IJAB beteiligt sich an Diskussion über eine „eigenständige Jugendpolitik“

IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. begrüßt die Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, über eine „eigenständige Jugendpolitik“ mit den relevanten freien Trägern der Kinder- und Jugend(hilfe)politik einen breiten Diskurs zu führen.

Jugendliche mit Regenschürmen
BildImage: WWF Deutschland, Daniel Goliasch   Lizenz: INT 3.0 – Namensnennung – nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen CC BY-NC-SA 3.0

Dazu hat IJAB aus Sicht der Internationalen Jugendarbeit Stellung bezogen. Erweiterte Bildungsansprüche im Sinne lebenslangen Lernens, die Globalisierung der (Arbeits-) Märkte, die Entwicklung von Medien und Kommunikation, Migration und kulturelle Vielfalt, die Fülle an unterschiedlichen Lebensformen, die Möglichkeiten weltweiter Mobilität, aber auch der demografische Wandel stellen immer komplexere Anforderungen an junge Menschen. Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen sind heute ganz wesentlich durch internationale Einflüsse geprägt. Hieraus ergibt sich ein neuer Handlungsbedarf für Politik, der u. a. Chancengleichheit, Mobilität und Vielfalt stärker berücksichtigt.

Nachstehend finden Sie die Stellungnahme im Wortlaut. Sie können diese auch als pdf downloaden (dazu bitte hier klicken - pdf!)

Anmerkungen zu einer „Eigenständigen Jugendpolitik“ von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. anlässlich der Veranstaltung des BMFSFJ am 14.04.2011

Einführung

Die bundesweite und europäische Debatte über eine Europäische Jugendstrategie und deren Realisierung genauso wie die Hinweise des Bundesjugendkuratoriums zu einer Neupositionierung von Jugendpolitik aus dem Jahr 2009 machen deutlich, dass die wirtschaftlichen, sozialen, technologischen und politischen Veränderungen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene unmittelbare Auswirkungen auf die Lebenssituationen junger Menschen haben und hieraus ein neuer Handlungsbedarf für Politik erwächst.

Erweiterte Bildungsansprüche im Sinne lebenslangen Lernens, die Globalisierung der (Arbeits-) Märkte, die Entwicklung von Medien und Kommunikation, Migration und kulturelle Vielfalt, die Fülle an unterschiedlichen Lebensformen, die Möglichkeiten weltweiter Mobilität aber auch der demografische Wandel stellen immer komplexere Anforderungen an junge Menschen.

Die Lebenslagen und die daraus resultierenden Bedürfnisse von Jugendlichen gestalten sich vielfältig und erfordern eine differenzierte Betrachtung. Jugend ist ein eigenständiger Lebensabschnitt, den junge Menschen in eigener Verantwortung für sich und ihre Umwelt selbstständig und selbstbewusst gestalten. Jugendliche haben dabei ihre eigenen Zukunftsansichten, individuelle Wert- und Lebensvorstellungen und Gestaltungswillen.

Ziel einer eigenständigen Jugendpolitik muss es sein, allen jungen Menschen gleiche Chancen für ihre persönliche Entwicklung, gesundes Aufwachsen, für Bildung und Beschäftigung sowie für gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Hierzu ist es notwendig, die Belange von jungen Menschen als Ganzes in den Blick zu nehmen und ressortübergreifend sowie über alle politischen Ebenen hinweg in allen Politikbereichen zu berücksichtigen.

Gleichzeitig ist die Jugendarbeit, in der sich junge Menschen selbst organisieren und mit ihren Initiativen einbringen, mit gezielten Maßnahmen zu stärken.
IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland begrüßt angesichts dieser Notwendigkeiten die Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, eine eigenständige Jugendpolitik gemeinsam mit allen Akteuren der Jugend betreffenden Arbeitsbereiche zu entwickeln.
Aufgrund seines Selbstverständnisses und seiner Aufgabenstellung wird IJAB im Folgenden vor allem auf die internationale Dimension von Jugendpolitik und die sich aus internationaler Jugendarbeit ergebenden Themen und Handlungsbedarfe eingehen.

