unterschiedlichen Akteuren eine Inklusionsstrategie für die Internationale Jugendarbeit zu erarbeiten. Eine Expert(inn)engruppe, bestehend aus Vertreter/-innen der Internationalen Jugendarbeit, von Selbstorganisationen, Behindertenhilfe, Wissenschaft und Verwaltung sowie Study-Visits und weitere Veranstaltungen sollen den Weg dafür ebnen. VISION:INKLUSION muss dafür Inklusion nicht neu erfinden. Eine Reihe von „Indizes für Inklusion“ – eine Art Checklisten, die Inklusion operationalisieren – gibt es bereits für andere Felder.

Mit den bestehenden Indizes beschäftigte sich Christian Papadopoulos von Designbar Consulting in seiner Key-Note. Die Ursprünge liegen in Großbritannien und bezogen sich auf schulische Inklusion. Von 2000 bis 2011 wurde dort eine „Schule der Vielfalt“ entwickelt und implementiert. Der entsprechende Index für Inklusion wurde immer wieder weiterentwickelt. Indizes übersetzen Konzepte in konkrete Fragen an die Institutionen, die sich dem Thema Inklusion stellen ohne dabei die Antworten vorzugeben. Eher handelt es sich um einen kontinuierlichen Reflexionsprozess, der immer wieder neu aufgenommen werden muss. Indizes orientieren sich an Menschenrechten und haben eine politische Dimension, denn – werden sie ernstgenommen – können sie zu einem Perspektivwechsel in der Gesellschaft führen. An den Bildungszielen ist dies deutlich ablesbar: Nachhaltigkeit, Partizipation und Gewaltlosigkeit werden eingefordert. Internationale Jugendarbeit teilt diese Bildungsziele schon seit langem.

Fragen und Empfehlungen aus dem Publikum

Die Auftakttagung von VISION:INKLUSION war jedoch keine Vortragsveranstaltung, in der die einen reden und die anderen zuhören. Zu jedem Zeitpunkt diskutierte das Publikum lebhaft mit; Gesprächsrunden zu beispielhaften Projekten gaben weitere Gelegenheit, sich einzubringen. Christof Kriege von JUGEND für Europa stellte die Strategie zu Inklusion und Diversität im europäischen Programm Erasmus+ vor, Rebecca Daniel von bezev die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „weltwärts alle inklusive!“, Claudia Schilling die Entwicklung einer inklusiven Haltung im ENSA-Programm , das entwicklungspolitische Schulbegegnungen fördert und Johan Reinert berichtete vom inklusivem Ansatz des Zentrums für Erlebnispädagogik und Umweltbildung. Die Teilnehmer/-innen formulierten aus diesen Erfahrungen Fragen und Empfehlungen an das neue Projekt. Einige wünschten sich einen breiter aufgestellten Inklusionsbegriff, der sich nicht nur auf Menschen mit Beeinträchtigungen bezieht, andere empfahlen die punktuelle Erweiterung der Expert(inn)engruppe um Fachleute zu spezifischen Themen, wieder andere wünschten sich Jugendbeteiligung. Oft fielen Stichworte, die auch aus der Ansprache von Zielgruppen wie Jugendliche mit Migrationshintergrund und unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen bekannt sind: der Stellenwert von Elternarbeit oder die Reflektion von Zugangsbarrieren beispielsweise.

In der Abschlussrunde wurde weitergedacht. Alexander Westheide von der Aktion Mensch kennt die Diskussion um Elternarbeit und auch die Vorbehalte in Teilen der Jugendarbeit. Sie werde sich verändern, prognostizierte er. Auch er wünscht sich einen möglichst breit aufgestellten Inklusionsbegriff, der die gesamte Kinder- und Jugendhilfe einbezieht und möglichst zu Konversionsprozessen – beispielsweise mit der Behindertenhilfe – führt. Robert Jasko von der Gehörlosen-Jugend hat die Vision, dass Kinder schon von klein auf die Gelegenheit bekommen, Gebärden spielerisch auszuprobieren und in den Schulen neben anderen Sprachen ganz selbstverständlich auch die Gebärdensprache gelernt werden kann. Christian Papadopoulos erinnerte an die weiterhin bestehenden Barrieren in den Köpfen, die dazu führen, dass die notwendigen materiellen Ressourcen zum Abbau von Barrieren nicht zur Verfügung gestellt werden. Ulrike Werner und Christoph Bruners, die beiden Projektkoordinator(inn)en für VISION:INKLUSION bei IJAB, gaben einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Projekts. Noch in diesem Jahr soll die Expert(inn)engruppe zusammenkommen und die Website des Projekts online gehen. Sie wird weitere Beteiligungsmöglichkeiten anbieten, beispielsweise die Darstellung der eigenen Projekte. „Die Entwicklung des Projektes wird auf der Webseite dokumentiert werden und für sie alle nachvollziehbar sein“, sagte Bruners, „und dann hoffe ich, dass wir uns bei der internationalen Zwischentagung im nächsten Herbst wiedersehen“.

Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung CC BY 3.0


Auftaktveranstaltung VISION:INKLUSION, Berlin, 19.-20. November 2015

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