Internationale Dimensionen / Themen in einer eigenständigen Jugendpolitik und Handlungsbedarf

Die Lebenswirklichkeiten von jungen Menschen sind heute ganz wesentlich durch internationale Einflüsse geprägt. Globale Vernetzung, weltweite Migration und europäische Einflüsse auf Politik und Gesellschaft führen zu einer Internationalisierung von Lebenswelten. Neben politischen und wirtschaftlichen Einflüssen geschieht diese Prägung für Jugendliche konkret durch Musik, Mode und Medien genauso wie durch das Zusammenleben mit Menschen anderer Kulturen oder durch das Reisen ins Ausland.

Dies gilt gleichermaßen für die Tätigkeit der Fachkräfte, die mit jungen Menschen arbeiten. Grenzüberschreitender Austausch ermöglicht sowohl ein Voneinander Lernen als auch das Vereinbaren und Umsetzen gemeinsamer Vorgehensweisen. Bisherige Erfahrungen zeigen nachhaltige Erfolge für die nationale Arbeit mit jungen Menschen. Für diesen internationalen Austausch bietet IJAB als Fachstelle umfassende Unterstützung durch Information und Beratung, Qualifizierung, Vermittlung von ausländischen Partnern und das Schaffen von europäischen und internationalen Maßnahmen und Foren für den fachlichen Austausch. Bis heute beteiligen sich nur wenige Fachkräfte im Jugendbereich an einem internationalen Austausch. Daher muss transnationaler fachlicher Austausch bereits in deren Ausbildung verankert und in Fortbildungsmaßnahmen eingeübt werden. Hier besteht noch weitreichender Handlungsbedarf.

Grenzüberschreitende Mobilität zu Erfahrungs- und Lernzwecken spielt für junge Menschen eine immer größere Rolle. Das zeigen die jährlich steigenden Nachfragen nach Auslandsaufenthalten. Hier geschieht in besonderer Weise selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen, das – wie aktuelle Studien belegen – jungen Menschen Einsichten in globale Zusammenhänge ermöglicht und wichtige Schlüsselkompetenzen vermittelt. Sie erlernen neue Fähigkeiten, die ihre Persönlichkeitsentwicklung in hohem Maße fördern, sie in ihrer Berufsfindung unterstützen und zu gesellschaftlichem Engagement ermutigen. Und sie gewinnen Wertschätzung für kulturelle Vielfalt, Solidarität und Toleranz, die ihre Kompetenzen zur Teilhabe an einer immer heterogeneren Gesellschaft erweitert. Soziale und kulturelle Vielfalt ist ein Charakteristikum pluralistischer Gesellschaften, in denen Menschen mit verschiedenen Hintergründen gleichberechtigt zusammenleben. Die Anerkennung von Vielfalt ist gerade für ein Einwanderungsland wie Deutschland eine Grundvoraussetzung für Freiheit und Entwicklung.

Durch internationale Programme werden junge Menschen befähigt, mit ihrer globalisierten Lebenssituation in ihrem persönlichen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Umfeld erfolgreich umzugehen und sich im Rahmen ihrer Interessen aktiv einzubringen. Hierzu bedarf es gleichfalls angemessener Beteiligungsstrukturen.
Vor diesem Hintergrund muss eine eigenständige und zukunftsorientierte Jugendpolitik transnationale Lern- und Mobilitätsprogramme in allen Bereichen fördern und ausbauen. Die Programme müssen partizipativ angelegt sein und sich an den Interessen von jungen Menschen orientieren. Auch müssen für die Zukunft mehr Angebote für sozial benachteiligte oder individuell beeinträchtigte junge Menschen entwickelt werden, die an ihre Lebensbedingungen anknüpfen und ihnen neue Erfahrungsräume außerhalb formaler Bildungswege eröffnen. Dies setzt ein ganzheitliches Bildungsverständnis voraus.

Ferner bedarf es geeigneter Instrumente der Anerkennung von Gelerntem, das in solchen Programmen nonformal oder informell erworben wird. Gemeinsam mit anderen Instrumenten der Anerkennung von nonformaler und informeller Bildung müssen sie Eingang finden in nationale und europäische Bildungsstrategien, wie z. B. den nationalen oder europäischen Qualifikationsrahmen. Hierzu sind politische Abstimmungsprozesse erforderlich, um jungen Menschen entsprechend ihrer Interessen und Bedürfnisse eine Vielfalt an Lernfeldern zu ermöglichen, die national und international offizielle Anerkennung finden.

(Vgl. dazu auch IJAB-Stellungnahme zur EU-Konsultation nicht-formales/informelles Lernen 2011)

Zu einer zukunftsorientierten Jugendpolitik gehört auch die Bildung für nachhaltige Entwicklung, die junge Menschen über die Vermittlung von Gestaltungskompetenz dazu befähigt, an der zukunftsorientierten Gestaltung der Gesellschaft aktiv mitzuwirken. Als Bildungskonzept ist es als Querschnittsaufgabe verstärkt zu implementieren. Dazu gehört auch, Nachhaltigkeit nicht nur als Bildungsauftrag, sondern auch als Selbstverständnis in alle Handlungsfelder zu integrieren.

Instrumente einer eigenständigen Jugendpolitik

Eine eigenständige Jugendpolitik benötigt Instrumente, die eine erfolgreiche Umsetzung sicherstellen. Bereits vorhandene Instrumente müssen überprüft und auf künftige Erfordernisse neu ausgerichtet werden.

Eine wichtige Voraussetzung für das Aufwachsen junger Menschen ist die Schaffung von adäquaten Rahmenbedingungen. Dazu gehören auch individuell auf die Person abgestellte Aktivitäten zu Erziehung und Bildung. Ebenso wichtig sind die Stärkung und Unterstützung von selbstbestimmter Jugendarbeit, die junge Menschen auf vielfältige Weise in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördert und entsprechende Entfaltungsräume bietet. Hierzu bedarf es einer angemessenen Förderung der Strukturen und der fachlichen Arbeit. Der Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP), aber auch die Kinder- und Jugendpläne der Länder müssen entsprechend finanziell ausgestattet und orientiert an den Zielen des Gesamtkonzepts einer eigenständigen Jugendpolitik weiterentwickelt werden.

Um eine eigenständige Jugendpolitik kohärent und zukunftsfähig zu gestalten, bedarf es einer transparenten ressortübergreifenden Zusammenarbeit, die auch alle Ebenen mit einbezieht. Die Partner aus den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe wie auch junge Menschen selbst sind in einen gemeinsam zu führenden Planungsprozess einzubeziehen.

Für eine eigenständige Jugendpolitik, die sich an den Interessen und Bedürfnissen Jugendlicher orientiert, sind auf allen Ebenen gesellschaftlichen Lebens umfassende Beteiligungs- und Mitbestimmungsstrukturen erforderlich, die eine große Breite von jungen Menschen in spezifischer Weise erreicht. Dazu ist auch der durch die europäische Ebene angeregte Strukturierte Dialog zu nutzen und offensiv auszubauen.

Eine zukunftsfähige Jugendpolitik benötigt eine kontinuierliche wissenschaftliche Beobachtung und Berichterstattung über die Lebensbedingungen junger Menschen. Um sicher zu stellen, dass die zu entwickelnde eigenständige Jugendpolitik auch Wirkungen erzielt, bedarf es gleichzeitig der regelmäßigen wissenschaftlichen Begleitung dieser Jugendpolitik. Entsprechend sind im Vorfeld abgestimmte Indikatoren zu formulieren.

Angesichts der globalen Entwicklungen ist nationale Jugendpolitik heute immer auch in Beziehung zu setzen zu den jugendpolitischen Entwicklungen und Strategien auf europäischer und internationaler Ebene. Diese müssen Eingang finden in eine nationale Jugendpolitik und dort mit berücksichtigt und umgesetzt werden. Die bisherigen Initiativen des BMFSFJ zur nationalen Umsetzung einer europäischen Jugendstrategie sind daher mit einer eigenständigen und ressortübergreifenden kohärenten Jugendpolitik unbedingt zu verbinden.

In Anbetracht einer europäischen Jugendstrategie und internationaler Initiativen, die die Teilhabe und die Verbesserung der Lebenssituationen junger Menschen zum Ziel haben, muss in allen nationalen Politikbereichen, die junge Menschen tangieren, ein europäischer und internationaler Austausch erfolgen. Auf diese Weise kann künftigen globalen Entwicklungen viel früher und effizient jugendpolitisch Rechnung getragen werden. Ebenso können neue Impulse aus dem Ausland für die nationale Jugendpolitik gewonnen und darüber hinaus fachliche und politische Initiativen in die europäische und internationale Zusammenarbeit im Jugendbereich eingebracht werden.

Gestaltung eines gemeinsamen Prozesses

Zur Entwicklung einer eigenständigen Jugendpolitik bedarf es eines gemeinsamen dialogischen Prozesses mit allen für den Jugendbereich relevanten Akteuren. Entscheidend für den Erfolg der weiteren Arbeit ist die Erarbeitung eines gemeinsamen Verständnisses von „Eigenständiger Jugendpolitik“. Dem folgend ist ein langfristiges Gesamtkonzept zu entwerfen, das ungeachtet von Legislaturperioden bestehen kann. Ein solches Gesamtkonzept sollte nachvollziehbare realistische jugendpolitische Ziele und entsprechende Schwerpunkte beschreiben sowie Verfahren vorsehen, die zeitnahe Reaktionen auf aktuelle Veränderungen in den Lebenslagen junger Menschen ermöglichen. Für die Umsetzung bedarf es klarer Strukturen, einer abgestimmten Aufgabenverteilung zwischen öffentlichen und freien Trägern, effektiver Instrumente (s. o.) und einer am tatsächlichen Bedarf ausgerichteten finanziellen Ausstattung.

IJAB kann zu diesem Prozess aufgrund seiner Mitgliederstruktur (Mitgliedschaft aller bundeszentralen Träger der Jugendarbeit, der Kommunalen Spitzenverbände sowie der Länder und beratende Mitwirkung des Bundes) den Dialogprozess aktiv mit gestalten. Mit seiner europäischen und internationalen Expertise kann IJAB im Diskurs die Erfahrungen mit Jugendpolitiken in anderen Ländern beitragen und entsprechende Impulse geben. Die Fachstelle leistet ein kontinuierliches Monitoring über die Entwicklungen auf internationaler und europäischer Ebene sowie in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern. Unterstützend steht hierfür u. a. die Datenbank für internationale Jugendarbeit mit Länderinformationen aus über 40 Ländern zur Verfügung. Gleichzeitig bietet das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe eine geeignete Plattform, den Kommunikationsprozess über die zu entwickelnde eigenständige Jugendpolitik wirksam zu befördern.

Zu den Themen einer künftigen eigenständigen Jugendpolitik kann IJAB gezielt einen fachlichen Austausch mit relevanten Ländern organisieren, so dass von den Erfahrungen und dem Wissen in anderen Ländern profitiert werden kann. In den letzten drei Jahren hat IJAB z. B. zu Jugendmedienkompetenz, Jugendmedienschutz, Partizipation, Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund und weiteren Themen entscheidende Beiträge aus der Kooperation mit dem Ausland geliefert, die unmittelbar Eingang in die nationale Jugendarbeit fanden.

Ebenso unterstützt IJAB mit seinem Know how alle Möglichkeiten, junge Menschen am Entwicklungsprozess einer eigenständigen Jugendpolitik durch E-Partizipation und webgestützte Veranstaltungsformate zu beteiligen.

IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit
der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Godesberger Allee 142-148
53175 Bonn
Tel. 0228 9506-0
info@DontReadMeijab.de



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